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Henrik Schepler begutachtet den VW Touareg, dessen Panzerung das bayerische Beschussamt auf Herz und Nieren prüfte.

Carl Friederichs GmbH

Gebaut, um beschossen zu werden

Rettungswagen, Busse für Justiz und Polizei, Luxus-Limousinen und gepanzerte Fahrzeuge für Staatsgäste: Die Karosseriebauer der Carl Friederichs GmbH bauen fast alles. Angefangen haben sie vor 175 Jahren als Kutschenmanufaktur.

Von Wilke Bitter

Schlimm hat es den gelben VW Touareg erwischt, der in der Prototypenhalle der Carl Friederichs GmbH in der Schlitzer Straße 6–10 steht. Rund 500 tiefe, ausgefranste Einschusslöcher, vom Kleinkaliber bis zur 7,62-Millimeter-Nato-Patrone, zieren Scheiben, Türen und das Heck des Geländewagens. Der Kotflügel neben der zerbeulten Beifahrertür fehlt komplett: „Den haben die Handgranaten weggerissen“, sagt Henrik Schepler, Geschäftsführer für den Spezialfahrzeugbau.

In einem Krisengebiet war das Fahrzeug nicht, erklärt Schepler: Den desolaten Zustand verdankt es dem bayerischen Beschussamt, das die Schutzeigenschaften auf Herz und Nieren testete. Das Prädikat: Schusssicher ohne Einschränkung. „Dass der Prototyp noch fahrtüchtig ist, bezweifle ich“, sagt Mit-Geschäftsführer Stephan Berger. 175 Jahre nach der Gründung der einstigen Kutschenmanufaktur seien die Auftragsbücher voll – mit Arbeiten wie der Entwicklung dieser gepanzerten Geländelimousine. Aber auch Rettungswagen, Geldtransporter oder Busse für Polizei und Justiz entstehen hier.

In 175 Jahren hat sich die Fahrzeugbranche sehr verändert – und mit ihr das Unternehmen. Im Gründungsjahr 1840 blühte das Sattler- und Karosseriehandwerk. Damals verlegte sich Heinrich Ludwig Friederichs auf den Trend zu immer aufwendigeren, prunkvolleren Kutschen für reiche Handelsherren und Fürsten. Seine Lackierungen und Fuhrwerke der Typen Landauer, Coupé und Halbverdeck, damals noch in der Biebergasse 198 an der Hauptwache, waren beliebt.

Als sein Sohn Carl, dessen Namen das Unternehmen trägt, die Firma 1876 übernahm, verlegte er sich auf Motorfahrzeuge: Einzelkarossen und Spezialanfertigungen für Hersteller wie Maybach, Benz und Horch. Nach dem 2. Weltkrieg siedelt sich mit Rudolf Friederichs das Unternehmen in der Hardenbergstraße an. Aus Platzmangel zog man in den 1960er Jahren auf das heutige Gelände.

Seit den 1970er Jahren exportiert die Firma auch ins Ausland. 2004 und 2006 wurde das Gelände in Fechenheim um ein Lackier- und eine Reparaturhalle erweitert. Heute machen diese zwei Sparten rund die Hälfte der 18 Millionen Euro Jahresumsatz aus. Auch der Kundenstamm hat sich seit der Zeit des Biedermeier gewandelt: Die Grafen und Fürsten von einst sind der Deutschen Bundesbank, Nationalstaaten aus aller Welt und internationalen Organisationen gewichen. Der zerschossene Touareg etwa ist ein Prototyp jener Fahrzeuge, in denen niederländische OSZE-Beobachter das Schicksal des wahrscheinlich abgeschossenen Flugs MH 17 in der umkämpften Ost-Ukraine untersuchen. Das Exportgeschäft sei für die Fahrzeugbau-Sparte wichtig, sagt Schepler, „Rund 90 bis 95 Prozent der Autos, die wir in geringeren Stückzahlen von bis zu zehn Exemplaren bauen, gehen ins Ausland.“ In Westafrika und im Nahen Osten wachse die Nachfrage am stärksten. Basis für die Spezialanfertigungen sind stets handelsübliche Autos, die die Entwicklungsabteilung nach den Vorstellungen der Kunden umbaut. Meist würden deutsche Fabrikate gewünscht, sagt Schepler. Als gelernter Karosseriebauer mischt er sich auch gelegentlich selbst in die Entwicklung ein. „Wo ich kann, nehme ich die Prototypen mit nach Hause, und ich horche beim Herumfahren, ob irgendwo etwas klappert.“ Statt auf Größe setzte das Unternehmen auf Spezialisten, die „wir gezielt suchen oder selbst ausbilden“, sagt Berger. Einer von ihnen ist der 18-jährige Lackierer Maid Karasalihovic: Er ist deutscher Meister im Wettbewerbslackieren und fliegt im August zur Lackierer-Weltmeisterschaft nach Brasilien.

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