1. Startseite
  2. Frankfurt

Ein geflügelter Phallus als Symbol des Glücks

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Im Kreuzgang des Karmeliterklosters ist ein besonderer Stein aus der Römerzeit zu finden, wie im Buch „Frankfurter Geheimnisse“ nachzulesen ist. Der Phallus darauf steht aber keineswegs für ein Bordell.

In einem Kreuzgang würde man viel erwarten. Aber keinen Phallus. Schon gar nicht mit Flügeln. Auf einem hier ausgestellten Sandsteinblock ist aber genau das zu sehen: ein reliefartig gearbeiteter Phallus mit Flügeln. Ihm gegenüber kniet eine Frau, die kleiner ist als das männliche Geschlechtsteil und es stützt. Bei genauem Hinsehen entdeckt man, dass sie mit ihrer anderen Hand einen weiteren, kleineren Penis hält, der auf ihren Schoß zielt. Und schließlich lässt sich noch erkennen, dass das ungewöhnliche Gebilde mit den zwei Phalli auch noch Füße hat! Die Abbildung ist nicht komplett erhalten, sondern die Spitze des größeren Phallus ist offenbar ergänzt worden, wie man an der abweichenden Steinstruktur an dieser Stelle deutlich sehen kann.

Drittes Jahrhundert

Dr. Carsten Wenzel, provinzialrömischer Archäologe und Mitarbeiter des Archäologischen Museums, hat eine spannende Erklärung für diese ungewöhnliche Abbildung, schränkt aber gleich ein: „Über die Herkunft des Steines wissen wir eigentlich sehr wenig. Es gibt eine Fundmeldung von 1823, in der es heißt, er sei ,bei einem Bade‘ gefunden worden.“ Wenzel ist sich sicher, dass der Stein um das dritte Jahrhundert in einem Haus verbaut war – deutlich sichtbar, zur Straße hin.

Eine Zeitlang habe man vermutet, dass er auf ein römisches Bordell, ein „Lupanar“ hinweist, Wenzel schließt das aber quasi aus: „Wir kennen aus der römischen Zeit nur ein einziges Bordell. Und das ist in Pompeji.“ Andererseits seien aber aus dem Römischen Reich – und der Stein stammt ja aus der Frankfurter Römerzeit – Hunderte vergleichbarer Steine bekannt. In einem Buch über Pompeji zeigt der Archäologe mehrere solcher Abbildungen – zwar keinen Penis mit Flügeln, aber ein Phallussymbol und darüber den Spruch: Hic habitat felicitas, was so viel bedeutet wie: Hier wohnt das Glück. Und das weise den Weg zur Erklärung, sagt Dr. Wenzel: „Diese geflügelten männlichen Geschlechtsteile, oder überhaupt die männlichen Geschlechtsteile, stehen für die Fruchtbarkeit und für Glück. Zugleich sind es unheilabwehrende Symbole. Wenn jemand so etwas an der Hauswand hängen hatte, bedeutete das: Glück nach innen und Böses muss draußen bleiben.“

Bei einem Urlaub in Tunesien habe er selbst „bei jedem dritten oder vierten Haus“ so einen Stein gesehen. Nicht exakt in dieser Darstellung mit der knienden Frau, aber geflügelte männliche Geschlechtsteile in verschiedenen Variationen. „Wenn die Schilder jeweils auf Bordelle hinweisen würden, hieße das, dass in jedem dritten oder vierten Haus ein Bordell war, das ist geradezu lächerlich“, sagt Wenzel. Die Abwehr des Bösen durch das geflügelte männliche Geschlechtsteil hält er für viel wahrscheinlicher: „Die antiken Menschen haben sich ja ständig von magischen Kräften umgeben gefühlt.“

Ein schönes Beispiel, das heute noch bekannt ist, seien Türknaufe mit Löwenköpfen. „Die waren in der Römerzeit auch schon vorhanden und hatten eine andere Funktion als heute. Denn sie sollten nicht nur schön aussehen, sondern der Löwe war auch der Türwächter. Er hat gegen Einbrecher geschützt.“ So sei auch der geflügelte Penis als Schutz gegen alle Arten von Übel zu verstehen. Und als Symbol für das Glück, die Fruchtbarkeit und den Wohlstand der Besitzer.

Auch auf Gefäßen aus der Römerzeit, sogar auf solchen, die für die Asche der Verstorbenen dienten, fänden sich derartige Darstellungen, sagt Wenzel – auch hier wieder als Symbole des Glücks und der Abwehr des Bösen – also um den Verstorbenen zu schützen.

Horizontales Gewerbe

Wenzel weist auch noch mal auf die Stelle hin, an der der Phallus restauriert wurde. „Man kann sich fragen, warum gerade diese Stelle“, sagt er. Der Archäologe vermutet, dass Gäste des Hauses beim Eintritt über die Spitze des männlichen Geschlechtsteils strichen, um Glück ins Haus zu bringen. Derartige Praktiken (wenn auch nicht mit Phallussymbolen) findet man heute noch häufig. Menschen glauben immer noch, es bringe Glück, bestimmte Figuren oder Symbole an bestimmten Stellen zu berühren. „Es geht also um ein glücksbringendes Symbol und nicht um einen Hinweis auf ein Bordell“, schlussfolgert Wenzel und ergänzt noch ein interessantes Detail über das horizontale Gewerbe in der Römerzeit: „Obwohl wir nur ein Bordell für diese Zeit kennen, gehen wir davon aus, dass auch die Bedienungen in Kneipen sich für die Liebe bezahlen ließen.“ Es gebe sogar Rechnungsbelege aus jener Zeit, an denen sich das nachweisen lasse. Und Hunderte von entsprechenden Graffiti, die darauf hindeuten: Die Kunden schrieben sinngemäß eine Bewertung an die Hauswand der Dame, die sie besuchten. Wenzel: „Da konnte man sich informieren, wo was geboten wird und mit wem. Das ist die reinste Pornografie, was da drinsteht.“

Und der Weg des Steines? Von einem privaten oder öffentlichen Gebäude im dritten Jahrhundert in den Kreuzgang des Karmeliterklosters? Wenzel geht davon aus, dass der Stein sich an einem Haus befand, das nach dem Weggang der Römer Ende des dritten Jahrhunderts ebenso wie viele andere Gebäude zerfiel. „Später haben die Landwirte dann auf diesen Flächen Äcker bestellt. Und die haben sich am Anfang natürlich erst einmal furchtbar geärgert. So lange da noch die römischen Ruinen standen, waren die im Weg.“ Doch dann seien die Landwirte darauf gekommen, dass diese schönen, schweren Steine ihren Wert haben, und hätten sie verkauft. „Das ist auch für die Stadt Frankfurt im 15. Jahrhundert belegt, da hat man die Ruinen als Steinbruch genutzt.“ Manch ein Stein sei auch liegengeblieben und im Laufe der Jahrhunderte im Boden versunken.

„Im 19. Jahrhundert haben die Bauern die Steine dann systematisch ausgegraben, weil die Felder so schlecht zu bearbeiten waren.“ Am Anfang hätten sie sich, wie ihre mittelalterlichen Vorgänger, darüber geärgert. „Doch dann haben sie irgendwann begriffen, dass sie ihre Funde für viel Geld verkaufen können. Das hat eine richtige Goldgräberstimmung ausgelöst.“ Und der Stein mit den geflügelten Phallussen sei vermutlich im Zuge einer solchen Ausgrabung wohl in der Nähe eines Bades gefunden und dann verkauft worden. Insofern hatte er seinen Zweck erfüllt und seinem Finder Glück in Form von Geld gebracht.

Auch interessant

Kommentare