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Joachim Valentin im Haus am Dom, dass der katholische Theologe im Geiste der liberalen Stadtgesellschaft als einen Ort der kritischen Auseinandersetzung etabliert hat ? mit der Rückendeckung des Stadtdekans, immer wieder gegen den Widerstand mancher Kirchenoberen. Joachim Valentin aber sagt: ?In zehn Jahren bin ich noch hier ? so Gott will.?

Porträt

Gegen Missbrauch von Menschen und Macht: Wie der katholische Theologe Joachim Valentin seinen Kampf von innen führt

Er leitet das Haus am Dom und möchte es mit der freien Stadtgesellschaft verbinden – in jeder Weise. „Es gibt Bischöfe und Kardinäle, die völlig anders denken als wir“, sagt Joachim Valentin.

Die Fotografien des Papstes und des Bischofs sind gar nicht so leicht zu finden. Man muss im Erdgeschoss des Hauses am Dom erst hinter eine Säule schauen, dort hängen sie an der Wand. Denn dieses Kultur- und Veranstaltungszentrum des Bistums im Herzen der Altstadt versteht sich als Mittler zwischen der katholischen Kirche und der Gesellschaft – nicht aber als Vollstreckungsorgan der päpstlichen Hierarchie. Seit der Eröffnung 2007 hat es 2018 sein erfolgreichstes Jahr gefeiert: 90 000 Menschen kamen zu rund 1500 Veranstaltungen. Joachim Valentin, Direktor von Anfang an, könnte also ein zufriedener Mensch sein. Und doch steht der 53-Jährige im Foyer, schaut ernst und sagt: „Es war ein schreckliches Jahr für die katholische Kirche.“

Der Besucher liest, was die Institutionen der Kirche in Frankfurt gerade heftig umtreibt. Die Hochschule St. Georgen, das Herz der katholischen Soziallehre in Deutschland, lädt in diesen Tagen unter dem bangen Motto: „Am Abgrund – und wie weiter? Die Kirche und der Missbrauch“. Zu Gast bei den Studierenden ist der Missbrauchsbeauftragte der Katholischen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann.

Joachim Valentin kommt gerade zurück vom Treffen aller Leiter der katholischen Akademien in Deutschland. „Wir haben darüber diskutiert, wie die Kirche sich verändern muss, und wollen dazu eine Veranstaltungsreihe organisieren.“ Aber der Theologe lässt keinen Zweifel daran, dass er die Reaktion der Bischofskonferenz auf den jahrzehntelangen Missbrauch für unzureichend hält. „Es gibt Kräfte in der deutschen Kirche, die keinen Dialog wollen“, sagt er und kritisiert „die Unversöhnlichkeit, mit der da agiert wird“.

Wie wird dieser Kampf ausgehen? „Ich bin im Moment ratlos“, sagt der katholische Manager offen. Die Kirche in Frankfurt sei in dieser Auseinandersetzung „ein Ort, auf den geschaut wird“. Und zugleich ein Hort der Liberalität. Valentin blendet zurück auf die jüngste Auseinandersetzung um den Rektor der Hochschule St. Georgen, Ansgar Wucherpfennig. Der Vatikan wollte ihm die Erlaubnis entziehen, sein Amt auszuüben, wegen seiner liberalen Positionen zur Homosexualität, zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, zur Rolle der Frauen im Gottesdienst.

„Wir müssen unserem Bischof Georg Bätzing dankbar sein, dass er hinter Wucherpfennig steht, und wir können uns glücklich schätzen, dass wir unseren Stadtdekan haben.“ Johannes zu Eltz hatte sogleich den Rektor von St. Georgen unterstützt. Inzwischen hat Wucherpfennig die Erlaubnis bekommen, sein Amt weiterzuführen.

Aber Valentin macht sich nichts vor. „Es gibt Bischöfe und Kardinäle, die völlig anders denken als wir.“ Und in der gesamten Gesellschaft sei der Kampf zwischen den rückwärtsgewandten Kräften und dem Fortschritt voll im Gange. Beim Gang hinauf zu seinem Büro, kommt der Theologe auf den Begriff der Angst zu sprechen, den er für zentral hält in diesem Konflikt. „Es gibt eine Angstreaktion – viele Menschen sind von zu viel Gleichstellung und Multikulturalität überfordert.“ Diese Menschen wollten „lieber den Clash of civilisations als die Harmonie“.

Valentin selbst wirkt angespannt. Es scheint stets so, als habe er keine Zeit zu verlieren, als sei sein Alltag bis auf die Minute durchgeplant. Er bemüht sich, akzentuiert, wie druckreif zu sprechen. Erzählt von seiner 50-Stunden-Woche, von den Tagen, „an denen ich froh bin, wenn ich zum Schlafen und zum Zähneputzen komme“.

Er kann auch schneidend scharf sein. Etwa, wenn er auf die Skandalgeschichte des früheren Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst zu sprechen kommt. „Für mich war diese Zeit die Feuerprobe.“ Der Bischof machte mit dem Neubau seines luxuriösen Sitzes in Limburg, dessen Kosten mit mehr als 30 Millionen Euro aus dem Ruder liefen, bundesweit Schlagzeilen.

Aber auch umstrittene Personalentscheidungen, eine eidesstattliche Falschaussage und ein Luxusflug nach Indien führten am Ende dazu, dass der Papst ihn 2014 absetzte. Tebartz-van Elst und sein Generalvikar hatten 2012 den Leiter des kirchlichen Hauses der Begegnung in Frankfurt, Patrick Dehm, entlassen. Der hatte den Vorwurf erhoben, der Generalvikar wolle das Gebäude im Westend „verscherbeln“.

Valentin erinnert sich: „Es hatte sich ein Klima der Angst ausgebreitet.“ Er selbst positionierte sich eindeutig gegen seinen Bischof, gab 2014 ein Buch zu dem „Fall Tebartz-van Elst“ heraus. Sein Motto lautet: „Wenn wir ernst genommen werden wollen, müssen wir vor der eigenen Haustür kehren.“ Aber hat Valentin keine Angst, einmal sein Amt zu verlieren? Der Manager weicht dieser Frage zunächst aus, mäandert über andere Dinge. Um dann doch ganz klar zu antworten: „Nein, ich habe keine Angst.“

Wir sprechen über den Glauben, den der Direktor letztlich als Triebfeder für sein Handeln nennt. „Ja, ich bin ein gläubiger Mensch.“ Franz Kamphaus, der frühere Bischof von Limburg, eine Galionsfigur der katholischen Soziallehre mit asketischer Lebensführung, war „eine ganz wichtige Figur“ für ihn. Sein Glaube, sagt Valentin, „gründet sich auf das Leben Jesu und dass Gott sich in ihm offenbart hat“. Pause. Und dann: „Das ist eine Kraft, die mächtiger ist als der Tod.“

Wieder stockt unser Gespräch, das jetzt sehr ernst geworden ist. Von Anfang an ist es Valentin wichtig gewesen, das Haus am Dom mitten in der liberalen Stadtgesellschaft zu positionieren. Er ist überall präsent, wo diese Stadtgesellschaft sich trifft. Als die US-Künstlerin Cindy Sherman jüngst den Max-Beckmann-Preis der Stadt erhielt, war Valentin selbstverständlich im Kaisersaal mit dabei. Auf das Haus am Dom mit seiner hellen, lichten Durchlässigkeit nach dem Entwurf des Architekten Jochem Jourdan ist Valentin stolz.

Mit einem Lächeln ruft er sich noch einmal die ersten Reaktionen ins Gedächtnis, als das Haus 2007 eröffnet worden war. „Die Leute haben gesagt: Da hat die evangelische Kirche wieder was Tolles gebaut.“ Den Katholiken habe man das überhaupt nicht zugetraut.

Das Programm ist der Versuch, Brücken zu bauen. Da geht es um gemeinschaftliches Wohnen und die Wohnungsnot in Frankfurt, um den christlich-buddhistischen Dialog, um die Religion in der postsäkularen Gesellschaft (mit dem 90-jährigen Philosophen Jürgen Habermas), aber auch um den „alltäglichen Antisemitismus“ und den „digitalen Kapitalismus“. Der Direktor möchte, dass sein Haus abbildet, was die Gesellschaft bewegt. „Ich habe einen Auftrag, und der heißt kulturelle Diakonie – die Stadt ein Stück weit begleiten.“

Und dann entwirft er sein Zukunftsbild von der katholischen Kirche. „Die Kirche muss sich dem Thema Machtmissbrauch stellen“, und dabei gehe es keineswegs nur um den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, „sondern um die Frage: Wer hat die Macht und wer kontrolliert die Macht?“. Er fordert eine „unabhängige Gerichtsbarkeit“ für die Kirche. Er ist überzeugt davon, „dass es in Deutschland in mehr als der Hälfte der Diözesen den Willen nach echter Veränderung gibt“. Er setzt darauf, dass in der Zukunft auch Diakoninnen geweiht werden.

Wenn dieser Wandel nicht gelinge, verliere die Kirche endgültig ihren Status als moralische Instanz. Nein, sagt Joachim Valentin, er ist kein Traumtänzer. Er weiß, dass die Zahl der Gläubigen weiter schwinden wird – und damit die Mittel, die Häusern wie dem seinen noch zur Verfügung stehen. „In zehn Jahren haben wir ein Drittel weniger Budget, und wir laufen jetzt schon auf einen Personalmangel zu.“ In dieser Entwicklung, davon ist er überzeugt, „werden die Klöster wichtiger werden“, als die letzten Zentren des Glaubens. Aber der 53-Jährige setzt auch auf die sozialen Medien. „Ich habe über 3000 Facebook-Freunde.“ Und gerade ist sein Team dabei, „den Instagram-Auftritt zu professionalisieren“. Valentin ist entschlossen, sich nicht entmutigen zu lassen. Er weiß: „Es gibt eine Kirche jenseits der Skandale“, jenseits des „Verzopften und Rückwärtsgewandten“. Auf die setzt er. Und seinen Gegnern kündigt er an: „Ich zehn Jahren bin ich noch hier – so Gott will.“

von CLAUS-JÜRGEN GÖPFERT

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