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Ersthelfer nach Horror-Unfall auf der A3: „Was wir nicht verstehen, ist, dass Menschen so teilnahmslos sind“

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Von: Sabine Schramek

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Ein Ehepaar hat nach dem tragischen Autounfall auf der A3, bei dem ein Ersthelfer ums Leben kam und elf weitere Menschen zum Teil schwer verletzt wurden, sofort geholfen.

Frankfurt – Die Bilder, die Beate und Dirk Brüggemeier aus Hofheim vor Augen haben, werden sie lange verfolgen. Sie waren "nach einem schönen Tag" auf dem Rückweg von einer Hochzeit, als sie Metallteile auf der A3 in Höhe Flughafen gesehen haben. "Vor uns sind Autos einfach weitergefahren - im Slalom um die Teile", erinnert sich die Frau, die am Steuer saß. Ihr Mann wollte sofort aussteigen, sie hielt ihn zurück, bis sie im Schritttempo die Lage gecheckt und das Auto quer gestellt hatte, um "Slalomfahrer" ausbremsen zu können.

"Da stand ein Auto, völlig kaputt. Eine Frau daneben. Schwerstverletzt, überall war Blut. Sie war ansprechbar", berichtet Dirk Brüggemeier, der Ersthelfer in seinem Job bei einer Fluggesellschaft ist und alle 1,5 Jahre seine Erste-Hilfe-Ausbildung auffrischt. "Trotzdem war ich überfordert. Sie hatte Schmerzen am Rücken und Hals, ich habe die Frau, die zitterte und völlig unter Schock stand, mit einem anderen Mann, der am Kopf verletzt war und gleichzeitig angerannt kam, ans Auto gelehnt, damit sie sich anlehnen kann. Ich habe sie an der Seite gestützt, mit ihr gesprochen, sie beruhigt."

Tödlicher Unfall auf der A3: „Niemand aus den anderen Autos kam zur Hilfe“

Der andere Mann sei weitergelaufen, habe an der Leitplanke noch einen Schwerstverletzten entdeckt, der kurz darauf verstorben sei. Die Polizei meldete später, dass es sich bei dem Toten ebenfalls um einen Ersthelfer gehandelt habe. "Es ging so schnell, es hat sich angefühlt wie eine Ewigkeit. Niemand aus den anderen Autos kam zur Hilfe", sagt Dirk Brüggemeier. Seine Frau Beate, die im therapeutischen Bereich tätig ist und gewaltfreie Kommunikation lehrt, hat Handschuhe aus dem Erste-Hilfe-Kasten geholt und nach einer Decke für die frierende Frau geschrien. Niemand hat geholfen. "Also habe ich eine Tasche aus Daunenimitat ausgeleert, die ich von der Hochzeit dabei hatte und sie zum Wärmen gebracht", sagt sie immer noch erschrocken.

"Es hat sich wie eine Ewigkeit angefühlt": Unfall-Ersthelfer Dirk und Beate Brüggemeier aus Hofheim.
"Es hat sich wie eine Ewigkeit angefühlt": Unfall-Ersthelfer Dirk und Beate Brüggemeier aus Hofheim. © Maik Reuß

Aus einem Wagen stieg ein Mann aus, der eine Polizeiweste trug. "Er hat die Autofahrer gestoppt, die weiterfahren wollten. Die wollten immer noch durchfahren", ist sie fassungslos. "Woher er die Weste hatte, habe ich in dem Moment nicht verstanden. Es war wie im Krimi, aber er hat den Verkehr gestoppt." Später erfuhr das Paar, dass es ein Polizist war, der privat unterwegs war, aber sofort eingegriffen hat, als er die Tragödie gesehen hat.

Unfall auf der A3 am Flughafen Frankfurt: Lob für die Rettungskräfte

Die Rettungskräfte seien schnell gekommen. "In zehn Minuten waren Rettungswagen, THW, Feuerwehr und Polizei da. Trotzdem schien die Zeit endlos, bis sie da waren", so die beiden beherzten Helfer. "Hut ab, wie koordiniert, schnell und ruhig sie sich ein Bild gemacht haben, sich um die Verletzten gekümmert haben."

Dirk Brüggemeier blieb bei der verletzten Frau, die sofort von einem Notarzt betreut wurde. "Sie hatte Sorgen um ihren Mann und ihre Hunde, die noch im Auto waren. Ich habe nicht erkannt, dass in dem Fahrzeugwrack noch jemand war. Die Feuerwehr hat geholfen, ich habe die Infusion vom Notarzt für die Frau gehalten und mit ihr geatmet, als sie Sauerstoff bekommen hat."

Ersthelfer bei tödlichem Unfall in Frankfurt: „Was wir nicht verstehen, ist, dass Menschen so teilnahmslos sind“

Die Erinnerungen von Beate und Dirk Brüggemeier überschlagen sich. "Das Schlimmste war, dass niemand mitgeholfen hat von den Autofahrern. Wir machen uns Vorwürfe, dass wir nicht noch mehr tun konnten." Ihnen geholfen hat die Polizei. "Sie haben gefragt, ob wir fahren können und gesagt, dass wir uns jederzeit melden können, wenn der Schock kommt." Der Schock kam zeitversetzt nach dem Aufwachen. "Ich habe die Bilder vor Augen gehabt und geweint. Mein Mann hat geweint, als er mich sah. Da haben wir angerufen. Eine Stunde später waren drei Polizisten und zwei Seelsorger bei uns. Das war perfekt und hat uns so sehr geholfen. Vor allem ein Polizeibeamter konnte uns sachlich erklären, was vorgefallen ist, und hat mit uns sehr empathisch unsere Emotionen aufgearbeitet."

Laut Polizeimeldungen kam es um 4.30 Uhr zunächst zu einem Auffahrunfall eines VW-Transporters mit einem Seat. Ein weiteres Fahrzeug habe auf dem Seitenstreifen angehalten. Dessen Insassen seien zu Hilfe geeilt. Dann fuhr ein weiteres Fahrzeug in die Unfallstelle.

Kurz darauf kamen die Brüggemeiers am Ort des Geschehens vorbei. Dass sie jederzeit wieder helfen würden, ist für sie klar. "Was wir nicht verstehen, ist, dass Menschen so teilnahmslos sind, so kalt", sagt Dirk Brüggemeier. "Wer sich nur einen Moment in die Lage eines Verletzten versetzt, weiß doch, dass alles hilft. Reden, Hand halten, da sein. Hauptsache irgendwas. Wer Angst vor Blut hat, oder davor, etwas falsch zu machen, kann bereits mit Empathie den Menschen helfen." (Sabine Schramek)

Zeugen gesucht

Die Polizei sucht zudem nach einem Kleinwagen, vermutlich ein Smart in Rot mit schwarzem Dach. Er soll den später gestorbenen Ersthelfer erfasst haben, fuhr aber weiter. Hinweise bitte an die Polizeiautobahnstation Frankfurt unter der Telefonnummer (069) 755 46400.

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