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Zehn Schilder mit der Aufschrift ?KZ Adlerwerke? zählte Ralf Nitschke um das Gebäude in der Kleyerstraße. Das ist ihm zu viel.

Kunstaktion sorgt für Ärger

Wo geht es eigentlich zum "KZ Adlerwerke"?

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Das Kunstprojekt „Achtung, Achtung!“ will mit Wegweisern mit der Inschrift „KZ Adlerwerke“ bewusst irritieren. Doch Beschäftigten der Deutschen Bahn im Gebäude in der Kleyerstraße geht die Aktion zu weit.

Ralf Nitschke ist schockiert, möchte am liebsten, dass die Schilder so schnell wie möglich wieder entfernt werden. Allerdings setzt er sich auf diesem Weg auch zum ersten Mal bewusst mit der Geschichte seines Arbeitsplatzes auseinander: „Grundsätzlich war die deutsche Vergangenheit eine sehr schlimme und grausame, und ich verurteile auch die im Dritten Reich verübten Verbrechen“, stellt er klar. „Der Hinweis auf ein ,ehemaliges KZ ’ wäre deshalb in Ordnung. Aber die jetzige Beschilderung geht entschieden zu weit!“

Stein des Anstoßes sind die zehn Wegweiser mit der Aufschrift „KZ Adlerwerke“, die als Teil des Kunstprojekts „Wider das Vergessen – Gedenken an das KZ-Außenlager in Frankfurt am Main“ der Künstler Naneci Yurdagül und Thomas Müller in der Umgebung des Werksgebäudes angebracht wurden (wir berichteten). Darin befand sich von August 1944 bis März 1945 das KZ-Außenlager „Katzbach“. 528 der 1600 inhaftierten polnischen Häftlingen starben damals an den grausamen Lagerbedingungen, viele weitere auf den anschließenden Todesmärschen.

Sechs der zehn Schilder hat Nitschke in der direkten Nähe des Werksgebäudes entdeckt. „Die heutigen Adlerwerke sind kein KZ. Und die hier arbeiten, arbeiten auch nicht im KZ“, sagt Nitschke. Zwar wurde er durch die Aktion auf das KZ Katzbach aufmerksam und befürwortet die Einrichtung einer Gedenkstätte. Doch für Menschen, die im heutigen Gebäude ihren Arbeitsplatz haben, sei die Gleichsetzung mit dem NS-Lager durch Hinweisschilder, die wie Wegweiser im Straßenverkehr anmuten, „sehr bedrückend und unerträglich“. Und sie würden auch heutige soziale Einrichtungen in Misskredit bringen: „Der liebevoll eingerichtete Kindergarten ist schließlich auch nicht in einem KZ entstanden!“

Nitschke berichtet von rund zehn Arbeitskollegen, die seine Meinung teilen – und damit nicht alleine sind: „Auch bei uns haben sich Leute beschwert. Und das ist sehr wohl nachvollziehbar, da diese Art der künstlerischen Auseinandersetzung provozierend und diffamierend auf die Leute wirkt, die heute in diesem Haus tätig sind“, sagt Winfried Becker, Leiter des Gallus Theaters. „Die Leute fragen uns, was die Schilder bedeuten sollen. Denn es wird nicht aufgelöst, dass sich hinter den KZ Adlerwerken das KZ Katzbach verbirgt“, beklagt auch Lolek Lorey, Betreiber des Lokals „Horst“. Der Künstler habe anders als seine Vorgänger niemanden in den Adlerwerken über sein Projekt informiert.

Es kam auch zu Anrufen bei der Polizei und sonstigen städtischen Behörden – freilich ohne Erfolg, da die Kunstaktion schließlich ein Teil der mehrjährigen Gedenkaktionen gegen die NS-Geschichte der Adlerwerke mit dem Kulturamt abgestimmt ist. Dort will man gezielt gegen das Verdrängen und Vergessen vorgehen – und das völlig zu Recht, wie jüngste Untersuchungen zeigen: Denn mit der neuen Erkenntnis, dass in den Adlerwerken wie in vielen anderen deutschen Fabriken Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, steht Nitschke nicht alleine: So ergab eine repräsentative Umfrage des Studienkreises Deutscher Widerstand bei Frankfurter Schülern, dass das KZ Katzbach nicht einmal zwei Prozent der Befragten bekannt ist. Auch den Bunker an der Friedberger Anlage kennen nur acht Prozent der befragten Schüler als Mahnmal an die in der Pogromnacht zerstörten Synagoge.

Kunst darf verstören

! Bei der Kunstaktion geht es darum, sich der Geschichte zu stellen, man darf ihr nicht ausweichen“, verteidigt deshalb Antje Runde, Sprecherin des Kulturdezernats, das Konzept der Kunstaktion. Der Weg, ein Schild mit dem Hinweis „Ehemaliges Konzentrationslager“ aufzustellen, sei nicht zielführend. „Das Schild ist in der aufgestellten Form die einzig mögliche Beschreibung: Da es kein Konzentrationslager mehr gibt, kann es sich nur um ein ehemaliges Konzentrationslager handeln!“

Doch Lorey kritisiert, dass dies der Besucher bislang nicht nachvollziehen kann: „Ohne die Einrichtung einer Gedenkstätte sind wir es, die unseren Gästen die Bedeutung des KZ Adlerwerke erklären müssen!“

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