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Der Pädagoge Manfred Levy hält einen Antisemitismus-Workshop.

Projekt „Anti-Anti“

So geht erfolgreiche Extremismus-Prävention

Das Projekt „Anti-Anti“ des jüdischen Museums gegen Antisemitismus und Extremismus setzt an der richtigen Stelle an. Davon ist zumindest ein bekannter Erziehungswissenschaftler überzeugt.

Ein Projekt des Jüdischen Museums Frankfurt an berufsbildenden Schulen zur Vorbeugung vor Extremismus ist nach Aussage des Marburger Erziehungswissenschaftlers Benno Hafeneger erfolgreich. Das im Frühjahr 2017 gestartete Projekt „Anti-Anti – Museum Goes School“ sei in Deutschland einmalig, sagt Hafeneger, der es untersucht und eine Studie darüber veröffentlicht hat. Hier gelinge die Kooperation von Schulen mit außerschulischen Lernorten nicht nur punktuell, sondern langfristig.

Die beteiligten Schulen räumen nach Auskunft des Erziehungswissenschaftlers externen Pädagogen fünf Vormittage im Schulhalbjahr für eine Klasse ein, setzen drei Lehrerfortbildungen und eine Auswertung an. Die Pädagogen erreichten an den in Frankfurt stark von Migranten und Flüchtlingen besuchten Berufsschulen eine Zielgruppe, die sonst von Bildungsangeboten wenig erreicht werde, sagte Hafeneger. Inhaltlich sei es dem Projekt gelungen, den Schülern verbunden mit ihrer eigenen Biografie demokratische Kultur zu vermitteln. „Den Erfolg kann man gar nicht hoch genug einschätzen.“

Das Projekt gegen Antisemitismus und Extremismus setze an der Lebensgeschichte und eigenen Diskriminierungserfahrungen der 17- bis 19-jährigen Berufsschüler an, erläuterte der beteiligte Pädagoge Manfred Levy vom Pädagogischen Zentrum des Fritz-Bauer-Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt. Davon ausgehend thematisierten die Pädagogen Vorurteile und Einstellungen sowie das Medienverhalten.

Außerschulische Lernorte

spielten eine wichtige Rolle, nämlich das Museum Judengasse und das Alten- und Pflegeheim der „Henry und Emma Budge-Stiftung“, in dem alte Juden, Christen und Muslime zusammenleben.

Die Schüler seien mit großem Interesse dabei, berichtete Levy. Erstmals trauten sie sich in der Klasse, sehr persönliche Dinge zu erzählen, etwa die Mitgliedschaft in einem jüdischen Sportverein. Im Museum Judengasse stellten sie jüdischen, islamischen und christlichen Theologen Fragen, die sie sich zu Hause nicht zu fragen getrauten, etwa: „Darf ich als Muslimin einen Freund vor der Ehe haben?“ oder „Wie steht das Judentum zu Homosexualität?“.

Im vergangenen Halbjahr haben nach Levys Angaben jeweils eine Klasse der Berufsfachschule der Klingerschule (Nordend) und der Julius-Leber-Schule (Innenstadt) an dem Projekt „Anti-Anti“ unter der Leitung von Türkan Kanbicak vom Jüdischen Museum teilgenommen. Vorteilhaft für das Projekt sei die langfristige Finanzierung durch das Wohnungsunternehmen Vonovia, das eine Million Euro bis 2024 bereitstellt. Bei den Eltern stoße das Projekt allerdings an eine Grenze: Zur Abschlussfeier im Museum Judengasse sei nur eine einzige Mutter erschienen.

Wünschenswert wäre die Ausweitung des „neuen pädagogischen Formats“ auf viele weitere Schulen, sagt Erziehungswissenschaftler Hafeneger. Befragte Schüler hätten sich beeindruckt geäußert über den respektvollen Umgang miteinander und die „coolen“ Pädagogen. „Das Projekt bietet eine Perspektive, wo sich das Bildungssystem hinentwickeln sollte, wenn man Jugendliche mit Migrationshintergrund, Fluchterfahrung und aus prekären Lebensverhältnissen mitnehmen und in das Bildungssystem integrieren will.“

Buchhinweis

Benno Hafeneger, Türkan Kanbicak, Mirjam Wenzel: Extremismusprävention durch kulturelle Bildung. Das Projekt „Anti-Anti – Museum Goes School“ an berufsbildenden Schulen, Wochenschau Verlag, Frankfurt a.M. 2018, ISBN: 978-3-7344-0632-4 (Buch)/ 978-3-7344-0633-1 (PDF), Buch 16,90 Euro, PDF 13,99 Euro.

(epd)

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