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Volle Konzentration auf den Bewegungsablauf: Lilly Urban in Aktion.

Leichtathletik

Gelingt der große Wurf?

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Lilly Urban hat bei der U18-EM in Ungarn durchaus eine gute Chance auf einen Platzierung im vorderen Bereich.

Als Lilly Urban am Montag in das Flugzeug nach Wien stieg, hatte sie ein Ziel fest im Kopf. Wenn am Samstag die Speerwerferinnen das Stadion im westungarischen Györ verlässt, will die erst 16-Jährige unbedingt unter denen sein, die sich für das am letzten Tag der U18-Europameisterschaft stattfindende Finale qualifizieren. Und läuft alles optimal, könnte sie dann am Sonntag noch einen draufsetzen. Mit dem Gewinn einer Medaille. Und – sollte sie die deutsche Mitbewerberin Lea Wipper (SG DHfK Leipzig) hinter sich lassen, könnte sie sich gar für die Youth Olympic Games qualifizieren, die im Oktober in Buenos Aires auf dem Programm stehen. „Es wird hart, denn über 53 Meter können den Speer in Europa rund ein Dutzend Werferinnen schleudern“, weiß Lilly Urban.

Zu hoch gegriffen sind ihre Ziele aber keineswegs. Die Speerwerferin von der LG Eintracht Frankfurt reist mit der fünftbesten Weite aller Teilnehmerinnen nach Ungarn. Diese 53,83 Meter erzielte sie mit dem 500-Gramm-Speer im Mai in Halle. Ins Jahr stieg sie mit 46,50 Meter, mit denen sie im Februar bei den Deutschen Hallen-Meisterschaften in Halle/Saale Platz zwei belegte. Die Norm für die Teilnahme an der zweiten Auflage der U18-EM – die Premiere fand 2016 im georgischen Tiflis statt – hatte sie also längst in der Tasche.

Das Ticket nach Györ hingegen noch lange nicht. Jedes Land darf maximal zwei Teilnehmer pro Disziplin entsenden. In Deutschland hatten die Qualifikationsweite von 49,00 Meter sechs Speerwerferinnen überboten. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) entschied, dass die beiden besten Deutschen bei der Internationalen U18-Gala in Schweinfurt zur EM fahren dürfen. Dort siegte dann die Leipzigerin Lea Wipper mit 51,83 Meter eben vor Lilly Urban, die 51,38 erzielte.

Die LG Eintracht Frankfurt hatte schon immer Leichtathleten und Leichtathletinnen mit internationalem Format. Eine Speerwerferin suchte man nach dem Zweiten Weltkrieg darunter jedoch vergeblich. Eine Adlerträgerin, die mit dem Speer Weltklasse war, gab es aber schon. Tilly Fleischer gewann 1932 olympische Bronze und wurde dann in Berlin als erste Deutsche in der Geschichte 1936 Speerwurf-Olympiasiegerin. Fleischer begann ihre sportliche Karriere mit Handball und Tennis, nahm erst dann Leichtathletik dazu. Auch Urban liebt diverse Sportarten, macht heute noch nebenbei Triathlon, reitet auch gern aus. „Hauptsache viel Sport“, sagt sie selbst.

Zur Leichtathletik kam sie allerdings schon mit sechs Jahren. Im heimischen Bermbach bei Idstein schaute sie der älteren Schwester beim Training zu. Und bekam Lust, sofort mitzumachen. Fleischer wie Urban begannen mit dem Mehrkampf. „Ist gut für die Fitness, hilft bei der Technik“, erklärt Lilly, warum sie trotz der Spezialisierung auf ihre Paradedisziplin immer noch zweigleisig fährt. „Ich betreibe natürlich auch Krafttraining. Aber meine Weiten erziele ich über die Technik und Geschwindigkeit, nicht über die Kraft“, erläutert Urban. So wie einst Tilly Fleischer.

Eine Parallele findet Lilly Urban auch zu ihrem sportlichen Vorbild Linda Stahl. Die Europameisterin von 2010 hat neben dem Sport noch Medizin studiert, arbeitet seit 2014 als Ärztin. Ein ähnlicher Weg schwebt auch Lilly Urban vor. Ihr Ziel wäre es, Tierärztin zu werden.

Doch so weit ist es noch lange nicht. Zwei Jahre noch wird sie die Idsteiner Limes-Schule besuchen, dort will sie ihr Abitur machen. Die Schule liegt nahe an ihrem Heimatdorf, nahe am Sportplatz des TV Bermbach, wo sie unter der Anleitung der Club-Trainer Elke und Manfred Hirschochs dreimal wöchentlich trainierte.

Mit ihrer zunehmenden Klasse wurde aber klar, dass Lilly den Sport professioneller betreiben muss. Die Trainingsmöglichkeiten in der Heimat waren begrenzt. Im Herbst 2017 wechselte Lilly Urban deshalb zur LG Eintracht Frankfurt. Einfach ist ihr Sportlerleben nicht: Um 6 Uhr klingelt der Wecker. 7 Uhr in den Bus nach Idstein. 7.40 Uhr beginnt der Unterricht. Nach der Schule fährt sie – im Winter täglich, vor den Wettkämpfen fünf- bis sechsmal in der Woche – rund 50 Kilometer weit zum Training nach Frankfurt. Entweder fahren sie die Eltern, oder sie kommt mit dem Zug. Lilly trainiert unter der Anleitung von Petra Schenten auf der Bezirkssportanlage in Niederrad von 18 bis 20 Uhr. Danach bringt sie ein Elternteil wieder nach Hause.

Die Eltern unterstützen Lilly, wo sie nur können. Deshalb werden sie in Györ auch vor Ort sein, um ihre Tochter moralisch zu unterstützen. Bei Lilly Urban herrschte große Vorfreude auf die Europameisterschaft. „Doch irgendwann werden sich die Nerven sicher melden. Dann hilft es sicher, wenn die Eltern da sein werden“, ist die junge Speerwerferin überzeugt, die sich am Samstagvormittag in der Qualifikation mit einem guten Wurf für das Finale qualifizieren will.

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