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Anne Schäfer mit einem der Suchplakate, die im Nordend aufgehängt wurden. Dass ein Mensch so skrupellos sein kann, das Fahrrad eines behinderten Kindes mitzunehmen, kann Neles Mutter einfach nicht fassen.

Spezialanfertigung für Zwölfjährige

Gemeiner Dieb stahl Neles Rad

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Ein besonders gemeiner Fall von Fahrraddiebstahl bewegt das Frankfurter Nordend: Aus einem Hinterhaus in der Schleiermacherstraße wurde das Spezialfahrrad der zwölfjährigen Nele geklaut. Das gehbehinderte Mädchen wünscht sich den Drahtesel, der ihr ein Stück Freiheit ermöglichte, sehnlich zurück.

Das Foto aus dem Rehazentrum Friedehorst sagt mehr als 1000 Worte: Die zwölfjährige Nele fährt auf einem quietschgelben Liegefahrrad, die Hände an den Lenkhebeln, die Füße auf den Pedalen. Und – das ist das Entscheidende – ein breites, geradezu befreites Lächeln im Gesicht. „Es war das erste Lächeln seit Monaten“, erinnert sich Anne Schäfer, die Mutter des geh- und sehbehinderten Mädchens. „In diesem Augenblick war mir klar, dass Nele zu Hause genau so ein Fahrrad braucht.“

Nach langem Hin und Her mit der Krankenkasse bekam Nele im Januar 2015 tatsächlich ein eigenes, behindertengerechtes Liegerad im Wert von 3500 Euro. Doch das ist seit gut einem Monat weg. Gestohlen. Aus dem Flur im Hinterhaus der Schleiermacherstraße 38, wo Mutter und Tochter wohnen. Für die beiden war der Diebstahl ein schwerer Schlag: „Nele hat mit dem Rad ein großes Stück Freiheit und Selbstständigkeit wiedergewonnen“, sagt die Mutter. Dass jemand so skrupellos sein kann, das Rad eines behinderten Kindes zu stehlen, kann sie nicht fassen.

Bei Nele wurde vor fünf Jahren ein Tumor zwischen Klein- und Stammhirn entdeckt. Dieser zerstörte einen Sehnerv, so dass dem Mädchen 70 bis 80 Prozent der Sehfähigkeit auf dem linken Auge verlorenging. Auch an einer Gehbehinderung leidet Nele infolge des Tumors. Die Mutter berichtet, dass ihre Tochter zweimal operiert worden sei. Nach der letzten Operation im Oktober 2014 sei Neles körperliche und seelische Verfassung so schlecht gewesen, dass sie geradezu depressiv geworden sei und sich stark zurückgezogen habe.

Dann sei ein Händler mit behindertengerechten Fahrrädern ins Rehazentrum gekommen, und Nele habe beim Ausprobieren des Liegerads ihr Lächeln wiedergefunden. Ein „Lichtblick“ sei das für alle gewesen, erzählt die Mutter. Mit dem eigenen Rad habe ihre Tochter später „einen

Schritt in den Alltag

hinein“ machen können. „Sie hatte ja nach der OP kaum soziale Kontakte.“ Umso tiefer war Anne Schäfers Entsetzen, als sie nach dem Sport nach Hause kam und den leeren Flur sah: „Ich wusste sofort: Das Rad wurde gestohlen.“

Die Mutter berichtet, dass die Türen zum Vorderhaus normalerweise geschlossen sind. In der Zeit des Diebstahls seien aber Bauarbeiter im Hinterhaus gewesen, so dass dessen Eingangstür zeitweise offen stand. Anne Schäfer geht davon aus, dass der Dieb irgendwo im Vorderhaus klingelte, um sich die Tür öffnen zu lassen, und dann durch die offene Tür des Hinterhauses spazierte. Sie geht außerdem davon aus, dass der Dieb von dem Fahrrad und seinem Standort wusste und es ganz gezielt stahl.

Beobachtungen, die sie selbst und Nachbarn gemacht haben, sprechen vielleicht dafür, dass eine Jugendgruppe für den Diebstahl verantwortlich sein könnte. Anne Schäfer hat sich ans nächste Polizeirevier gewandt, das die Ermittlungen inzwischen der Kriminalpolizei übergeben hat. Die Mutter und Bekannte haben in der Nachbarschaft im östlichen Nordend etliche Suchplakate mit dem Bild von Nele und dem Fahrrad aufgehängt. Außerdem hat sie über das soziale Netzwerk Facebook auf den Diebstahl aufmerksam gemacht. Es wurde viel Mitleid bekundet, doch das Rad ist weiterhin weg.

Im Sommer wollte Nele mit ihrer Tante eigentlich eine mehrtägige Fahrradtour machen. Die musste nun abgesagt werden. „Ich bin bereit, bei der Krankenkasse für ein neues Rad zu kämpfen“, betont die Mutter. Was ihre Tochter Nele sagte, nachdem sie von dem Diebstahl erfuhr, wird sie mit Sicherheit niemals vergessen: „Dass überhaupt jemand in der Lage ist, so etwas zu machen!“, flüsterte sie. Und: „Ich bin so oft zu Hause, doch mit meinem Fahrrad war ich frei.“

Das spezialangefertigte, melonengelbe Liegefahrrad ist von der Marke Hase Bikes, die Rahmennummer lautet T 1 48 75. Die Schäfers haben einen Finderlohn von 500 Euro ausgesetzt. Wer das Rad gefunden hat, soll sich unter der Handynummer 01 51-67 72 55 21 bei Anne Schäfer melden.

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