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Das Geschäft mit Medizintouristen in Frankfurt boomt

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Von: Stefanie Liedtke

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Der 20  Jahre alte Abdulrahman Hamad Al-Shamari aus Katar leidet seit einem Autounfall im Jahr 2011 an Lähmungserscheinungen. Zur Operation kam er nach Höchst zu Chefarzt Prof. Dr. Wolfgang Daecke. Nun kann er wieder stehen und mit Hilfe wenige Schritte laufen.
Der 20 Jahre alte Abdulrahman Hamad Al-Shamari aus Katar leidet seit einem Autounfall im Jahr 2011 an Lähmungserscheinungen. Zur Operation kam er nach Höchst zu Chefarzt Prof. Dr. Wolfgang Daecke. Nun kann er wieder stehen und mit Hilfe wenige Schritte laufen. © Salome Roessler

Mehr als eine Milliarde Euro Umsatz bescheren ausländische Patienten deutschen Kliniken pro Jahr. Einige Frankfurter Krankenhäuser werben gezielt um die zumeist wohlhabende Kundschaft. 2014 behandelte allein das Universitätsklinikum 259 internationale Patienten stationär, am Nordwestkrankenhaus sind es pro Jahr zwischen 800 und 1000. Doch das Geschäft birgt Risiken.

Was macht der Scheich, wenn ihm seine Knieschmerzen den Schlaf rauben? Er setzt sich samt Gefolge in seinen Privatjet und fliegt zum Arzt. Zum Beispiel zu Prof. Wolfgang Daecke, Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Höchster Krankenhaus. Etwa 30 bis 50 internationale Patienten behandelt er pro Jahr, die meisten kommen aus Katar, Kuwait und Saudi-Arabien. „Die Nachfrage“, sagt Daecke, „hängt vom Ölpreis ab“. Ist er niedrig, kommen weniger Patienten, steigt er, zieht die Nachfrage an.

Für die Araber ist eine gut sitzende Knieprothese im wahrsten Sinne des Wortes eine Glaubensfrage, denn, so schildert es der Arzt: „Sie freuen sich, wenn sie sich nach der Operation wieder hinknien und beten können.“ Und Daecke freut sich, weil er mit den Scheichs eine zahlungskräftige Kundschaft für das städtische Krankenhaus an Land gezogen hat. Natürlich konsultieren die Patienten ihn nicht nur wegen künstlicher Kniegelenke, sondern auch wegen vieler anderer orthopädischer Probleme – „immer dann, wenn sie dem Prophet im eigenen Land nicht trauen“, scherzt der Mediziner.

Doch wie kommen die Scheichs überhaupt nach Höchst? Anders als etwa das Universitätsklinikum, das Krankenhaus Nordwest oder das Höchster Partnerkrankenhaus in Bad Soden wirbt das städtische Haus nicht gezielt mit Internetseiten in englischer, russischer und arabischer Sprache um internationale Patienten. „Ich mache das schon seit vielen Jahren, da läuft vieles über Mundpropaganda“, erklärt Daecke.

Andere ausländische Patienten finden den Weg nach Höchst über ihre Botschaften: Länder wie Kuwait, Katar oder Saudi-Arabien schicken Menschen mit komplexen Erkrankungen zur Behandlung in die Bundesrepublik, die im eigenen Land nicht adäquat versorgt werden können, berichtet Daecke von komplizierten Knochenbrüchen und schief zusammengewachsenen Knochen. Weil die Patienten oftmals erst Wochen nach dem Unfall nach Deutschland kämen, sei die Versorgung „eine besondere Herausforderung“, so der Orthopäde.

Einer der großen Akteure der Region, wenn es um internationale Patienten geht, ist die Deutsche Klinik für Diagnostik in Wiesbaden. Sie betreibt einen eigenen „International Patient Service“ der vor allem für wohlhabende Ausländer ein Rundum-Sorglos-Paket bietet – vom Visum über den Dolmetscher bis hin zur Unterkunft für Begleitpersonen.

Nicht selten aber spielen auch mal mehr, mal weniger seriöse Vermittler eine Rolle, wenn Ausländer den Weg in eine deutsche Klinik finden. Diese Vermittler lassen sich für ihre Dienste bisweilen fürstlich entlohnen, knöpfen nicht nur den teils verzweifelten Patienten horrende Summen ab, sondern lassen sich auch von mancher Klinik mit einer Art „Kopfprämie“ entlohnen – obwohl das in Deutschland rechtlich nicht zulässig ist. Auf diese Art der Akquise verzichtet man in Höchst: „Wir arbeiten ohne Patientenvermittler“, so Kliniksprecherin Petra Fleischer.

Wie viel genau die Kliniken mit Patienten aus dem Ausland verdienen – niemand will sich da so genau in die Karten schauen lassen. Vermögende Ausländer, die auf eigene Rechnung zur Behandlung nach Deutschland kämen, zahlten den gleichen Satz wie deutsche Privatpatienten; die Botschaften zahlten in der Regel den Betrag, der für deutsche Kassenpatienten abgerechnet werde, erklärt Daecke. „Im internationalen Vergleich ist Deutschland sehr günstig bei einem unheimlich hohen Standard“, macht er deutlich. Während eine Hüftprothese in der Bundesrepublik etwa 8000 Euro koste, zahlten Patienten etwa in den USA dafür zwischen 30 000 und 50 000 Euro. Neuerdings kämen deshalb auch die ersten US-Amerikaner zur Behandlung nach Deutschland.

Das Frankfurter Universitätsklinikum behandelte im Jahr 2014 nach eigenen Angaben stationär 259 internationale Patienten, die meisten aus Russland, Kasachstan, Saudi-Arabien, Ägypten und Katar. „Finanziell lohnt sich die Behandlung, weil sie zusätzlich zum regulären Klinikbudget behandelt werden und damit für eine bessere Auslastung der vorhandenen Ressourcen sorgen“, erklärt Uniklinik-Sprecherin Ricarda Wessinghage.

Besonders aktiv im internationalen Geschäft ist das Krankenhaus Nordwest (siehe Interview), das pro Jahr zwischen 800 und 1000 internationale Patienten stationär behandelt. „Aktuell machen wir damit knapp fünf Prozent unseres Umsatzes“, sagt Tobias Gottschalk, Geschäftsführer der Stiftung Hospital zum Heiligen Geist, die Trägerin des Nordwestkrankenhauses und des Hospitals zum Heiligen Geist ist. Vor einem guten Jahr hat das Haus das „Institute for International Medicine and Telemedicine“ gegründet, das sich vor allem dem Export medizinischer Leistungen ins Ausland widmet.

Längst hat auch die städtische Tourismus und Congress GmbH Frankfurt (TCF) das Potenzial des Medizintourismus erkannt. „Das ist ein wachsender Markt. Wir wollen unsere Aktivitäten hier deutlich ausweiten“, sagt TCF-Geschäftsführer Thomas Feda. So sei etwa eine gemeinsame Broschüre mit dem „Medical Network Hessen“ für die Märkte Russland, Arabien und China geplant, außerdem die Teilnahme an einem Medizin-Workshop in Moskau, den die Deutsche Zentrale für Tourismus organisiert. „Auch in China werden wir dieses Jahr das Thema neben Shopping stark positionieren“, erklärt Feda. Nicht zuletzt werde der Internetauftritt um das Thema Medizin- und Gesundheitstourismus ergänzt.

Andere Städte wie München, Hamburg oder Berlin sind bereits weiter, sie werben auf Medizinmessen im Ausland gezielt für ihre Standorte und haben eigene Internetseiten für Medizintouristen aufgelegt (etwa ). Sie sind es auch, die in der Hochglanzbroschüre „Medizinreisen“ der Deutschen Zentrale für Tourismus die Hauptrolle spielen – neben den passenden Nobelherbergen sowie Heil- und Kurbädern.

Auch andere Akteure der Reisebranche setzen zunehmend auf Medizintouristen: Eine fliegende Intensivstation hat etwa die Deutsche Lufthansa für internationale Patienten im Angebot, außerdem sogenannte „Stretcher“ für Passagiere, die nur im Liegen transportiert werden dürfen. Patienten von Partnerkliniken der Fluggesellschaft erhalten 15 Prozent Ermäßigung auf ihre Flüge und genießen weitere Vorzüge. Wer über das nötige Kleingeld verfügt, kann alternativ einen Privatjet der Fluggesellschaft chartern.

Auf internationale Patienten spezialisiert hat sich etwa das Idsteiner Unternehmen „Med Call“. Zwei Learjets gehören zur Flotte sowie Piloten, Ärzte und Krankenschwestern zum Team, das auch Linienflüge begleitet. Rund um die Uhr könne man Patienten aus aller Herren Ländern evakuieren, wirbt die Firma auf ihrer Internetseite.

Dass internationale Aktivitäten für Kliniken mit erheblichen finanziellen Risiken verbunden sein können, zeigt indessen der Fall Stuttgart. Dort hatte ein Millionen-Deal mit Libyen das städtische Krankenhaus in arge Probleme gestürzt: Insgesamt 370 libysche Kriegsversehrte hatten die Stuttgarter behandelt und dafür 19 Millionen Euro vorab kassiert. Am Ende standen dem Ausgaben in Höhe von 28,4 Millionen Euro gegenüber, auf der Differenz blieb das Klinikum sitzen. Zudem knöpften sich Steuerfahnder das Haus vor, weil die Klinik nicht nur medizinische Leistungen abrechnete, sondern auch „Regiekosten“ für Unterbringung, Essen und Taschengeld – ohne dafür Umsatzsteuer abzuführen. Mittlerweile hat das Klinikum seine Internationale Abteilung geschlossen.

Auch der Höchster Orthopäde Prof. Daecke weiß, dass nicht alle Staaten ihre Rechnungen begleichen. Manche Botschaft fühle sich nicht an ihre Zahlungszusage gebunden. „Auch bei uns sind nicht alle Rechnungen bezahlt“, berichtet er, betont jedoch, dass es sich nur um „geringe Summen“ handele. Mittlerweile kenne man die schwarzen Schafe, sie erhielten Leistungen nur noch gegen Vorkasse.

Dass die ausländische Kundschaft wählerisch ist, mussten auch die Main-Taunus-Kliniken in Bad Soden erfahren. Deren schicke Privatklinik – 49 Zimmer, eine Suite, 18,5 Millionen Euro Baukosten – war jahrelang ein Zuschussbetrieb, weil das erhoffte internationale Publikum ausblieb. Mittlerweile hat das Haus sein Konzept verändert und bringt in der Privatklinik statt der reichen Ausländer auch deutsche Patienten mit Zusatzversicherung unter. Das zugehörige Hotel hat die Geschäftsführung vor zwei Jahren in eine Privatstation für Patienten mit psychosomatischen Beschwerden umgewidmet.

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