In der Straße Alt-Fechenheim, von den Bewohnern auch "Langgass'" genannt, schlendern Passanten durchaus gern. Denn einige wenige Geschäfte sind noch geöffnet, und die Gaststätten werden auch durch Essensbestellungen unterstützt.
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In der Straße Alt-Fechenheim, von den Bewohnern auch "Langgass'" genannt, schlendern Passanten durchaus gern. Denn einige wenige Geschäfte sind noch geöffnet, und die Gaststätten werden auch durch Essensbestellungen unterstützt.

Einkaufsstraße in Fechenheim

Geschäfte geben nicht auf

Liebenswerte Kunden und freundliche Ladeninhaber halten den Stadtteil zusammen.

Fachwerk- und Backsteinhäuser, verwinkelte Gassen, Palmen mit Eiszapfen und die berühmte Schimmelstute Jenny, die jeden Tag allein am Main spazieren geht, machen Fechenheim zu einem besonderen Stadtteil. Wie überall sind derzeit viele Läden geschlossen. Aber die Stimmung ist gelassener als in manch anderen Stadtteilen. Obwohl oder gerade weil die Fechenheimer wissen, was es heißt, in einem Stadtteil mit einem nahezu ausgestorben Ortskern zu wohnen.

"2009 war es am schlimmsten", sagt Sabine Lauer vom Gewerbeverein. Der Leerstand auf der Einkaufsstraße Alt-Fechenheim schien bald jedes Geschäft in den Abgrund zu reißen. Das habe den Fechenheimern klargemacht: "Wenn ich Geschäfte in meinem Stadtteil haben möchte, muss ich darum kämpfen", sagt Lauer. "Ich denke, seitdem kaufen die Menschen hier bewusster."

Heute steht auf der 500 Meter langen Einkaufsstraße kaum eine Ladenfläche leer, obwohl sie zu klein etwa für die Filiale einer Drogeriekette sei. Bäckereien, Friseure, ein Asia-Geschäft, Schlüsseldienst und sogar ein Buchladen beleben Fechenheims Zentrum. Auch in der Corona-Krise.

Eule und Coco liegen im Schaufenster zwischen italienischen Designer-Teppichen, Lampen und Sofas. Der Mops und die Labradorhündin betrachten die Passanten. Manche winken den Hunden zu. "Es ist anders im Lockdown, aber wir haben Glück", sagt Bettina Hübner, die in dritter Generation mit ihrem Sohn das Möbelgeschäft auf zwei Etagen betreibt. "Wir dürfen liefern und beliefert werden", sagt sie. "Die Kunden können telefonisch Termine ausmachen und sich beraten lassen."

Vor dem Restaurant "Kastanie" stehen große Tafeln, beschriftet mit den Wochenmenüs: Grünkohl mit Rippchen, Gefüllte Aubergine, Kalbsbäckchen in Portweinjus, Käsespätzle und Wirsing-Eintopf. "Es ist hart", sagt die Wirtin Jatranka Durak-Schäfers. Sie betreibt mit ihrem Sohn Danijel Durak auch das Bootshaus. Trotz der Pandemie-Beschränkungen bilden sie beide Azubis weiter aus und halten auch die Mitarbeiter. Seit zehn Jahren sind Mutter und Sohn hier. Vor Corona habe es viele Veranstaltungen und Seminare in dem hübschen Lokal mit dem großen Garten gegeben. "Das alles ist weggefallen - und die Hilfen, die von der Politik versprochen wurden, sind bisher weitgehend leere Versprechungen geblieben", sagt sie.

Doch Mutter und Sohn lassen die Köpfe nicht hängen: "In Fechenheim gibt es die besten Gäste der Welt". Schon während des ersten Lockdowns haben sich Bestellgruppen für ganze Häuser gebildet, und kauften viele Gutscheine, die bisher nicht eingelöst wurden. "Das hilft uns sehr. Manchmal bin ich den Tränen nahe, wie sehr uns die Gäste unterstützen", sagt Durak-Schäfers. "Sie geben uns und den Kollegen in der Gastronomie so viel zurück." Viele Bewohner unterstützen wechselweise wöchentlich ihre jeweiligen Lieblingslokale. "So haben alle etwas davon, damit niemand untergeht." Seit Neujahr kommen weniger Gäste. "Januar und Februar sind traditionell in der Gastronomie schwere Monate. In diesen unsicheren Zeiten sowieso, weil niemand weiß, wo die Reise hingeht." Optimistisch bleiben beide dennoch.

"Die Geschäfte haben neue Wege gefunden, ihre Waren zu verkaufen", sagt Lauer. Beim kleinen Laden "Bücher vor Ort" bestellt man telefonisch, holt an der Tür ab und bezahlt per Rechnung. Wie es den vier Friseuren geht, kann sie nicht sagen.

Helmut Matt (64) kann sich nicht beklagen. Seit elf Jahren betreibt er das "Papermoon". Hier gibt es Zeitungen und Lotto, Geschenkkarten, Schutzmasken in mehreren Farben, Schnickschnack, Schals, Handschuhe, Mützen und Kaffee zum Mitnehmen. "Früher oder später schlagen alle hier auf", sagt Matt und lacht. Vielen Kunden hätten es vor allem die Rätselhefte angetan. "Die Nachfrage ist so hoch, dass wir das Angebot verdreifacht haben", erzählt er. "Die Leute brauchen zu Hause einen Zeitvertreib." Er beobachtet, dass vor allem ältere Menschen Nähe suchen und gern eine Weile plaudern. Immer wieder hört der Ladenbetreiber, wie sehr sich die Menschen freuen, dass er das Geschäft öffnen darf. "Wir passen auf, dass nicht zu viele Leute drin sind. Klar meckern manche, aber wir lassen uns nicht frustrieren." Wie alle seine Kunden wünscht auch Matt, dass "das Leben bald für alle wieder ohne Einschränkungen möglich ist. Die Fechenheimer halten sich an die Auflagen und machen das Beste daraus". Und wenn doch die Melancholie ausbricht, findet jeder in Fechenheim Trost, wenn die Araberstute Jenny alleine durch den Ort schlendert und sich streicheln lässt. Sabine Schramek

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