+
Harry Gatterer, Leiter des Frankfurter Zukunftsinstituts

Interview

Zukunftsforscher Harry Gatterer: „Parteien müssen sich erneuern“

  • schließen

Die Zeit zwischen den Jahren ist immer eine gute Gelegenheit, in die Zukunft zu schauen. Was bringt das neue Jahr in politischen und gesellschaftlichen Fragen? Unser Politikchef Dieter Sattler sprach darüber mit Harry Gatterer, Geschäftsführer des von Matthias Horx gegründeten Frankfurter Zukunftsinstituts.

Herr Gatterer, Sie haben im Hinblick aufs kommende Jahr eine Art Mut-Agenda für Annegret Kramp-Karrenbauer entworfen. Was kann die neue CDU-Chefin und wahrscheinlich auch künftige Kanzlerin überhaupt konkret bewirken in einer immer komplexeren Welt?

GATTERER: Ich bin ein Verfechter der Idee, dass Zukunft immer von innen passiert. Deshalb wäre das Erste, dass Kramp-Karrenbauer die eigene Partei auf mutige, neue, optimistische Zukunftsbilder tatsächlich vorbereitet. Der Zeitgeist ist ja, siehe den Erfolg von Trump & Co., eher vergangenheitsorientiert. Aber in der Gesellschaft ist unheimlich viel Potenzial- und Gestaltungswille. Das wird überhaupt nicht abgerufen.

Was meinen Sie damit konkret?

GATTERER: Wenn Sie sich zum Beispiel Gemeinschaftprojekte des Wohnens anschauen oder die ganze Entwicklung des Coworking, wo Leute auf ganz neue Art und Weise vernetzt zusammenarbeiten, dann sind das alles Prozesse, die nicht mehr von oben nach unten laufen, also nicht mehr top-down. Das können die Parteien mit ihren bisherigen Machtstrukturen selbst ja gar nicht abbilden.

Was können die Volksparteien tun, um Vertrauen zurückzugewinnen und den Gestaltungswillen in der Bevölkerung zu fördern?

GATTERER: Sie müssen ihre inneren Strukturen verändern. Eine Partei, die innen nur hierarchisch und machtorientiert agiert, kann nicht im Außen die Gesellschaft zu einer neuen Gemeinschaftsproduktivität führen. Das geht nicht, das passt nicht zusammen. Der größte Beitrag, den die Parteien, die Volksparteien für die Zukunft leisten können, ist, sich selbst zu verändern.

Es gibt ja schon Ansätze dazu. Bei der CDU sprach man rund um die Merkel-Nachfolge an der Parteispitze von einer neuen Diskussionskultur; bei der SPD gab es immerhin Urabstimmungen über den Koalitionseintritt . . .

GATTERER: Aber es gibt noch viele klassisch organisierte Machtstrukturen. Die Demokratisierung, von der nach unten gesprochen wird, kommt oben nicht an. Das ist das, was die Menschen frustriert. Es ist ja nicht so, dass die Inhalte der Parteien so wahnsinnig falsch wären. Sondern: Es ist das Gefühl des Einzelnen, dass man eigentlich nicht im Ansatz eine Chance hat, auch gestalterisch einzugreifen. Es reicht nicht, wenn die Partei einmal im Jahr zum Bierzelt einlädt.

Lesen Sie auch: Merz: Oettinger will ihn als Kanzler - Kramp-Karrenbauer mit klarer Botschaft

Genau diese doppelten Botschaften gab es ja auch bei der SPD. Auf der einen Seite lässt sie Mitglieder ständig abstimmen, auf der anderen Seite wurden die Wechsel im Vorsitz von Gabriel zu Schulz und dann zu Nahles auf kleinem Dienstweg ausgeklüngelt . . .

GATTERER: Ja, das gleiche Problem haben Sie in vielen Unternehmen auch. Da geht das Management her und sagt. wir wollen eine Transformation zu einer lebendigen Organisation. Aber das Management tut es nicht. Wenn Leute in Machtpositionen sagen, wir werden transparenter und tun das Gegenteil, dann verlieren die Menschen das Vertrauen dadrin. Wenn angeblich demokratisiert wird, aber die Hinterkammerpolitik bleibt aufrecht, dann glauben die Menschen nicht mehr, dass die Erneuerung ernst gemeint ist, und sagen sich: Gut, das ist dann alles nicht so wichtig. Die nehmen es nicht ernst, also nehme ich sie auch nicht mehr ernst. Das ist ein Entkoppelungsprozess.

Wir haben ja die Wahl im Mai. Was könnte das Jahr 2019 für Europa bringen? Ist Ihnen angesichts der Populisten und des Brexits bange, oder bleiben Sie Optimist?

GATTERER: Ich bin ein bekennender Zukunftsoptimist. Das heißt aber nicht, dass ich mich Illusionen hingebe. Auf dem allerdings hohen Niveau, auf dem wir in Europa leben, haben wir eine tiefe Enttäuschung und Erschöpfung. Ich bin überzeugt, dass die nächsten Jahre deshalb wirklich anstrengend werden und wir erst wieder lernen müssen, uns in diesem neuen Umfeld zu sortieren.

Im Moment ist es ja noch immer so, dass man sich in Europa bemüht, mit dem stotternden Motor immer weiter zu fahren. Aber es gibt auch Forderungen nach einem Europa der zwei Geschwindigkeiten. Glauben Sie, dass es helfe könnte, wenn die einen den Integrationsprozess weiterführen, die anderen aber verlangsamen?

GATTERER: Dass über 500 Millionen Menschen alle immer gleich schnell in irgendeine Richtung gehen, das ist illusorisch. Wahrscheinlich brauchen wir nicht nur ein Europa der zwei Geschwindigkeiten, sondern eher der fünf oder sechs Geschwindigkeiten. Da müssen wir lernen, mit noch mehr Differenzen umzugehen und das anzuerkennen, dass es die verschiedenen Geschwindigkeiten gibt.

Zurzeit wird ja viel über das bedingungslose Grundeinkommen diskutiert. Die einen sehen darin ungeheure kreative Möglichkeiten für die Zukunft im Sinne des vorhin von Ihnen angesprochenen Gestaltungswillens, die anderen einen Angriff auf die Leistungsethik, die unserem Wohlstand zugrunde liegt. Auf welcher Seite würden Sie sich positionieren?

GATTERER: Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein unheimlich spannendes Gedankenexperiment. Es wird sich im aktuellen System vermutlich nicht realisieren lassen. Aber es ist ein schönes Gedankenexperiment, das uns schon als solches wegbringt von der Fixierung auf die Leistungsethik. Ich bin überzeugt davon, dass jegliche Diskussion in Richtung Grundeinkommen uns guttut. Die beiden Positionen, die Sie zum Grundeinkommen aufzeigten, sind Extreme. Dazwischen gibt es sicherlich noch Grauzonen. Und da lässt sich einiges bewegen.

Haben Sie denn eine Idee, wie man das Gedankenexperiment zumindest teilweise realisieren kann?

GATTERER: Das beginnt zum Beispiel schon mal damit, dass wir uns von dem reinen ökonomischen Wachstumsfokus verabschieden und zu neuen Prinzipien des Wachstums im Sinne von qualitativem Wachstum, Lebensqualitätswachstum hinbewegen. Das andere ist eben auch das Fördern und Anrechnen von Menschen, die einen Beitrag in der Gesellschaft leisten, den sie zum Beispiel gemeinnützig machen. Es wäre gut, das auch anzuerkennen, zumal wir in einer Gesellschaft der Älteren leben, in der viele Leute über 60 sein werden. Da muss es neue Formen geben, wie man das Alter wieder reintegriert in die Gesellschaft.

Lesen Sie auch: Koalition: Grüne feiern neuen Vertrag mit der CDU

Gerade in Metropolen wie Frankfurt oder München wird der Verkehr immer dichter, der Wohnraum immer knapper. Können wir endlos immer mehr Menschen in dieselben engen Räumen pressen? Müssen wir da nicht umdenken?

GATTERER: Ja, es gibt natürlich die Tendenz, die im Moment wahrnehmbar ist, dass es in den Städten weitergeht mit der Verdichtung. Man versucht, in den Städten alles an Raum zu nutzen, was nutzbar ist. Auf der anderen Seite haben wir auch eine Tendenz, dass sich so etwas wie eine progressive Provinz bildet. Damit ist nicht der typische Speckgürtel in der Nähe der Stadt gemeint, sondern in der Provinz liegende Regionen, die beginnen und versuchen, sich noch mal neu aufzustellen, die sagen: „Wir sind auch attraktiv. Wir sind vielleicht eine oder anderthalb Stunden vom Zentrum entfernt. Wir können hier aber auch Infrastruktur bieten, die auf urbanem Standard ist.“ Es ist eine interessante Tendenz, dass sich das Land jenseits der Speckgürtel beginnt, sich auf diese Situation einzustellen. Da entstehen neue Räume der Entlastung. Das wird nicht morgen das Verkehrschaos in Städten wie Frankfurt lösen. Aber auf längere Sicht wird das mit Sicherheit eine Veränderung bringen.

Wir haben für das kommende Jahr ein Schülerprojekt unter dem Motto „Das gute Leben“. Wie definiert der Zukunftsforscher ein gutes Leben?

GATTERER: Ein gutes Leben, finde ich, ist ein sinnlich gelebtes Leben. Ein Leben, in dem man bewusst sinnlich wahrnimmt, bewusst seine Umgebung wahrnimmt und sieht. Im Moment drängt sich alles in die Virtualität, in die Bildwelt, wir sind von Screens umgeben. Das verringert unseren Wahrnehmungshorizont in Bezug auf das, was wirklich um uns herum passiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare