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Angehörige der hessischen Bereitschaftspolizei errichten am 6.11.1987 am Tatort ein Gedenkkreuz für ihren ermordeten Kollegen, den 23-jährigen Hauptkommissar Klaus Eichhöfer.

Startbahn West

Was geschah in der Todesnacht am Flughafen Frankfurt?

Auch am sechsten Jahrestag der Hüttendorfräumung trafen sich Demonstranten vor dem Flughafengelände, um gegen die unliebsame Startbahn 18 West zu demonstrieren. Dann fielen Schüsse, zwei Polizisten starben. Drei Menschen haben den Abend unterschiedlich erlebt. Am Ende jedoch kommen sie zum gleichen Ergebnis ? dass die Schüsse niemals hätten fallen dürfen.

Nebel schwadert über die Mönchbruchwiese. Vermummte Startbahngegner ziehen mit Fackeln vor die Startbahnmauer. Sie werfen Leuchtraketen, Steine und Molotowcocktails. Dann stürmen Polizisten aus dem Flughafengelände, jagen den flüchtenden Demonstranten hinterher. Bis zum Waldrand und zur kleinen Behelfsbrücke, die über den Gundbach führt. Dort im Dunkeln fallen Schüsse. Zwei Beamte sacken zusammen. Tödlich getroffen. Es ist der 2. November 1987. Es ist der sechste Jahrestag der Hüttendorfräumung. Damals hat die Polizei das Dorf im Flörsheimer Wald geräumt, das Startbahngegner illegal errichtet hatten und das Symbol des Widerstands gegen die Startbahn 18 West geworden war. Dabei gingen die schwer bewaffneten Beamten äußerst brutal vor. Zahlreiche Dauerbesetzer, Demonstranten und Journalisten wurden verletzt. „Das hat den Menschen die Tränen in die Augen getrieben“, entsinnt sich der Startbahngegner Michael Wilk 30 Jahre später.

Rolf Mai ruft seine Hundertschaftsführer zur Einsatzbesprechung in den Befehlscontainer. Der 38-Jährige ist ein erfahrener Polizist, hat schon viele Einsätze an der Startbahn geleitet, unter anderem bei den Sonntagsspaziergängen. Er glaubt zu wissen, was ihn und seine Männer an diesem kalten Novemberabend erwartet. Es ist nicht das erste Mal, dass die Beamten am Jahrestag der Hüttendorfräumung draußen an der Startbahn auf militante Demonstranten treffen. Dass Steine, Leuchtraketen und Molotowcocktails fliegen. Dass Wasserwerfer eingesetzt werden und die Polizei die Demonstration schließlich auflöst. „Die Scharmützel mit der Polizei waren ein Ritus“, sagt Wilk, der den direkten Widerstand auch 30 Jahre später noch für wichtig erachtet. „Es war nicht alles legal, aber legitim“, sagt er. 

An diesem Abend soll Mai einen Teil seiner Männer so positionieren, dass sie gewalttätige Demonstranten festnehmen können, sobald diese in den Wald flüchten wollen. Die Beamten sollen sich am Waldrand aufstellen, dort, wo der Gundbach langgeht, und damit hinter den Demonstranten stehen. Ein Hundertschaftsführer ist nicht begeistert, hält den Plan für eine schlechte Idee. Nach der Einsatzbesprechung konfrontiert er Mai: „Wissen Sie eigentlich, was das für ein Auftrag ist? Wenn wir da stehen und angegriffen werden, wie sollen wir da Hilfe kriegen? Das ist zwar nur rund 500 Meter weg, aber mit Fahrzeugen kann man da nicht rein, weil alles morastig ist.“

Mai wiegelt ab: „Wir bleiben dabei.“ Kurz drauf fährt er raus an die Startbahn, schaut sich die Lage sicherheitshalber noch einmal vor Ort an. Dort stellt er fest, dass der Hundertschaftsführer Recht hat. Er ruft ihn an und befiehlt ihm, mit seiner Truppe doch lieber die Räumkräfte zu verstärken. Eine Entscheidung, die wenig später furchtbare Folgen haben wird.   

Mai erhält einen Anruf aus dem Landeskriminalamt. Eine richterliche Telefonüberwachung habe ergeben, dass heute Abend etwas passiere, erfährt er. An der Spinnenwegbrücke. Sofort bestellt Mai seine Hundertschaftsführer in die Befehlscontainer. Er fragt: „Freunde, was könnt Ihr mit ‚Spinnenwegbrücke‘ anfangen?“ Die Kollegen schütteln ratlos den Kopf. Mit dieser Bezeichnung weiß keiner von ihnen etwas anzufangen. Es gebe da aber eine Wegespinne in der Süd-West-Ecke und da stehe ein Strommast, sagt einer. Möglichweise wollten die Demonstranten mal wieder einen Strommast absägen. Mai ordnet an, dass eine Hundertschaft an dem Strommast aufklären soll. Tatsächlich sind an dem Strommast Personen, die überprüft werden. Die Schüsse fallen später woanders. An einer Behelfsbrücke, die erst wenige Tage zuvor aufgebaut worden ist.

Inzwischen haben sich zahlreiche Demonstranten am Schlichter in Mörfelden eingefunden. Unter ihnen sind auch die beiden Startbahngegner Herbert J. Oswald und Michael Wilk. Sie sind Ende 20 und Anfang 30 und machen sich seit Jahren gegen den Flughafenausbau und die damit einhergehende Umweltzerstörung stark. Dass die Startbahn 18 West zu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Jahren in Betrieb ist, stört sie nicht. „Es gab keinen Grund aufzugeben. Wir hatten zwar eine Etappe verloren und das war ein schmerzhafter Einschnitt. Aber uns war klar, dass eine neue Etappe beginnt und dass wir verhindern müssen, dass sich der Flughafen noch mehr nimmt“, sagt Oswald, der bis heute in Walldorf wohnt.

Mit Fackeln in den Händen ziehen die Demonstranten in den Wald. Über ihnen brummt der Polizeihubschrauber mit Rolf Mai an Bord. Der Polizeiführer verfolgt die Startbahngegner aus der Luft. „Das hab‘ ich häufiger gemacht, weil man da den besten Überblick hat“, sagt Mai im Gespräch mit unserer Zeitung.

Auf halber Strecke trennt sich der Zug der Demonstranten. Der eine läuft geradeaus weiter, der andere biegt rechts ab. Mai ist verwirrt, fragt sich, was die Männer und Frauen vorhaben.  Südlich der Startbahn West an der Mönchbruchwiese treffen die beiden Züge wieder aufeinander. Genau dort, wo eigentlich die Hundertschaft hätte stehen sollen. Viele sind vermummt und mit Zwillen bewaffnet, haben Brennbares dabei. Über den Wiesen, die durch das Flutlicht der Polizei erhellt sind, liegt Nebel. „Es war eine gespenstische Situation“, erinnert Oswald.

Leuchtraketen werden gezündet. Steine fliegen. Die Polizisten hinter der Startbahnmauer antworten mit Wasserwerfern. Oswald und viele andere Demonstranten werden von den Wassermassen getroffen, sind sofort patschnass. Sie provozieren weiter. Jetzt fliegen auch Molotowcocktails. Daraufhin gibt Mai den Befehl, den Platz zu räumen. Eine Hundertschaft rennt aus dem Flughafengelände auf die Wiese, jagt den Demonstranten mit Schlagstöcken hinterher. Die nehmen reißaus. „Wir hatten keinen Schutz“, sagt Oswald, der auf halben Weg seinen Schuh verliert, zurückrennt und ihn auf dem Wasser getränkten Boden sucht. Als er ihn findet, flitzt er zurück zum Waldrand und zur Brücke. „Ich war einer der letzten, der über die kleine Behelfsbrücke ist. Das waren nicht mehr als ein paar Bohlen“, entsinnt er sich. Als er weg ist, fallen plötzlich Schüsse. Zwei Polizisten sacken in sich zusammen. Sie sterben wenig später im Krankenhaus. Für den Einsatzleiter ein Alptraum: „Da hat’s noch nie gegeben. Zwei Kollegen, die dir anvertraut worden sind, sind gestorben. Ich fragte mich, hast du alles richtig gemacht? Wie konnte es dazu kommen? Zum Glück war einer der Einsatzbeobachter da, der gesagt hat, dass mich keine Schuld trifft. Trotzdem hat dieser Einsatz bei mir lange nachgewirkt“, sagt Mai. 

Umgehend richtet die Polizei Straßenkontrollen an den Zufahrtsstraßen ein. Als Oswald nach Mörfelden kommt, wird er angehalten und durchsucht. „Ich hörte zum ersten Mal davon, dass zwei Polizisten erschossen worden waren. Das war nie und nimmer auch nur ansatzweise im Gedankengut der Bürgerinitiative“, sagt er.

Noch in der Nacht werden bekannte Startbahngegner verhaftet, darunter Wilk. „Ich war fertig mit der Welt. Viele kamen für eine gewisse Zeit in den Knast, uns wurden Fingerabdrücke genommen. Das Unangenehmste war, dass unsere moralische Integrität gefährdet schien. Bis zu den Schüssen hatten wir die Unterstützung vieler, die sagten Widerstand ist notwendig und legitim. Das ist in der Nacht zerbrochen“, sagt er. Am nächsten Vormittag ist er wieder frei.

Für die Schüsse haben Oswald und Wilk bis heute keine Erklärung. Einig sind sie sich aber, dass die Schüsse nie hätten fallen dürfen. „Sie führten zu einer menschlichen Katastrophe“, sagt Wilk.

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