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Ein Laufverkehr wie dieser ist Alltag. Mancher Altstadt-Bewohner hatte es sich doch etwas ruhiger vorgestellt.

Jubel und Jammern

Tourismus in der Neuen Frankfurter Altstadt: „Da ist ein Geschrei, da geht es ab“

Die Werbung auch in Fernost zahlt sich aus. Dass mancher Gästeführer ins Megafon brüllt, ist nur ein Problem. Es fehlen Toiletten und Bänke – und Platz dafür.

Er blickt mit Wohlgefallen auf die kleineren und größeren Gruppen, die an ihm vorbei über den Krönungsweg ziehen. „Unsere Werbung hat sich bezahlt gemacht“, sagt Thomas Feda, Geschäftsführer der städtischen Tourismus und Congress GmbH. Etwa 8000 Touristen kommen organisiert täglich in die neue Altstadt. „Derzeit sind es viele Spanier und Engländer“, weiß der Tourismus-Manager, „beide lieben unseren Weihnachtsmarkt.“ Und der wirkt in diesen Tagen als zusätzliche Attraktion im Herzen Frankfurts.

Doch der bedarf es eigentlich nicht. Die 35 Altstadt-Häuser, zusammengedrängt auf 7700 Quadratmeter, wirken wie ein Magnet. 80 Gästeführer sind vollkommen ausgelastet, an einem normalen Samstag vor Weihnachten drängen sich vom Vormittag bis zum Abend bis zu 55 Führungen durch das Quartier. Einige Anwohner haben sich schon bei der Dom Römer GmbH beschwert, weil insbesondere die Trecks mit chinesischen und japanischen Besuchern von Guides mit Megafonen geführt werden.

Ignorierte Lärmgrenze

Thomas Feda zuckt mit den Schultern. „Gut, da ist schon ein Geschrei, da geht es halt ab“, sagt er. Die Gästeführer der Stadt sind angehalten, mit ihren Erläuterungen 60 Dezibel nicht zu überschreiten. Aber auf chinesische und japanische Tourismus-Unternehmen habe er wenig Einfluss, sagt Feda. „Das ist ja öffentlicher Raum.“ Noch allerdings kommen die meisten Besucher aus Deutschland, zwei Drittel der Führungen sind in Deutsch. Langsam aber zeigten sich die Folgen der intensiven Werbung in der Volksrepublik China und in Japan.

Die Infrastruktur in den Gassen und auf dem zentralen Hühnermarkt wird langsam angepasst. „Wir haben sieben Mülleimer aufgestellt“, sagt Michael Guntersdorf, der Chef der städtischen Dom Römer GmbH. Sitzbänke stehen jetzt an der Pergola, mit der die Altstadt von der Kunsthalle Schirn abgetrennt wird. „Für weitere Bänke haben wir einfach keinen Platz“, sagt Guntersdorf.

Ringen um jeden Meter

Sein Kollege Feda nennt öffentliche Toiletten „sehr wünschenswert“. Aber wo? Der öffentliche Raum der Altstadt ist nun mal sehr begrenzt. „Wir haben auch zu wenig Fahrradständer“, ergänzt der oberste Tourismus-Manager der Stadt. Aber auch hier gilt: kein Platz. Wie rigide um jeden Quadratmeter gerungen wird, musste Guntersdorf erfahren, als ein Stand des Weihnachtsmarktes arglos auf der kleinen Freifläche vor dem Haus „Goldene Waage“, direkt am Dom, aufgebaut worden war. Die Frankfurter Berufsfeuerwehr bestand umgehend auf Räumung der Bude: Der Raum werde benötigt zum Rangieren der Feuerwehrfahrzeuge – falls es denn mal brennt in der Altstadt.

Womit wir bei einem heiklen Thema wären. Der Jahreswechsel rückt näher, die Tage, in denen es böllert und kracht. Die deutsche Sprengstoffverordnung erlaubt, „dass am 31. Dezember und 1. Januar“ jeden Jahres „pyrotechnische Gegenstände abgebrannt werden dürfen“.

Aber auch in einem Viertel, in dem Holz als Baustoff eine große Rolle spielt? Die Fachleute der Stadt kommen nach eingehender Prüfung zu dem Ergebnis: „Bei dem neuentstandenen Dom-Römer-Areal handelt es sich überwiegend um Neubauten und Rekonstruktionen.“ Auch die Gebäude, die als Fachwerkhäuser errichtet wurden, verfügten „über Dachkonstruktionen, die den brandschutztechnischen Eigenschaften anderer Gebäude gleichwertig sind“. Aus diesem Grund steht einem großen Feuerwerk in der Altstadt in der Silvesternacht nichts im Wege. Im Übrigen wissen die Experten der Stadt genau: „Ein Verbot zum Abbrennen von Feuerwerkskörpern“ sei in der Altstadt „nicht umsetzbar“.

Mit großer Gelassenheit reagieren die Verantwortlichen der Kommune auf die bettelnden Menschen, die vereinzelt am Rande der Altstadtgassen sitzen. Nach Rücksprache mit seinen Mitarbeitern stellt Tourismus-Chef Feda fest: „Wir haben seit der Eröffnung der Altstadt im Mai bis heute keine einzige Beschwerde über organisiertes Betteln bekommen.“

Im Vergleich zur Situation zwischen Dom und Römer sei das Problem in der Fußgängerzone Zeil wesentlich größer.

Von Claus-Jürgen Göpfert

Info: Was noch fehlt

Auch sieben Monate nachdem die Bauzäune fielen, sind wichtige Einrichtungen in der neuen Altstadt noch nicht geöffnet. Das geplante Café im Haus „Goldene Waage“ am Dom ist noch Baustelle. Das gleiche gilt für das Restaurant „Wirtshaus am Markt“ in den Häusern Hühnermarkt 16/18. Auch ein kleines Café im Haus Markt 40 harrt der Eröffnung. Ebenso die Metzgerei am Krönungsweg und einige Läden. Michael Guntersdorf, von der Dom Römer GmbH weiß um diese Probleme nur zu gut. Bei der Rekonstruktion der „Goldenen Waage“ sei die Café-Nutzung im Erdgeschoss zunächst nicht berücksichtigt worden. Im Januar 2019 könne das Café öffnen. Beim Innenausbau des Restaurants am Hühnermarkt, das 180 Sitzplätze bieten soll, gebe es Probleme. Möglicherweise gelinge die Eröffnung aber noch vor Weihnachten.

Für das Café im Haus Markt 40 wollte Guntersdorf keinen Termin nennen. In der Metzgerei müsse eine zusätzliche Fettabscheideranlage eingebaut werden. Der Metzger will jetzt seine Würste unter freiem Himmel verkaufen. „Der Laden kann aber im Januar eröffnet werden“, prognostiziert Guntersdorf. Welche Schwierigkeiten es bei den einzelnen Häusern genau mit der städtischen Bauaufsicht gibt, bleibt unklar. Das Planungsdezernat werde zu Details von Baugenehmigungsverfahren nichts sagen, heißt es dort.

(jg)

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