Gestrandet am Flughafen

  • Julia Lorenz
    vonJulia Lorenz
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Kurt und Hermann sind obdachlos. Sie leben am Frankfurter Flughafen. Doch leicht wird ihnen das jetzt nicht mehr gemacht. Fraport greift durch und schickt die Obdachlosen in den Terminals, zwischen 50 und 300 sollen es sein, fort.

Es ist ein kalter Winterabend. Während draußen Minusgrade herrschen und der Schnee im Schein der Beleuchtung des Flughafens glitzert, sitzen in den Terminals gestrandete Passagiere mit ihren Koffern und warten darauf, dass ihre Maschinen doch noch abheben. Andere eilen zu den Zügen. Mittendrin, vor den Abgängen zu den S-Bahnen in der „Airport City Mall“, sitzen unscheinbar Kurt und Hermann (Namen von der Redaktion geändert) und beobachten das hektische Treiben. Ihre Mützen haben sie tief in die Gesichter gezogen. Zwei große Reisetaschen stehen zu ihren Füßen. Nur die leergetrunkenen Bierdosen und die zerknautschten Zigarettenschachteln wollen nicht so recht zu der glitzernden Flughafenwelt passen. Kurt und Hermann sind obdachlos. Sie wohnen am Flughafen.

Schlafen im Terminal

Doch die beiden sind längst nicht die einzigen Obdachlosen am Airport. Die Zahlen variieren je nach Schätzung zwischen 50 und 300. Getarnt als Passagiere tummeln sich die Obdachlosen, die aus ganz verschiedenen Gründen am Flughafen leben, zwischen den Tausenden Reisenden, schlafen in versteckten Ecken, in Seiteneingängen, unter Treppen. Und das meist schon seit mehreren Jahren (wir berichteten).

Kurt verbringt seit etwas mehr als vier Monaten seine Nächte in den weitläufigen Terminals. Auf der Straße lebt er jedoch schon seit zwei Jahren. „Meine Frau und ich haben uns scheiden lassen“, erzählt er. 250 000 Euro habe ihn das gekostet. Ihn, den Lkw-Fahrer, der eh nie viel Geld auf der hohen Kante liegen hatte. Und dann musste er seiner Frau auch noch monatlich einen Teil seines Lohns abgeben. „Das habe ich irgendwann nicht mehr eingesehen und habe meinen Job gekündigt“, sagt er. „Und dann ging es bergab.“ Bald war auch die Wohnung weg. Kurt landete auf der Straße und schlägt sich seitdem mit Hartz IV durch. „Das reicht jeden Tag für ein gutes Essen“, erzählt Kurt, während er kurz die Hand hebt, um eine der Reinigungskräfte im türkisfarbenen Kittel zu grüßen, die um seine Füße herum putzt. Man kennt sich eben. Die Welt ist auch am Flughafen klein. Und so wittert Kurt sofort Gefahr, als zwei Security-Männer von Fraport auf sie zukommen.

„Können wir bitte mal ihre Flugtickets sehen“, fragt einer der Uniformierten. Natürlich haben die beiden keines. Hastig packen sie ihre wenigen Habseligkeiten zusammen. „Okay, wir gehen ja schon zu Rewe“, sagt Kurt. Er hat Angst, der wohligen Wärme des Flughafens verwiesen zu werden. Kein Wunder. Seit einigen Wochen greift der Flughafenbetreiber Fraport durch. „Wir führen verstärkt Personenkontrollen durch und erteilen Platzverweise“, sagt Sprecher Christopher Holschier. 1300 Personenkontrollen und Platzverweise habe es 2014 gegeben. Grund dafür seien vermehrte Rückmeldungen von Passagieren, Fluggesellschaften und Flughafenmitarbeitern, die sich über das Erscheinungsbild der Obdachlosen beschwert hätten. Ihre Körperhygiene sei negativ aufgefallen. Außerdem nehmen sie den Reisenden Sitzmöglichkeiten weg, in dem sie sich dort zum Schlafen niederlegen. Teppichböden vor den Checkin-Schaltern seien entwendet worden, um sich damit zuzudecken. Und so sagt Holschier: „Laut Flughafennutzungsordnung ist der Airport dafür da, den Fluggästen und Airlines das Reisen zu ermöglichen und möglichst angenehm zu gestalten. Aber der Flughafen ist nicht zum Wohnen da.“

Nur Ruhe haben

Doch Kurt und Hermann, die bleiben erst einmal auf ihrem Platz sitzen, nachdem sich die Security-Männer wieder entfernt haben. „Wir machen doch gar nichts und sehen auch nicht heruntergekommen aus“, sagt Kurt. „Wir halten uns hier aus allen Streitigkeiten heraus und wollen nur unsere Ruhe haben.“ Tagsüber sind die beiden stets in der Stadt unterwegs. Dort haben sie sich auch vor einem Jahr an der Hauptwache kennengelernt. „Hermann hat mich nach einer leeren Bierdose angeschnorrt. Ihm hatten noch 25 Cent für ein neues Bier gefehlt.“ Fortan zogen sie gemeinsam durch die Welt. „Wir können uns vertrauen, hintergehen uns nicht und sind immer ehrlich zueinander. Das ist ganz wichtig.“

Erst abends kommen sie an den Flughafen zurück. „Hier ist es immer warm, die Sanitäranlagen sind kostenlos und sauber, man kann duschen“, zählt er die Vorteile auf. Und so sitzen die zwei Obdachlosen immer auf „ihrer“ Bank in der „Airport City Mall“, helfen herumirrenden Passagieren, zeigen ihnen den Weg zu den Bahnen oder zum Flugzeug. Auch schlafen tun sie, zusammengekauert, auf den Sitzen. „Aber erst nachts ab halb zwei, wenn wirklich niemand mehr hier ist. Zwischen fünf und sechs ist die Nacht für uns dann aber wieder vorbei.“

Dann ziehen sie wieder durch die Stadt oder sitzen fast unscheinbar am Flughafen zwischen all den Reisenden – und hoffen, nicht hinaus in die Kälte geschickt zu werden.

Von Julia Lorenz

Am Flughafen Frankfurt spielt sich wegen Corona eine bizarre Geschichte ab. Ein DJ aus Griechenland sitzt seit Wochen fest. Auf Instagram postet er die Odyssee.

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