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Gewagt, genäht, gekonnt: Eine modische Hommage

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Von: Sabine Schramek

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Mini, midi, maxi - Hauptsache ausgefallen 38 Kreationen zeigten die Azubis der Maßschneider-Innung auf dem Laufsteg im Bürgerhaus. Und nicht nur Obermeisterin Heike Rahusen-Marsch ganz in Rot (Mitte) war begeistert.
Mini, midi, maxi - Hauptsache ausgefallen 38 Kreationen zeigten die Azubis der Maßschneider-Innung auf dem Laufsteg im Bürgerhaus. Und nicht nur Obermeisterin Heike Rahusen-Marsch ganz in Rot (Mitte) war begeistert. © Rainer Rüffer

Inspiriert von Jean Paul Gaultier - Maßschneider-Azubis zeigen großartige Eigenkreationen

Zum 70. Geburtstag von Jean Paul Gaultier - dem Enfant Terrible der französischen Haute-Couture - hat die Maßschneider-Innung ihre Auszubildenden beim 26. Kreativwettbewerb auf eine harte Probe gestellt. Wild, sexy und verblüffend haben die jungen Leute den großen Meister interpretiert.

Verschrien und doch bewundert

An den Kegel-BH, den Madonna 1990 auf ihrer weltweiten "Blond Ambition"-Tour entblößte, kennt wahrscheinlich jeder. Kein geringerer als der französische Modeschöpfer Jean Paul Gautier (70) hat ihn erfunden. Tabulos und als Enfant terrible verschrien und zugleich bewundert hat er immer wieder mit seinen Kreationen provoziert. Im Bürgerhaus Bornheim gab es am Samstagabend 38 gewagte Interpretationen zu Ehren des Mannes zu sehen, der dieses Jahr sein 50. Jubiläum als Modemacher feiert. Die Maßschneider-Innung Rhein-Main hat Gaultier zum Thema ihres 26. Kreativ-Wettbewerbs gemacht. "Kopieren gibt Punkteabzug", sagt Geschäftsführer Roland Thießen vor der Modeschau, die atemlos macht.

Zwei Jahre lang wurde der Wettbewerb der jungen angehenden Maßschneider wegen Corona online übertragen ohne Publikum. Dafür ist jetzt die Stimmung im voll besetzten Saal doppelt und dreifach gespannt. Obermeisterin Heike Rahusen-Marsch ganz in Rot verliert bei der Beschreibung des "jungen Wilden aus Paris, der es liebt zu schockieren" ganz kurz den Faden und witzelt "das passiert mir im Atelier nicht". Sie erntet donnernden Applaus. Ebenso wie die Auszubildenden vom ersten bis dritten Lehrjahr, die in den vergangenen Monaten aus fünf Metern Satin heiße, wilde, exzentrische, detailgenaue, verblüffende und top verarbeitete Eigen-Interpretationen von Gaultier auf den Laufsteg bringen.

Kreativität bei der Aufgabenstellung und Material werden ebenso bewertet wie die Komplexität der Schnitt- und Linienführung mit deren handwerklicher Umsetzung und der Gesamteindruck des Models, der Accessoires und Präsentation. Von bodenlang bis unter-mini kurz, von pompös bis minimalistisch, kunterbunt und fast uni, mit präzisen Stoffstreifen oder großen Sicherheitsnadeln, mit Korsett oder Umhang, als Hose oder Rock, manches beides in Einem, in Marine-Stil oder Uniform, bewegt und statisch. Jeder Auftritt auf dem Catwalk ist ein Erlebnis der Handwerkskunst und Fantasie.

Auf drei großen Leinwänden am Ende des Laufstegs changieren die Hintergrundfarben ebenso wie die Farben der maßgeschneiderten Kleider, Röcke, Hotpants, Schlaghosen, Oberteile und - natürlich - Kegel-BHs. Von Schwarz bis Gold, Rosé bis Rot, Petrol bis Königsblau passt sich die Schau den Models an, die in High Heels und oder Sneaker über den Laufsteg schweben. Keck, frech, elegant und sexy.

Drei Männer, 38 Kreationen

Auch drei Männer sind bei den insgesamt 38 Präsentationen dabei. "Eigentlich wären es 60 Teilnehmer gewesen, aber Corona hat bei etwa 20 einen Strich durch die Rechnung gemacht, bedauert Thießen. Rahusen-Marsch erzählt, dass beim Jury-Treffen vor drei Wochen die Bundesvorsitzende der Maßschneider-Innung aus Kiel angereist ist. Sie macht es spannend, wer die Sieger des Kreativ-Wettbewerbs sind. Nora Wenz, die im dritten Lehrjahr bei der Renate Cornies Maßschneiderei ist, landet auf dem vierten Platz. Ganz in schwarz mit hautenger Korsage und einem langen Rock, der mit königsblauem Tüll wie eine Feder wirkt, wenn er geöffnet ist und kurze Leggings freigibt unter der die Beine des Models von der Fessel bis über das Knie in Kreuzform geschnürt ist. Auf Platz drei ist Janina Turek im dritten Lehrjahr aus Wiesbaden, auf Platz zwei Catharina Schilt im dritten Lehrjahr und auf Platz eins kommt Nathalie Domanski aus Alsfeld, die im zweiten Lehrjahr an der Max-Eyth-Schule ist. Sie gewinnt 500 Euro ein 14-tägiges Praktikum bei der Maßmanufaktur Schmidt & Schallmey für ein Projekt ihrer Wahl inklusive Stoffe.

Vorne mini, hinten maxi

Sie zittert vor Überraschung und Freude. Der Rock ihres Modells ist Petrolblau, vorne mini, hinten Maxi. Das Oberteil ist rot, Arm- und Schulterfrei und bedeckt den Hals mit weißen Rüschen, das über den weichen welligen Rock kantig in Rot kontrastiert. "Ich habe sehr viel über Gaultier gelesen und mir eine Inspiration überlegt, die ihn trifft und meine Art vereint. Ich male und zeichne sehr gerne und dann habe ich mich dran gemacht. Allein das Zeichnen, Malen und Sticken hat etwa zwei Monate gedauert." Domanski kann ihr Glück noch kaum fassen, während ihr der ganze Saal gratuliert und applaudiert. Sie selbst trägt einen schicken legeren schwarzen Hosenanzug mit weißen Streifen. Die Hose ist anders gestreift als das Jackett mit breiten Schultern. Ein bisschen frech. Auch eine Art Gaultier. SABINE SCHRAMEK

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