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Fühlt sich hier verstanden: Anna im Gespräch mit Maren Kochbeck, Geschäftsführerin von der Selbsthilfe-Kontaktstelle in der Sonnemannstraße.

Betroffene erzählt

Gewalt im Kreißsaal: "Wie eine Vergewaltigung"

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Eine Geburt ist anstrengend und schmerzhaft. Neuerdings sprechen Mütter auch offen über Gewalt im Kreißsaal. Hebammen wissen um das Problem. Eine junge Frankfurterin hat es erlebt. Jetzt gründet sie die Selbsthilfegruppe „Rosenmütter“, um anderen Frauen zu helfen.

„Lächeln Sie doch mal“, sagt die Hebamme zu der jungen Frau mit dem streng nach hinten gebundenen Pferdeschwanz – nennen wir sie Anna –, als sie zum ersten Mal ihren Sohn in die Arme gelegt bekommt. Doch Anna ist nicht zum Lächeln zumute.

Nichts mehr, wie es mal war

„Schon gleich nach der Geburt wusste ich, dass nichts mehr sein wird, wie es einmal war“, sagt sie noch heute, zwei Jahre danach, mit trauriger Stimme. „Da ist etwas kaputt gegangen, das nie wieder zu reparieren ist.“

Keine Emotionen

Wenn Anna über die Geburt ihres Sohnes spricht, dann empfindet sie keinerlei Glücksgefühle, keine Emotionen. Da ist nur Leere. Denn Anna ist traumatisiert. Sie hat Gewalt im Kreißsaal erlebt – ein Thema, das seit jeher tabuisiert wird, über das Frauen aber neuerdings immer häufiger in der Öffentlichkeit sprechen.

Anna hat das so erlebt: Als bei der Frankfurterin neun Tage nach dem errechneten Geburtstermin die Wehen eingesetzt hatten, war sie eine glückliche Frau, wollte sie ihr Baby doch endlich in den Armen halten. „Alles verlief prima. Bis es in den Kreißsaal ging. Da begann das Desaster“, erzählt sie. „Ich hätte niemals gedacht, dass ich da an der Tür meine Würde abgebe und sie mit mir machen, was sie wollen. Das war erschreckend.“

„Ich habe mich gewehrt“

Gegen ihren Willen hat sie ein starkes Schmerzmittel gespritzt bekommen. Gegen ihren Willen ist sie an den Wehentropf angeschlossen worden, obwohl die Geburt voranging. Sie ist alle paar Minuten vaginal untersucht worden, ihr Muttermund wurde aufgerissen. „Ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt“, erzählt Anna. Aber das sei dem Klinikpersonal egal gewesen. Ihr Mann musste sie festhalten. „Für mich war das eine Vergewaltigung“, sagt Anna.

Keine positiven Gedanken

Die ersten Wochen und Monate hat die junge Mutter unter „einer Glocke der Gefühlslosigkeit“ verbracht, wie sie selbst sagt. Sie lag nur auf dem Sofa, war unfähig, sich um das Neugeborene zu kümmern. „Ich konnte mit meinem Kind nicht lachen, ich konnte keine Liebe empfinden“, erzählt Anna. Noch Monate nach der Geburt ist sie nachts schreiend aufgewacht, hatte Albträume.

„Ich bin traumatisiert“, sagt Anna. „Ich habe keinen positiven Gedanken an die Geburt. Solange unser Sohn klein ist, feiern wir auch den Geburtstag einen Tag vorher, als die Wehen eingesetzt haben – und nicht den eigentlichen Tag der Geburt.“

Respektlos und herabsetzend

Die Organisation „Human Rights in Childbirth“ schätzt, dass 40 bis 50 Prozent aller Frauen von psychischer oder körperlicher Gewalt vor, während oder nach der Geburt betroffen sind. Und auch die Weltgesundheitsorganisation WHO erkennt Gewalt in der Geburtshilfe als internationales Problem an. In einer Erklärung heißt es, dass „viele Frauen während der Geburt respektlos und herabsetzend behandelt werden“.

Schlechte Betreuung

Die WHO definiert verschiedene Formen: verbale Drohungen, Beschimpfungen und abwertende Sprüche wie: „Stellen Sie sich nicht so an“, körperliche Misshandlung wie Fixierung, Schläge, medizinisch oft unnötige Eingriffe wie etwa ein Dammschnitt oder ein Wehenmittel zur Geburtsbeschleunigung, in manchen Fällen auch ein Kaiserschnitt, wenn er als Folge von schlechter Betreuung zustande kommt. Auch Vernachlässigung und mangelhafte Grundversorgung zählen für die WHO zur Gewalt dazu.

„Gewalt im Kreißsaal ist ein Thema, das uns Hebammen sehr betrifft und bewegt“, sagt Gabriele Kopp, erste Vorsitzende des Landesverbands der Hessischen Hebammen. Bereits seit drei Jahren gebe es ein Fortbildungskonzept, um Hebammen im Umgang mit traumatisierten Frauen zu schulen. Doch Kopp sieht auch die andere Seite, nämlich nicht nur die traumatisierten Frauen, sondern die leidenden Hebammen. „Im schlimmsten Fall sind die selbst traumatisiert“, so Kopp.

Ein Grund ist Personalmangel

„Die Hebammen leiden unter den Bedingungen in den Kreißsälen.“ Sie würden unter dem Personalmangel leiden, unter der fehlenden Zeit, um sich um die Gebärenden zu kümmern, weil sie eben für mehrere Geburten gleichzeitig zuständig sind. „So wollen Hebammen nicht arbeiten“, sagt Kopp. „Ich kenne viele, die genau aus diesen Gründen aus der Geburtshilfe ausgestiegen sind.“

"Da läuft etwas aus dem Ruder"

Neben der Personalnot in den Kliniken sieht Gabriele Kopp aber noch einen ganz anderen Grund: das Gesundheitssystem. „Je kränker ein Mensch ist, desto mehr verdienen die Krankenhäuser an ihm“, sagt sie. Schwangere seien aber nicht krank, ganz natürliche Geburten ohne medizinische Intervention würden am schlechtesten bezahlt. „Je mehr in die Geburt eingegriffen wird, desto mehr verdienen die Kliniken daran“, sagt Kopp. Das reiche vom Wehentropf über den Dammschnitt bis zum Kaiserschnitt. Fast die Hälfte der Geburten würden mit einem Kaiserschnitt enden. Die Weltgesundheitsorganisation erachtet 15 Prozent als normal. „Es wird viel zu häufig in die Geburt interveniert. Da läuft etwas aus dem Ruder.“

Anna möchte helfen

Anna möchte nach ihren persönlichen Erfahrungen anderen Frauen, die Ähnliches wie sie durchgemacht haben, helfen. Gemeinsam mit einer Bekannten hat sie die Selbsthilfegruppe „Rosenmütter“ gegründet – angelehnt an den „Roses Revolution Day“ am 25. November, mit dem auf Gewalt in der Geburtshilfe aufmerksam gemacht werden soll.

„Als es mir so schlecht ging, war ich auf der Suche nach einer Gruppe Gleichgesinnter, mit denen ich mich austauschen kann“, sagt Anna. Im Rhein-Main-Gebiet gebe es aber nur Selbsthilfegruppen für Frauen mit dem bekannten Babyblues oder einer Wochenbettdepression nach der Geburt. „Eine Depression ist aber etwas ganz anderes als ein Trauma“, weiß Anna. Die Gesprächsgruppe wird in den Räumen des Vereins Selbsthilfe stattfinden. „Es haben sich schon viele interessierte Frauen bei uns gemeldet“, sagt Maren Kochbeck, Geschäftsführerin des Vereins. „Der Bedarf ist auf jeden Fall da.“

Panik in Krankenhäusern

Anna geht es zwei Jahre nach der Geburt ihres Sohnes besser – dank einer Therapie, die sie gemacht hat. „Endlich kann ich wieder lachen“, sagt die junge Mutter. Noch heute kann sie aber keine Krankenhäuser betreten, den Geruch nach Desinfektionsmittel kann sie nicht ertragen. „Das wird sich sicherlich auch so schnell nicht ändern.“ Nichtsdestotrotz kann sie sich vorstellen, noch ein zweites Kind zu bekommen – allerdings in einem Geburtshaus oder zu Hause. „Die haben mir in der Klinik mein Leben zerstört. Aber ich wollte immer zwei Kinder haben. Das lasse ich mir nicht nehmen.“

Kontakt zu den Rosenmüttern

Wer Ähnliches wie Anna erlebt hat und Betroffene sucht, mit denen er sich austauschen kann, der meldet sich bei der Selbsthilfe-Kontaktstelle unter der Nummer (069) 55 94 44.

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