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Die Schlange war lang, als ?Streetangels? und Gewerbevereinsvorsitzende an der Ecke Nidda-/Moselstraße aus einem Imbisswagen Essen verteilten.

Hilfe im Bahnhofsviertel

Gewerbevereine unterstützen "Street Angels" und verteilen Essen an Hilfsbedürftige

Wenn es kalt wird und Weihnachtslichter leuchten, sinkt die Stimmung bei Menschen, die von Armut betroffen sind, noch tiefer. Warmes Essen und Ansprache helfen. Mitglieder vom Dachverband der Gewerbevereine haben den „Street Angels“ einen Abend lang unterstützt.

Polizeistreifen kontrollieren Leute im Bahnhofsviertel vor Bars und auf der Straße, als Sabi Uskhi (53) mit seinem Truck in der Niddastraße parkt. Er hilft mit seinem Verein Streetangels Obdachlosen und Menschen in Not. Seit 20 Jahren macht er das, seit fünf Jahren als Verein. Heute läuft es anders ab als sonst. 17 Mitglieder vom Dachverband der Frankfurter Gewerbetreibenden haben stundenlang geschnippelt, Kuchen gebacken und Brote geschmiert. „Das Essen muss weich sein, nahrhaft und warm. Wegen der vielen Zahnprobleme“, erklärt Ernst Schwarz, Vorsitzende. „Darum gibt es indischen Eintopf mit Reis, Samosa, selbst gemachten Kuchen, Getränke und Obst.“

Fürs Leben lernen

Rund 300 Essen und Plastiktüten voller Obst stehen bereit, Helfer tragen Westen der Street Angels. „Ich habe noch nie so nah mit Obdachlosen und Drogenkranken zu tun gehabt“, sagt Stella Schulz-Nurtsch, Stadtverordnete im Ausschuss Soziales und Gesundheit und Vorstandsvorsitzende der Standortinitiative FFN. „Heute lerne ich bestimmt etwas fürs Leben. Ich habe großen Respekt für alle, die hier helfen“, meint sie, als immer mehr Leute eine lange Schlange bilden. In einem Hauseingang neben dem stark riechenden Edelstahlpissoir raunt ein junger Mann einer Frau zu. „Ich kaufe keine Steine aus Marokko mehr“. Uskhi bereitet die Leute vor. „Das ist heute anders. Diese Menschen hier haben große Probleme. Psychische oder durch Drogen. Seid freundlich und nett. Sie sind nicht gefährlich.“

Männer und Frauen in Anoraks, Kapuzen ins Gesicht gezogen, manche mit zerrissenen Kleidern stehen an. Vasilios T. (53) war einer von ihnen. Seit Juni arbeitet er als einer der rund 45 Street Angel mit. „Mein Vater hatte im Viertel einen Kürschnerladen, ich habe als DJ in einem Kino gearbeitet, war selbständig mit einem Billardcafé. Wegen privater Probleme bin ich abgestürzt, kam nicht mehr auf die Füße. Heroin, Kokain und Straße.“ Er hat ein Methadonprogramm gemacht, seine Tochter studiert. „Jetzt bin ich auf Minimaldosis und der Job ist cool.“ Er kennt die Obdachlosen und Junkies, spricht jeden mit Namen an, fasst sie sanft an der Schulter. Uskhi erklärt, dass auch Ärzte und Rechtsanwälte auf der Straße leben würden. „In Frankfurt haben wir mehr als 2000 Menschen, die auf der Straße leben bei etwa 1000 Übernachtungsplätzen. Über Junkies wird in Zahlen nicht viel gesprochen.“ Er weiß es, da er mehrmals in der Woche mit seinem Verein unterwegs ist, Essen verteilt und Kleidung an die Obdachlosen gibt. Neue Schuhe, Jacken, Pullover, Socken und Thermoanzüge. Alles Spenden von Läden, Firmen und Privatleuten.

Dankbarkeit

Schwarz und Schulz-Nurtsch füllen Reis in Plastikschalen, legen gebratenes Gemüse, Soße und Samoa darauf. Jede Frau und jeder Mann bedankt sich. Manche fragen leise nach, was es gibt. Sie lächeln, Augen glänzen, ihre Nervosität geht zurück. Ein junger Mann mit hellblauen Augen zieht seine Kapuze hoch und reinigt sich in der Schlange mit einer Nagelfeile die Nägel. Er sei gelernter Schweißer, erzählt er. „Vor drei Jahren hatte ich Arbeit und habe Steuern bezahlt. Ich war clean.“ Seine Frau hatte den Litauer verlassen, er verlor seine Arbeit. „Einmal bin ich nicht zum Arbeitsamt gegangen, weil ich krank war. Da bekam ich kein Geld mehr, musste klauen gehen, schlief auf der Straße, habe angefangen zu trinken und Drogen zu nehmen.“ Er würde gerne wieder arbeiten „und nicht betteln müssen.“ Jetzt übernachtet er in der Drogenstelle.

Die Gewerbevereinsmitglieder sind beeindruckt. „Es ist ganz anders, als das Vorurteil. Die Leute sind total nett, niemand drängelt oder schimpft. Das Lächeln dieser Menschen ist unbezahlbar.“ Schulz-Nurtsch sagt. „Es ist erschreckend, wie viele Menschen kommen. Sie sind auf der Straße gelandet und man muss ihnen helfen, ins Leben zurückzufinden.“ Sie überlegt, ob sie in Zukunft auch bei den Street Angels mithilft.

Sabine Schramek

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