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2015 zog Jungangler Wieland Grimm am Praunheimer Wehr in Frankfurt eine nicht in der Region eingesetzte Meerforelle aus der Nidda.

Umweltschutz

Interview mit Experten über den Zustand der Nidda: "Es gibt wieder 30 Fischarten"

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Meerforellen sind seit zehn Jahren wieder in der Nidda in Frankfurt und in der Wetterau heimisch. Zum ersten runden Geburtstag des Projekts ziehen zwei wichtige Akteure im Gespräch mit FNP-Redakteur Dennis Pfeiffer-Goldmann Bilanz: Marco Weller aus Frankfurt, Chef der IG Nidda, des Zusammenschlusses der Anglervereine, und „Nidda-Papst“ Gottfried Lehr, Gewässerökologe aus Bad Vilbel.

Zehn Jahre Meerforelle in der Nidda – wieso wird das gefeiert?

MARCO WELLER: Das ist ja schon ein großer Geburtstag!

GOTTFRIED LEHR: Anfangs war die Idee, den Lachs wieder anzusiedeln als „Flagg-Fisch“, also als Flaggschiff für den Gewässerschutz. Denn den Lachs kennt und isst ja jeder. Leider geben die extrem von Menschen beeinflussten Gegebenheiten in der Nidda das noch nicht her. Wir haben uns dann für die Meerforelle entschieden.

Mit welchem Ziel?

LEHR: Um die Flüsse für die Fische durchgängig zu machen. Das Projekt soll zeigen, wie effizienter Naturschutz im Gewässerbereich möglich ist. Meerforelle und Lachs sind hochgradig bedrohte Tierarten. Wir wollen Naturschützer, Gemeinden und Bevölkerung auf die Missstände aufmerksam machen – und auf Erfolge.

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Wie sieht es heute aus mit der Durchgängigkeit?

WELLER: Zwei Hindernisse haben wir noch im Main mit den Staustufen in Kostheim und Eddersheim. Hier kommen die Fische nur zum Teil durch die Aufstiegsmöglichkeiten hindurch.

LEHR: Zu Beginn des Projekts war zugesagt, dass beide Fischwege bis 2014 fertig sind. Der in Kostheim ist es auch, aber der in Eddersheim nicht. Da wird noch Grundlagenforschung betrieben. Der Bund sollte für diese Periode wenigstens ein Provisorium schaffen.

WELLER: Immerhin hat die Nidda selbst wenig Wehre – das ist ein positiver Nebeneffekt des Dramas der Nidda-Begradigung.

Info: Geburtstag

Der zehnte Geburtstag der Wiederansiedlung der Meerforelle wird heute (Mittwoch) bei einer Fachtagung in Bad Vilbel gefeiert. Finanziert wurden die neu in die Nidda und ihre Nebenflüsse eingesetzten Meerforellen während der ersten fünf Jahre vom Wetteraukreis, während der vergangenen fünf Jahre von der Frankfurter Gerty-Strohm-Stiftung. Vielfach wurden inzwischen gekennzeichnete zurückgekehrte Fische in der Nidda nachgewiesen. 2015 zog Jungangler Wieland Grimm am Praunheimer Wehr in Frankfurt sogar eine nicht in der Region eingesetzte Meerforelle aus der Nidda – und setzte das 80 Zentimeter lange Prachtexemplar natürlich auch wieder ein.

In Frankfurt gibt es aber noch einige Wehre. Wie ist die Lage dort?

WELLER: Dort gibt es Pläne, diese umzubauen. Das Höchster Wehr ist schon fertig, der Umbau in Rödelheim ebenfalls.

LEHR: Man muss der Stadt Frankfurt ein dickes Lob aussprechen, weil sie jedes Jahr ihre Wehre während der Wanderzeiten der Fische absenkt.

Warum wird ein solcher Aufwand nur für die Meerforelle betrieben?

WELLER: Weil sie der „Flagg-Fisch“ ist. Fast jede Flussfischart benötigt Wanderkorridore. Meerforellen wandern aus den Bächen der Wetterau bis in die Nordsee und ans Nordkap und zum Laichen wieder zurück. Auch andere Fische haben lange Wanderwege, Barben und Nasen bis zu 200 Kilometern. Mit den Verbesserungen für die Meerforelle können wir das gesamte Leben unter der Wasseroberfläche in Bewegung bringen, bis hin zu den Muscheln, Kleinlebewesen, Insekten. Das hilft damit auch dem Leben oberhalb der Wasserlinie.

Was hat sich dafür in der Nidda schon verändert?

WELLER: Nicht nur in der Nidda, sondern auch in allen Zuflüssen wie dem Eschbach oder dem Erlenbach! Dorthin wandern die Meerforellen ja zum Laichen.

LEHR: Am wichtigsten war die Verbesserung der Abwasserreinigung. Denn vor 40 Jahren gab es in der Nidda keinerlei Fische mehr, im Main konnte man Filme entwickeln. Heute sind wir wieder bei 30 Fischarten. Der erste Schritt ist jetzt gemacht, die Fische kriegen wieder Luft. Als Nächstes müssen wir über Medikamentenrückstände, Spritzmittel und Sonstiges sprechen.

Wieso ist das notwendig?

LEHR: Die europäische Wasserrahmenrichtlinie schreibt vor: Bis 2027 müssen alle Gewässer in einem ökologisch einwandfreien Zustand sein. Es gibt aber noch eine Menge Defizite: Wir haben durch das Projekt „Niddaman“ herausgefunden, dass 50 Prozent der Fischlarven missgebildet sind. Solche Fische liegen via Nordsee irgendwann bei uns auf dem Teller. Da müssen wir noch Gewaltiges bewegen.

Was muss konkret passieren?

LEHR: Die Wasserqualität muss besser werden mit einer vierten Reinigungsstufe in den Kläranlagen. Aber auch die Gewässerstruktur muss noch besser werden. Dafür muss die Renaturierung der Nidda weitergehen.

Welche Stellen fehlen da noch?

LEHR: Alle Abschnitte, die noch begradigt sind! Das ist auch wichtig im Blick auf den Klimawandel. Mit den heißen, sehr trockenen Sommern bekommen wir ein Problem mit der Gewässererwärmung. Schon der Schatten von Bäumen am Ufer kann die Temperatur im Fluss um vier bis fünf Grad senken. Das wird vielfach unterschätzt.

Projekt zur Ansiedlung der Meerforelle in der Nidda wird zehn Jahre alt: Marco Weller aus Frankfurt (l.), Vorsitzender der IG Nidda, im Gespräch mit Gewässerökologe Gottfried Lehr aus Bad Vilbel.

Welche Probleme gibt es noch?

WELLER: Es ist wichtig, dass weniger Erde von den Äckern weggespült wird in die Nidda. Dafür benötigen wir Schlammfänge für die Entwässerungsgräben, zum Beispiel durch Uferrandstreifen zwischen Feldern und den Gräben.

LEHR: Die Landwirte stehen natürlich unter wirtschaftlichem Druck, weil die Leute im Supermarkt die Schnitzel für 1,50 Euro kaufen wollen. Dafür benötigen sie jeden Quadratmeter Acker. Aber jeder Landwirt will auch seinen Boden schützen. Wir müssen also den richtigen Weg finden, damit das für die Bauern wirtschaftlich möglich ist.

Da drehen Sie aber an einem ganz schön großen Rad.

LEHR: Daran sehen Sie, wie weit man mit dem Projekt Meerforelle ans Eingemachte kommt. Wir haben einen viel besseren Dialog erreicht zwischen Anglern, anderen Naturschützern, Anliegerkommunen und Wissenschaft. Und wir haben die Aufmerksamkeit auf den Fluss gelenkt.

Wie wichtig ist für Sie der Erkenntnisgewinn?

WELLER: Wir haben ein deutlich größeres Wissen darüber, was in der Nidda und den Bächen passiert. Das hätten wir ohne das Monitoring aus dem Projekt nicht.

LEHR: Uns geht es ums Verbessern des Gesamtsystems. Das Monitoring zeigt, dass das gelingt: Wir haben zum Beispiel nun den Maifisch wieder hier in der Nidda, der im Rhein-Gebiet schon ausgestorben war. Das ist doch toll.

Wie wird sich das Projekt Nidda-Meerforelle in zehn Jahren weiterentwickelt haben?

WELLER: Dann haben wir hoffentlich einen festen Bestand an Meerforellen in der Nidda, der in der Lage ist, sich selbst zu erhalten. Und wir müssen nicht mehr jedes Jahr neuen Besatz einsetzen.

LEHR: Und dann ist der erste Lachs in der Nidda aufgetaucht, ganz von alleine. Wetten?

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