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?Das eskaliert sonst, dafür sind wir nicht genug Leute?: Bei einer Polizeikontrolle an der Franz-Werfel-Straße wird der Einsatzleiter nervös.

Kriminalität

In Ginnheim lassen Drogendealer Kinder für sich arbeiten

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Brennende Mülltonnen, Angriffe auf Einsatzkräfte und Drogenverstecke im Treppenhaus: Die Platensiedlung ist zum Problemviertel geworden. Aus dem Stadtteil kommen Hilferufe an die Politik.

Sogar an einem kalten, grauen Nachmittag steht ein Grüppchen junger Männer am Rand der Franz-Werfel-Straße. Sie kicken einen Plastikball hin- und her, rauchen Zigaretten. Ihr breitbeiniges Auftreten macht sofort klar: Die Straße gehört ihnen. Sie führt an monoton aneinander gereihten Mietshäusern vorbei, zwischen denen sich Parkplätze und trostlose Rasenflächen abwechseln, und endet an einer Schranke. Fremde Autos fahren hier kaum vorbei, es gibt keine Läden und keine Cafés. Nur einen Lidl.

Als Problemviertel gilt die Ginnheimer Platensiedlung schon länger. Manche befürchten inzwischen, sie könnte zum durch Drogenkriminalität geprägten Ghetto verkommen. Denn eine Dealerszene hat sich längst breitgemacht. Und seitdem in der Silvesternacht Mülltonnen brannten und die anrückenden Einsatzkräfte mit Raketen beschossen wurden, fragt man sich auch außerhalb des Stadtteils, was dort eigentlich schiefläuft.

An diesem Nachmittag wird es plötzlich unruhig. Zwei Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei kommen angebraust. Die Beamten lassen sich Ausweise und den Inhalt der Hosentaschen zeigen. Am anderen Ende der Straße hält ein schwarzer BMW mit getönten Scheiben. Ein bulliger Mann mit dunklem Bart steigt aus und sieht herüber. Der Einsatzleiter wird nervös. „Bitte hören Sie auf zu fotografieren“, sagt er uns. „Das eskaliert sonst, dafür sind wir nicht genügend Leute.“

Von seinem Balkon aus kann Rudi Baumgärtner die Szene beobachten. „Wir müssen aufpassen, dass es nicht kippt. Das geht schneller, als man denkt“, sagt der 81-Jährige. Er wohnt seit 2001 in der Platensiedlung und fühlt sich eigentlich wohl hier. „Die Hausgemeinschaft ist gut. Wenn meine Nachbarn mich zwei Tage nicht sehen, fragen sie, ob alles in Ordnung ist“, sagt er. Sein Name ist der einzige deutsche am Klingelschild. Der Migrantenanteil ist in der Siedlung sehr hoch.

Baumgärtner ist überzeugter Sozialdemokrat, er war lange Jahre Stadtverordneter und engagiert sich immer noch ehrenamtlich. „Meine Frau wollte damals hierher ziehen. Sie sagte: Man redet nicht über die Leute, man lebt mit ihnen zusammen.“ Vor 14 Jahren ist sie verstorben.

In den 1950ern wurde die Siedlung für amerikanische Soldatenfamilien gebaut. Nach deren Abzug übernahm die ABG die Häuser. Beim Kauf verpflichtete sich die städtische Baugesellschaft, 60 Prozent als Sozialwohnungen zu vermieten. „Da es nur große Wohnungen sind, haben wir viele kinderreiche Familien als Mieter“, sagt ABG-Chef Frank Junker. „Es fehlt die soziale Mischung.“

Im nördlichen Teil der Platensiedlung soll sich das bald ändern. Die ABG setzt dort ehrgeizige städtebauliche Pläne um. Neue, auch kleinere Wohnungen sollen entstehen, der öffentliche Raum ansprechender gestaltet werden. Doch im südlichen Teil, dort wo die Probleme am größten sind, tut sich erst einmal nichts.

Die Silvesternacht war für Edgar Ramelow ein einschneidendes Erlebnis. Mit seinem Schnauzbart wirkt der Leiter des zwölften Polizeireviers wie ein freundlicher Bilderbuch-Wachtmeister, den nichts aus der Ruhe bringt. Der Einsatz in der Platensiedlung machte ihn jedoch fassungslos: „Hunderte Menschen waren auf der Straße. Sobald Sie einem den Rücken zugedreht haben, hat es hinter Ihnen gebrannt. Kinder haben gefährliche Böller auf andere Personen geworfen. Die

Eltern standen daneben

, denen war das egal.“ Ramelow musste auf Verstärkung aus der Innenstadt warten, um die Lage in den Griff zu bekommen. Angriffe gegen Polizeibeamte gab es in der Platensiedlung vergangenes Jahr mehrmals.

Ein lokales Online-Magazin berichtete nach den Silvesterausschreitungen über die Dealerszene in der ehemaligen Soldatensiedlung. In dem Artikel kam auch Rachid Rawas zu Wort. „Der Drogenhandel ist schon ein dickes Problem“, sagte der aus dem Libanon stammende Jugendpädagoge. Kurz darauf schmiss ihm jemand die Fensterscheiben ein.

„Da wohnen Leute, die ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Drogen verdienen“, sagt Revierleiter Ramelow. „Die verstehen keinen Spaß.“ Seine Beamten entdecken in der Gegend immer häufiger größere Mengen Rauschgift, auch bei Routineeinsätzen: Sie werden zu einem Kellereinbruch gerufen und finden dort 300 Gramm Haschisch. In einem Treppenhaus liegen 800 Gramm Kokain hinter einer Topfpflanze. Sie sollen einen Familienstreit schlichten und auf dem Wohnzimmertisch liegen die Marihuanapäckchen.

Rachid Rawas sagt, dass die jüngeren Bewohner der Siedlung falsche Vorbilder hätten: „Ihnen fehlt zu Hause der Halt, auf der Straße sehen sie die Dealer in dicken Autos an. Das imponiert ihnen.“ Ein Rekrutierungspotenzial, das die Kriminellen zu nutzen wissen. Zwölfjährige helfen den Dealern als Kuriere oder indem sie Schmiere stehen und die Älteren rechtzeitig per Handy warnen, wenn die Polizei kommt.

Pädagoge Rawas, Polizist Ramelow und Rentner Baumgärtner sind sich einig: Um diese Kinder und Jugendlichen muss man sich kümmern. „Wir müssen an diejenigen herankommen, die noch nicht auf die schiefe Bahn geraten sind.“ Ihr dingender Wunsch an die Verantwortlichen im Rathaus: „Wir brauchen einen Streetworker in der Platensiedlung.“ Jemanden, der die jungen Bewohner dort betreut, wo sie zu Hause sind: auf der Straße.

Die Polizei hat derweil mit denjenigen genug zu tun, die auf der schiefen Bahn sind. Bei der nachmittäglichen Kontrolle in der Franz-Werfel-Straße nehmen die Beamten einen der Männer fest. Er wurde wegen Körperverletzung und schwerem Diebstahl gesucht.

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