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?Vor dem Projekt wusste ich nicht, was eine Palliativstation ist?:, Christian Bott (16) und Jennifer Gebhardt (15) von der Ernst-Reuter-Schule im Markus-Krankenhaus.

Ginnheim Schüler helfen auf einer Palliativstation

Unter dem Motto „Lernen durch Engagement“ besuchen 13 Schüler der Ernst-Reuter-Schule wöchentlich die Palliativstation des Markus-Krankenhauses. Unter professioneller Betreuung lernen die Zehntklässler, wie sie mit den Patienten umgehen sollen und dass der Tod ein Bestandteil des Lebens ist.

Ein gewöhnlicher Donnerstagmittag auf der Palliativstation des Markus-Krankenhauses: Zwölf Zehntklässler der Ernst-Reuter-Schule besuchen die Patienten, teilen das Essen aus und basteln Dekoration für die Station. Seit vier Jahren arbeitet die Station schon mit der Schule zusammen, um den Schülern die Bedeutung der Palliative Care näher zu bringen. „Im Rahmen des Projektes ,Lernen durch Engagement’ bieten wir ein Jahr lang den Besuch der Palliativstation in einem Wahlpflichtkurs an“, erzählt Daniela Schmitz-Weger, Lehrerin der Ernst-Reuter-Schule.

Jede Woche machen sich die Jugendlichen auf den Weg ins Krankenhaus und zaubern den Patienten für eineinhalb Stunden ein Lächeln ins Gesicht. „Die Schüler sind oft erstaunt, dass diese Menschen immer noch kleine Pläne haben und gerne kommunizieren“, erklärt Dr. Angelika Berg, leitende Ärztin des Interdisziplinären Zentrums für Palliativmedizin (IPZ). Denn viele Palliativ-Patienten fühlten sich schnell von der Gesellschaft abgeschrieben, da sie ihr soziales Umfeld verloren haben. „Die Zehntklässler hören den Patienten zu und dekorieren die Station“, erzählt Sabrina Geller, ehrenamtliche Mitarbeiterin im IPZ. „Damit können sie den Patienten mit wenig Arbeit eine große Freude machen“, betont Geller.

Christian (16) und Jennifer (15) teilen gerade das Essen aus. „Es ist echt interessant, mal einen Einblick in die Station zu bekommen“, betont Jennifer. Auch Christian ist mit seiner Kurswahl zufrieden. „Vor dem Projekt wusste ich noch nicht, was eine Palliativstation ist“, erklärt er. Schnell habe er gemerkt, dass es etwas Gutes ist.

Doch haben die beiden keine Berührungsängste mit dem Tod, mit dem Sterben? „Nein“, sagt Christian gelassen. Er unterhalte sich gerne mit den Patienten. „Man merkt oft gar nicht, dass sie wirklich krank sind“, betont der 16-Jährige. „Letztens haben wir auch mit einer Dame gesprochen, die uns Tipps für die Schule gegeben hat“, erzählt Jennifer.

Doch bevor die Schüler aktiv auf der Station helfen und mit den Patienten sprechen dürfen, werden sie gut vorbereitet. „Zuerst beschäftigen wir uns mit den Themen Tod und Sterben und klären, wie wichtig die richtige Hygiene ist“, erklärt Schmitz-Weger.

Die Lehrerin der Ernst-Reuter-Schule ist schon seit dem ersten Durchgang mit dabei. Nach der Vorbereitung der Schüler folgt ein Elternabend. „Etwas Skepsis ist bei den Eltern immer da, insgesamt waren die Reaktionen aber durchweg positiv“, betont sie.

Ab dem ersten Besuch auf der Station steht die Kunsttherapeutin Friederike Strub den Schülern zur Seite. „Gemeinsam üben wir, wie man sich vor den Patienten verhalten soll oder was man überhaupt fragen darf“, erzählt Strub.

„Am Anfang war ich echt nervös, aber mittlerweile ist es ganz einfach und macht viel Spaß“, erzählt Youssra (15). „Die Menschen hier sind alle sehr nett und erzählen viel von sich“, betont Lea (15). Die beiden haben gerade mit einem Patienten gesprochen.

Das Reflexionsgespräch am Ende des Besuches erlaubt den Jugendlichen dann, darüber zu reden, was sie belastet oder medizinische Fragen zu stellen. „Sonst nehmen sie es mit nach Hause“, erklärt Strub. Viele Schüler hätten durch das Jahr weniger Angst vor dem Tod, „weil sie endlich mal darüber reden können“, so Strub.

Der erste Impuls für die Zusammenarbeit mit Jugendlichen kam vor einigen Jahren auf. „Als wir sahen, wie angstfrei ein Kind auf der Station mit dem Tod seiner Mutter umging, hat es uns ermutigt, dass auch junge Menschen mit dem Tod und Abschied umgehen können“, erzählt die Ärztin.

Die konkrete Idee für das soziale Projekt entwickelte sich im Schuljahr 2014/15. „Mein 16-jähriger Sohn behandelte damals im Religionsunterricht das Thema Tod und Sterben“, erinnert sich Geller. Da sie bereits als Ehrenamtliche auf der Station arbeitete, kam die Idee für einen Besuch der Klasse zustande – aus dem dann schnell mehrere wurden. „So lernen die Schüler, was wirklich wichtig in der Gesellschaft ist und dass man nicht nur konsumiert, sondern auch etwas zurückgeben kann“, betont Berg.

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