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"Goethe in der Campagna" gemalt von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein

Johann Wolfgang von Goethe

Goethe war Allah im Tod so nah

Den Dichter und Naturforscher beschäftigte der Islam mehr als weithin bekannt. Manche Experten glauben sogar, dass er die Bibel und den Koran als gleichberechtigt erachtete.

Als Johann Wolfgang von Goethe, der berühmte Schriftsteller und Naturforscher, am 22. März 1832 im Sterben lag, malte er „mit dem Zeigefinger Zeichen in die Luft“, wie ein Biograf festhielt. Die Umstehenden deuteten sie als ein „W“, den Anfangsbuchstaben seines zweiten Vornamens – doch manche Muslime glauben, dass Johann Wolfgang von Goethe, dahindämmernd und zu schwach zum Sprechen, das arabische Zeichen für Allah schrieb. Die Wahrheit ist nicht mehr zu ermitteln, doch wird 175 Jahre nach Goethes Tod deutlich, wie eng sich Deutschlands größter Dichter dem Orient und dem Islam verbunden fühlte.

Dass der vielseitig interessierte und ungemein aufnahmefähige Beamtensohn aus Frankfurt intellektuell auch nach Arabien und Persien blickte, ist unübersehbar. Davon zeugt schon die Gedichtsammlung „West-östlicher Diwan“, die allerdings beim Publikum wenig Zuspruch fand. Die Faszination durch das Morgenland passte nicht ins Bild, das sich eine immer nationalistischer werdende Nachwelt im 19. Jahrhundert von Goethe machte. Selbst heutige Biografien spielten das herunter, klagte der Orientalist Peter-Anton von Arnim noch vor wenigen Jahren.

Koran und Bibel 

Dabei hatte die Germanistin Katharina Mommsen schon 1988 auf über 600 Seiten die Bezüge ausgebreitet. Bereits im Entwurf zum Drama „Götz von Berlichingen“ findet sie eine Koransure zitiert. Ziemlich sicher hat Goethe das Werk Mohammeds schon als Student gelesen und als der Bibel gleichberechtigt geachtet. Schließlich war der 1749 geborene angehende Jurist ein Kind der Aufklärung, die religiöse Toleranz propagierte. Doch Mommsen meint, dass Goethe über den Zeitgeist hinaus eine persönliche Neigung zum Islam verspürte, weil er mit dessen Hauptlehren wie Schicksalsergebenheit und Offenbarung Gottes in der Natur innerlich übereinstimmte. „Weiter kann ich nichts sagen, als dass ich mich auch hier im Islam zu halten suche“, schreibt der 70-Jährige, als seine Schwiegertochter schwer erkrankt. Ähnliche Zeugnisse gibt es aus allen Lebensphasen.

"Mehr Licht" nach einem Gemälde von Fritz Fleischer um 1900.

Von Pech und Unglück konnte die Schicksalsergebenheit nicht rühren. Goethe war ungemein erfolgreich – künstlerisch, gesellschaftlich, bei den Frauen. 1774 machte ihn der Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ auf einen Schlag bekannt. Im Jahr darauf holte ihn der kunstsinnige Herzog Karl August nach Weimar. Goethe verfasste Dramen und Gedichte, korrespondierte mit Gelehrten, trieb naturkundliche Studien und entdeckte dabei den Zwischenkieferknochen, der Zweifel an der Abstammung des Menschen von den Säugetieren widerlegt. Auf einer Italienreise (1786-88) begegnete er der antiken Kunst; daraus entwickelte er gemeinsam mit Friedrich Schiller das Stilideal der Klassik. Als sein Lebensabend anbrach, begab sich Goethe geistig ins Morgenland. Angeregt von den Werken des mittelalterlichen persischen Lyrikers Hafis, packte er seine Verehrung für den orientalisch-islamischen Kulturkreis in den Gedichtzyklus „West-östlicher Diwan“ – eine Verehrung, die keineswegs blind ist. Im „Diwan“ setzt er sich kritisch-ironisch mit der Rolle der Frau und dem Verbot des Weins im Islam auseinander. Ein „verkappter Muslim “ sei Goethe nicht gewesen, urteilt Mommsen. Während der Arbeit an der Sammlung erlebte der Mittsechziger noch einmal eine Romanze. Bei einem Kuraufenthalt in Wiesbaden begegnete er 1815 der Frankfurter Bankiersgattin Marianne von Willemer. Die 35 Jahre Jüngere inspirierte ihn nicht nur zu den Liebesversen an „Suleika“, sondern steuerte auch selbst Gedichte zum „Diwan“ bei. Danach kehrte Goethe nie mehr in seine hessische Heimat zurück. In Weimar widmete er sich der Vollendung seiner Werke, vor allem des „Faust“, an dem er seit Jahrzehnten arbeitete und in dessen zweiten Teil er zahlreiche Referenzen zu den arabischen Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“ unterbrachte.

Globalisierung des Denkens

Für den Islamwissenschaftler von Arnim sind „Faust“ und „Diwan “ Dokumente einer Öffnung zur Welt, einer Art „Globalisierung des Denkens“. Goethe habe sogar eine reichhaltigere Vorstellung des Islam gewonnen, als sie heutigen Muslimen vermittelt werde. Denn zu seiner Zeit habe die europäische Orientalistik eine Blüteperiode erlebt. Später sei „die Weitergabe des Islam durch die Schriftgelehrten immer mehr erstarrt. Ich denke, Goethe gibt auch Muslimen in Deutschland die Möglichkeit, ein Islambild zu entwickeln und zu verteidigen, das ihnen so nicht bekannt ist“.

Wolfgang Harms, 2010

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