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Der KZ-Überlebende Zvi Cohen (vorn mit seiner Mundharmonika) und Autorin Elisa Markowski (hinten) stellen das Buch "Der Junge mit der Mundharmonika" vor. 

Der Junge mit der Mundharmonika

Goethe Universität Frankfurt: Bewegender Zeitzeugenbericht des KZ-Überlebenden Zvi Cohen

Dank des Frankfurter Autorenpaars Elisa Markowski und Jörg Huber gibt es Zvi Cohens bewegenden Zeitzeugenbericht über das Ghetto in Theresienstadt jetzt auch in deutscher Sprache. Zudem haben die beiden Co-Autoren auch den Zug in die Freiheit und den Neustart in Israel recherchiert.

Frankfurt - Nach zwei Stunden Lesung greift Zvi Cohen noch einmal in die Tasche und hebt den Arm nach oben: "Dieses Ding da hat mir das Leben gerettet!", ruft er vor dem klatschenden Publikum im Studierendenhaus. Gemeint ist jenes kleine Musikinstrument, das auch seiner bewegenden Autobiographie den Titel gab: "Der Junge mit der Mundharmonika. Aus dem Ghetto Theresienstadt mit dem Zug in die Freiheit."

Wobei Cohen zur Premiere beim Asta der Goethe Universität eigentlich kein Buch benötigt, da er den Inhalt frei und lebendig erzählt und mit bekannten Soldatenliedern wie "Ich hatt' einen Kameraden" oder "Lilli Marleen" begleitet. Denn seit Cohen weiß, dass Musik Menschen bewegt - sogar die SS - hält er die Mundharmonika in Ehren, auch in seinem neuen Leben in Israel. Und genau dort setzt die deutsche Übersetzung der Biografie von Elisa Markowski und Jörg Huber an.

Zug in die Freiheit von Theresienstadt in die Schweiz

"Wir haben auch Zvi Cohens Erinnerungen über den Zug in die Freiheit von Theresienstadt in die Schweiz und sein Leben in Israel aufgenommen und durch zusätzliche Recherchen angereichert", erklärt Elisa Markowski, die Cohen nach der Dokumentation "Erhobenen Hauptes. (Über)leben im Kibbuz Ma'abarot" des Frankfurter Filmteams "Doc. View" mit ihrem Mann Jörg Huber in Israel kennenlernte. Danach wurden Cohens Erinnerungen zunächst 2014 in Israel veröffentlicht. "Diese hebräische Version endet mit dem Zug in die Freiheit, für das deutsche Publikum wollten wir gerne die wenig bekannten Details dieses Sonderzuges und Cohens Leben im Kibbuz erzählen", betont Markowski.

Zurück zur Mundharmonika: Dass Zvi Cohen, 1931 als Horst Cohn in Berlin geboren, damit schon die Männer der SS beeindrucken und bis zum Eintreffen der Eltern für eine gemeinsame Deportation nach Theresienstadt hinhalten konnte, liegt an den Repressalien seit seiner frühesten Kindheit: "Ich fühlte mich als Deutscher, durfte aber als Jude zu meiner Sicherheit die Wohnung nicht mehr verlassen. Dort brachte mir meine Mutter die vielen Lieder bei, die ich auf der Mundharmonika lernte."

Zvi Cohen durfte seine Mundharmonika behalten

Wer in ein Ghetto oder gar in ein KZ verschleppt wurde, verlor seine Wertgegenstände - doch das handliche Instrument durfte Cohen behalten. Im mit bis zu 60 000 Deportierten hoffnungslos überfüllten Lager zur Vernichtung durch Hunger und Arbeit musste sich Cohen zunächst unauffällig wegducken. Er durfte zwar seine Eltern besuchen, erlebte jedoch, wie seine ebenfalls deportierten Großeltern im Siechenhaus verhungerten.

Doch als das völlig heruntergekommene Ghetto für einen Propagandafilm der Nazis herausgeputzt wurde, bot sich Cohen eine Überlebenschance: Er durfte in der Oper "Brundibár" mitspielen - dank seiner Mundharmonika. Seine Familie entging einer Deportation, wurde später mit rund 1200 weiteren Deportierten auf eine zunächst mysteriöse Mission geschickt: "SS-Führer Heinrich Himmler wollte sich mit 5 Millionen Schweizer Franken für seine Elitetruppen reinwaschen und organisierte nach Absprache mit dem Schweizer Politiker Jean-Marie Musy den einzigen Sondertransport in die Freiheit", haben Markowski und Huber in Schweizer Archiven recherchiert.

Seit 74 Jahren nun in Israel

Nach ein paar Monaten Aufenthalt ging die Reise weiter nach Italien und von dort aus mit Hilfe der Einwanderungsbehörden von Palästina mit dem Schiff nach Haifa. "Dort fühlte ich mich im Kibbuz Ma'abarot, in dem ich nun seit 74 Jahren lebe, erstmals frei und selbstbestimmt", betont Cohen. "Bald darauf erfüllten meine Eltern ein Versprechen und schenkten mir meinen Bruder Abi. Er, meine Kinder, Enkel und Urenkel wurden als freie Bürger geboren."

Der 88-Jährige gehört zu den wenigen Überlebenden, die noch reisen und erzählen können. Sein Wunsch: "Mein Buch muss zur Pflichtlektüre im Schulunterricht werden, um zu verhindern, dass so etwas noch mal passiert." Übrigens: Die originale lebensrettende Mundharmonika von damals hat Cohen nicht mehr. "Die wurde mir leider in der Schweiz geklaut." 

got

Das Buch

"Der Junge mit der Mundharmonika, aus dem Ghetto Theresienstadt in die Freiheit" ist für 16 Euro im Metropol Verlag erschienen.

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