Diese einst völlig verwitterte Marmorplatte hat die Grabpatin des Jahres 2019 Lisa Niederreiter mit viel Aufwand und Sachkenntnis restauriert. Die Bildhauerin erfuhr dabei viel über die im 17. Jahrhundert aus Menaggio am Comer See zugewanderte Familie Guaita, die mit Georg Friedrich Guaita sogar von 1822 bis 1838 Frankfurts ersten katholischen Bürgermeister hervorbrachte. Die Nachkommen nutzten das Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof zuletzt etwa im Zeitraum von 1900 bis 1970.
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Diese einst völlig verwitterte Marmorplatte hat die Grabpatin des Jahres 2019 Lisa Niederreiter mit viel Aufwand und Sachkenntnis restauriert. Die Bildhauerin erfuhr dabei viel über die im 17. Jahrhundert aus Menaggio am Comer See zugewanderte Familie Guaita, die mit Georg Friedrich Guaita sogar von 1822 bis 1838 Frankfurts ersten katholischen Bürgermeister hervorbrachte. Die Nachkommen nutzten das Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof zuletzt etwa im Zeitraum von 1900 bis 1970.

Ein ungewöhnliches Ehrenamt

Grabpatin - aus Liebe zur Friedhofskultur

  • vonGernot Gottwals
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Lisa Niederreiter pflegt denkmalgeschützte Grabanlagen. Die besinnliche Atmosphäre spreche sie an, sagt sie. Ein Lohn für ihr Ehrenamt: Sie hat Nutzungsrecht - für ihre letzte Ruhe.

Frankfurt -Es ist ein offenes Geheimnis, dass es für viele Besucher des riesigen Frankfurter Hauptfriedhofes einige Übung braucht, um sich zwischen all den Wegen, Gewannen und Bäumen zurechtzufinden. "Ein gutes halbes Jahr habe ich benötigt, um mir den Weg zum überwucherten Grab der italienischen Händlerfamilie Guaita einzuprägen", erinnert sich Lisa Niederreiter.

Ihre Liebe zur klassischen Friedhofskultur hat sich für die Bildhauerin, Kunsttherapeutin und Professorin an der Hochschule Darmstadt ausgezeichnet: Sie wurde zur Grabpatin des Jahres 2019 ernannt. Auf eine öffentliche Auszeichnung muss das Denkmalamt wegen der Corona-Krise aber ebenso verzichten wie auf den diesjährigen Tag des Friedhofes. Doch das Denkmal- und das Grünflächenamt suchen weitere Paten, die sich verpflichten, denkmalgeschützte Grabanlagen zu pflegen und dafür ein kostenloses Nutzungsrecht erhalten.

Derzeit gibt es 419 Patenschaften auf den Frankfurter Friedhöfen, davon 321 auf dem Hauptfriedhof und neun auf dem Eckenheimer Friedhof. Und dort ist die Entscheidung für eine Grabpatenschaft auch politisch motiviert: "Die Stadt konzentriert sich immer mehr auf den Hauptfriedhof, daher wollen wir einen Beitrag leisten, um auch Stadtteilfriedhöfe zukunftsfähig zu erhalten", sagt Gero Gabriel, CDU-Fraktionsvorsitzender im Ortsbeirat 10 und Mitglied im Heimatverein Eckenheim.

Und daher entschloss sich der Heimatverein zu Beginn dieses Jahres dann auch, die Patenschaft von fünf Gräbern zu übernehmen: Die Ruhestätten der bekannten Familien Zorbach und Porth-Caspari sind ebenso dabei wie die reich dekorierte Grabstätte der Familie Hamburger.

"Seit Anfang Mai haben wir gut zehn Wochenenden hier investiert, um die Gräber von Hecken, Efeu und sonstigem Wildwuchs zu befreien und Angebote von Gartenbaufirmen für Neubepflanzungen einzuholen", sagt der Vorsitzende Werner Pfeiffer. "Aber es lohnt sich - es kommen wieder mehr Menschen zur Grabpflege auf den Eckenheimer Friedhof, der sich fast schon zum gesellschaftlichen Treffpunkt entwickelt", freut sich die stellvertretende Vorsitzende Sylvia Pfeiffer.

"Ich engagiere mich gerne gesellschaftlich und die besinnliche Atmosphäre auf Friedhöfen spricht mich an - zudem habe ich auch Erfahrungen in der Sterbebegleitung von Menschen", erklärt Niederreiter. Die Bildhauerin und Dozentin ist in ihrer Forschung sehr durch den Kunsthistoriker Aby Warburg inspiriert, der das Nachleben der Antike in der abendländischen Kultur untersucht und die Ikonographie in der Kunstwissenschaft etabliert hat.

Bei ihren Friedhofsbesuchen hat auch Niederreiter öfter Gesellschaft, denn ihr Patenschaftsgrab befindet sich ganz in der Nähe des Grabes von Frankfurts beliebtem Mundartdichter Friedrich Stoltze. Umso passender, da sie sich auch aus lokalgeschichtlichem Interesse für die im 17. Jahrhundert aus Menaggio am Comer See zugewanderte Familie entschied, die mit Georg Friedrich Guaita sogar von 1822 bis 1838 Frankfurts ersten katholischen Bürgermeister hervorbrachte. Die Nachkommen nutzten das Grab zuletzt etwa im Zeitraum von 1900 bis 1970.

Nachdem Niederreiter die Umgebung des Grabes mühsam von Moos und Efeu befreit hatte, wählte sie eine neue Bepflanzung aus, die sich an der Herkunft der Südfrüchtehändler und "Pomeranzenjungen" orientieren sollte. "Neben Rosen, Lilien und Immergrün gehören auch Zitronenmelisse, Lavendel und verschiedene Gewürzpflanzen dazu", erzählt sie dazu. In der warmen Jahreszeit müsse sie die Blumen und Pflanzen etwa vier Mal die Woche gießen.

Eine größere Herausforderung war freilich die Restaurierung der Steinplatten und des weißen Marmorreliefs mit der griechischen Göttin Nyx (zu Deutsch: "Nacht") und ihren Söhnen Thanatos ("Tod") und Hypnos ("Schlaf"). "Hier wurde mir der Restaurator und Bildhauer Martin Stein empfohlen, der mir zeigen konnte, wie man die Platten wieder aufarbeitet." Als Bildhauerin konnte sie viele Arbeitsgänge selbst erledigen, so dass sich die Kosten auf 2000 Euro beschränkten. "Alleine das weiße Marmorrelief musste ich stundenlang abbürsten, da es gelborange verfärbt war", erinnert sich Niederreiter.

Ob die Münchnerin in dem Grab später einmal selber ihre letzte Ruhe finden will, weiß sie noch nicht. Dafür konnte sie bereits die Urne einer Freundin bestatten. "Das war bitter, da sie schwer an Krebs erkrankt war, aber selber mittellos - und auch hier keine Angehörigen hatte, die ein Begräbnis hätten finanzieren können." Immerhin konnte sie ihrer Freundin eine würdige Bestattung ermöglichen.

"Die Bedeutung der Menschen, die sich ehrenamtlich um Gräber kümmern, ist unbestritten", betont Susanne Schierwater, die Sprecherin des städtischen Umwelt- und Frauendezernats. Solche Patenschaften würden gerade auch für kleinere Stadtteilfriedhöfe befürwortet, die nicht mehr alle Bestattungsformen anbieten können. Aktuelle Überlegungen, solche Friedhöfe zu schließen, gebe es nicht.

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