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Huschke Mau (re.) erzählt offen aus ihrem Leben. Es lauschen (v. l.) Manu Schon, Ulrike Held und Moderatorin Karin Marinello.

Öffentliche Debatte

Vom grauenvollen Leben einer Prostituierten

Eine Aussteigerin kämpft gegen Prostitution. Die teils drastischen Schilderungen ihres Lebens berührten rund 50 Besucher einer Diskussion des Frankfurter Verbandes.

„Neun von zehn Prostituierten würden sofort aussteigen, wenn sie könnten“, sagte Huschke Mau, die den Verein „Sisters“ mitgründete, um anderen Betroffenen die Hilfe anzubieten, die sie selbst nicht erfuhr. Die ehemalige Prostituierte sprach am Freitag Abend bei einer Veranstaltung zum Thema „Wege aus der Prostitution“. Dazu hatte das Frankfurter „Frauenaktionsbündnis 8. März“ in die Seniorenbegegnungsstätte des Frankfurter Verbandes in der Frankenallee eingeladen.

„Wie viele andere Prostituierte war ich als Kind Opfer von Missbrauch und musste auch oft der Vergewaltigung meiner Mutter beiwohnen“, erzählt Mau. Im Alter von 17 Jahren lief sie von Zuhause weg. Das Jugendamt unterstützte sie nur ein Jahr lang. „Von irgend etwas musste ich aber leben“, erzählt sie. Also begann sie abends ihren Körper zu verkaufen, derweil sie morgens zur Schule ging. Schon der erste Freier entpuppte sich als Sadist. „Mein erster Zuhälter war ein Polizist. Er zeigte mir, wie man Annoncen aufgibt, am Telefon mit den Freiern spricht“, berichtete Mau. Es folgte eine lange Zeit der Ausbeutung. „Die betroffenen Frauen schalten dabei unbewusst innerlich auf taub, um möglichst wenig zu fühlen. Das nennt man Dissoziation“, erklärte Ulrike Held, die als Traumatherapeutin viele Aussteigerinnen betreut.

Auch nach drei Jahren wollte Huschke Mau nur noch aufhören. Aber das fiel ihr schwer, weil sie gefangen war in einem Knäuel sich ineinander verstrickender Probleme. „Man braucht finanzielle Alternativen, eine Drogenentziehungskur, soziale Kontakte und eine Traumatherapie.“ Vor allem Rauschmittel wie Kokain seien ein großes Problem gewesen. „Ich kenne keine Prostituierte, die nicht trinkt oder Drogen nimmt. Zu Schichtbeginn haben wir erst mal eine ,Line’ gezogen. Anders hätten wir es gar nicht ertragen können“. Die Drogen erhielten sie meist direkt von den Bordellbetreibern – „das ist nicht nur die Zimmervermietung, wie es meist dargestellt wird“. So verfing sich die junge Frau wie so viele Prostituierte in einem fatalen Kreislauf: Ohne Drogen können sie ihre Tätigkeit nicht ertragen, aber um das Geld dafür aufzubringen, müssen sie ihr Fleisch zu Markte tragen. Erst nach zehn Jahren gelang Huschke Mau der Ausstieg.

Externe Hilfe von Beratungsstellen habe sie nicht erhalten, so Huschke Mau. „Man sagte mir, ich solle einfach nicht mehr in den Puff hingehen“, berichtete sie. Und beschrieb, wie ihr der Absprung nur gelang, „weil mir jemand eine Katze geschenkt hatte. Nun war ich für ein anderes Lebewesen verantwortlich. Davor war ich suizidgefährdet und obdachlos“.

Die Katze inspirierte sie zum zweiten Teil ihres Pseudonyms Huschke Mau. Sie möchte zwar in der Öffentlichkeit auftreten, um andere Betroffene zu ermuntern, klammert aber private Details aus, um sich zu schützen. Sie berichtete von heftigen Drohungen, die sie von Freiern und Bordellbetreibern erhält. Auch ihre Herkunft oder ihr Alter will sie darum nicht nennen. Man könnte sie auf Mitte 30 schätzen. Während sie einerseits von erschütternden Erfahrungen sprach, die Spuren hinterließen, strahlte sie zugleich eine kämpferische Frische aus – wie viele der Menschen, die an einem Wendepunkt eine neue Richtung einschlugen.

Heute setzt sie sich für die Einführung des sogenannten „schwedischen Modells“ ein. In Schweden werden seit 1998 Freier strafrechtlich belangt, während die Prostituierten selbst nicht verfolgt werden. Hierzulande gestaltet sich die Situation seit Einführung des Prostitutionsgesetzes gänzlich anders. „Deutschland ist seit 2002 der größte Puff Europas“, empörte sich Ulrike Held. 400 000 Prostituierte gebe es hier mittlerweile, davon stammten etwa 80 Prozent aus Osteuropa, insbesondere aus Rumänien und Bulgarien.

Durch die enorme Konkurrenz seien die Preise extrem gesunken. „Im Laufhaus kostet ein Zimmer 130 Euro am Tag. Wenn eine Prostituierte pro Freier nur noch 20 Euro nimmt, kann man sich ausrechnen, wie viele sie bedienen muss, um nur die Miete bezahlen zu können“, referierte Ulrike Held. „Durch die Hände einer Prostituierten geht zwar viel Geld, aber ihr selbst bleibt kaum etwas davon“, ergänzte Mau. Viele häuften Schulden an „auch wegen Strafzahlungen, weil man einen Freier ablehnt oder das Zimmer vermeintlich nicht ordnungsgemäß hinterlassen hat“.

Die eindringlichen Schilderungen von Huschke Mau wirkten auf die Besucher nicht nur informativ, sondern auch bedrückend. Gar mit den Tränen rang eine Besucherin mit polnischen Wurzeln, als sie erzählte, wie es ihr Selbstverständnis als Frau negativ beeinflusste, dass in ihrer alten Heimat nach dem Fall des Eisernen Vorhangs plötzlich viele Frauen – unabhängig von sozialer Herkunft – damir begannen, sich zu prostituieren.

„Erlaubte Prostitution prägt das Frauenbild einer Gesellschaft“, bilanzierte Ulrike Held. „Wer ein positives Frauenbild hat, würde nicht von einer Frau etwas verlangen, das sie nur für Geld mit ihm tut“, fügte Manuela Schon hinzu. Sie ist Wiesbadener Stadtverordnete der Linken und Mitbegründerin von „Abolition 2014“, einem Verein, der „für eine Welt ohne Prostitution“ kämpft. Dieses Ziel aber sei „eine

Generationenaufgabe

“. Sie verwies auf Untersuchungen, nach denen die Akzeptanz von Prostitution bei jungen Leuten in Schweden mittlerweile nachlasse.

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