Die Magd Susanna Margaretha Brandt wurde auf der Hauptwache hingerichtet. Die Zeichnung stammt aus dem Buch "Ein Hund am Fallschirm". foto: Societäts-Verlag
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Die Magd Susanna Margaretha Brandt wurde auf der Hauptwache hingerichtet. Die Zeichnung stammt aus dem Buch "Ein Hund am Fallschirm". foto: Societäts-Verlag

Frankfurt im 18. Jahrhundert

Als Gretchen zu Ruhm gelangt

Diskussion um Gedenkstein für die als Kindsmörderin verurteile Susanna Margaretha Brandt

Gutleutviertel -Als "Gretchen" in Goethes "Faust" gelangte Susanna Margaretha Brandt zu unsterblichem Ruhm. Hingerichtet wurde die verurteilte Kindesmörderin 1772 auf der Hauptwache. "Begraben wurde sie allerdings auf dem Schandfriedhof im heutigen Gutleutviertel, wo viele Bewohner aus Ländern kommen, in denen es bis heute Folter und Todesstrafe gibt und in denen unehelicher Geschlechtsverkehr von Frauen strafbar ist", sagt die Bewohnerin Antje Arold-Hahn (SPD).

Deshalb erfüllt sich für die Kinderbeauftragte des Ortsbeirats ein langgehegter Wunsch: Susanna Margaretha Brand soll für rund 5500 Euro einen Gedenkstein im Südwesten des Sommerhoffparks erhalten. Der Ortsbeirat 1 (Altstadt, Bahnhofsviertel, Gallus, Gutleutviertel, Europaviertel, Innenstadt) hat einen Antrag des CDU-Fraktionsvorsitzendem Michael Weber und des Ortsvorstehers Oliver Strank (SPD) den Magistrat verabschiedet, die Kosten für den Gedenkstein bis zu einem Höchstbetrag von 3000 Euro zu übernehmen.

Ein Stück Frankfurter Kulturgeschichte

Festgelegt wurde die genaue Stelle bei einem Ortstermin von Arold-Hahn und einem Bezirksleiters des Grünflächenamts nur wenige Meter vom damaligen Schandfriedhof entfernt im südwestlichen Sommerhoffpark, wo keine Baumwurzeln im Weg sind. Grünen-Sprecher Andreas Laeuen monierte in der Sitzung, dass zu diesem Termin nicht der gesamte Ortsbeirat eingeladen war. "Das wäre zum Zeitpunkt des Termins während des Corona-Lockdowns gar nicht möglich gewesen", stellt die Sprecherin des Grünflächenamtes Simone Jacobs auf Anfrage dieser Zeitung klar.

"Der bekannte Fall der Susanna Margaretha Brandt erzählt nicht nur eine bedeutsame und identitätsstiftende Stadtteilgeschichte des Gutleutviertels, sondern ein Stück Kulturgeschichte Frankfurts", betonen die Antragsteller mit Verweis auf einen Magistratsbericht vom September 2018, als schon mal ein Antrag für den Gedenkstein gestellt worden war. Auch auf einen Text für die Inschrift haben sich Strank und Weber bereits festgelegt: "Susanna Margaretha Brandt, 1772 als Kindsmörderin auf der Hauptwache hingerichtet, hier im ehemaligen Friedhof des Gutleuthofes bestattet, als Gretchen in Goethes Faust unsterblich."

Doch da werden das Kultur- und das Frauendezernat noch ein Wort mitzureden haben. Zumal vor zwei Jahren die damalige Sprecherin des Frauendezernats, Elke Voitl, im Gespräch mit dieser Zeitung bereits einen detaillierten und differenzierten Text gefordert hatte, da das Attribut der "Kindsmörderin" dem einseitigen Frauenbild des 18. Jahrhunderts entspreche und das wahre Schicksal der schwangeren, alleinstehenden und von ihrem Verführer sitzengelassenen Magd in einer verzweifelten Situation nicht berücksichtige.

Bekanntlich war "die Brandtin", wie sie damals genannt wurde, von einem wandernden Goldschmiedegesellen aus Holland verführt worden. Nach der Niederkunft hatte sie das tote Kind in einem Stall nahe der Staufenmauer verborgen, auf dem Schandfriedhof des Gutleuthofs bestattet und sich nach tagelanger Flucht bei ihrer Verhaftung auf eine Sturzgeburt berufen. "Zum Geständnis kam es, nachdem man ihr den toten Leichnam mit Würgemahlen vorgelegt hatte", erklärt Arold-Hahn nach dem Quellenstudium des Prozesses, von dem sich Goethe Abschriften vorlegen ließ.

Diskussion um die textliche Gestaltung

Während sich Weber einen erweiterten Text auf dem Gedenkstein unter Umständen vorstellen könnte, stellt Strank klar: "Als Ortsvorsteher bestehe ich auf der ursprünglichen im Gremium beschlossenen Fassung, da Geschichte stets aus ihrer Zeit heraus erzählt und verstanden werden sollte." Zumal eine Kindstötung zur mutmaßlichen Vertuschung des damals illegalen außerehelichen Geschlechtsverkehrs selbst nach moderner Rechtsauffassung durchaus ein mögliches Mordmotiv sein könne.

So weit möchte Arold-Hahn zwar nicht gehen und kann sich eine Verzweiflungstat durchaus vorstellen. "Doch aus damaliger Sicht war die Verurteilte trotzdem eine Kindsmörderin, da zwischen Mord und Totschlag nicht unterschieden wurde." Sie könne sich auch vorstellen, Vorträge über diesen durchaus komplexen Fall zu halten.

"Die Kulturdezernentin begrüßt die erneute Initiative des Ortsbeirats auf Anstoß von Antje Arold-Hahn sehr", sagt Ina Hartwigs (SPD) Sprecherin Jana Kremin. Eine differenzierte Erinnerung an das historische Vorbild der literarischen Figur sei wichtig, für den Textentwurf würden der Magistrat, der Ortsbeirat und das Institut für Stadtgeschichte eine überzeugende Lösung finden.

Gernot Gottwals

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