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Erst im November 2018 war es im Industriepark Griesheim zu einem Störfall gekommen, bei dem ein Salzsäurenebel austrat - die Sirenen auf den Dächern der Häuser heulten. SPD und Grüne wollen, dass die Griesheimer zukünftig ohne Sirenengeheul leben können. 

"Wir wollen nicht neben einer Industrie-Ruine wohnen!" 

Bürgerinitiative gegen Industriepark Griesheim – Keine Störfälle mehr

SPD und Grüne im Ortsbeirat 6 wollen erreichen, dass im Industriepark Griesheim nichts mehr produziert wird, was unter die Störfallverordnung fiele. Beide Parteien geben in der Bürgerinitiative "mainGriesheim" zudem den Ton an.

Griesheim – Ihren offenen Brief, in dem sie die Schließung des Gefahrgutlagers im Industriepark Griesheim fordert, wird die Initiative "mainGriesheim" morgen, Donnerstag, 1. August, von 15 bis 19 Uhr an einem Info-Stand vor dem Rewe-Markt in der Alten Falterstraße vorstellen. Würde das Gefahrgutlager geschlossen, wären alle Seveso-III-relevanten Fertigungs- und Lagerstätten vom Gelände entfernt; es könnte ohne die Gefahr eines Störfalls und ohne die Seveso-III-Richtlinie für Griesheim und Teile Nieds neu geplant werden. So wäre etwa das wegen der Störfallverordnung gekippte Gymnasium Nied wieder möglich.

Anlagen beseitigen

Außerdem fordern die Unterzeichner des offenen Briefes, dass die alten, nun nicht mehr genutzten Gebäude und Anlagen im Industriepark Griesheim schnell beseitigt werden: "Wir wollen nicht neben einer Industrie-Ruine wohnen!", heißt es in dem Schreiben.

Beim letzten Gesprächskreis der Nachbarn des Industrieparks Griesheim Mitte Juni hatten sowohl Vertreter der Firma Clariant, der das Gelände gehört, sowie des beauftragten Standortbetreibers Infrasite Griesheim diese Forderungen bereits abgewiesen. Zusammen mit der Wirtschaftsförderung Frankfurt sei man dabei, den traditionell von Industrie geprägten Standort in Griesheim weiterzuentwickeln.

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In gemeinsamen Anträgen für die nächste Ortsbeiratssitzung haben Doris Michel-Himstedt als Fraktionsvorsitzende der SPD und Thomas Schlimme als Fraktionsvorsitzender der Grünen ihre Forderungen auch mit dem politischen Druck unterlegt. Sie fordern die Stadt Frankfurt auf, alles in ihrer Macht Stehende zu unternehmen, um in Verhandlungen "möglicherweise auch durch das Angebot gezielter Förderungen" zu erreichen, dass das Gefahrgutlager in den Industriepark Höchst verlegt wird, dass nur noch Industrie angesiedelt wird, die nicht unter die Seveso-III-Richtlinie fällt und dass die Firma SGL Carbon und die Firma WeylChem, die ihre Produktionen in Griesheim aufgegeben haben, verpflichtet werden, ihre baulichen Hinterlassenschaften abzuräumen, um die Flächen neu nutzen zu können.

Im rund 74 Hektar großen Industriepark Griesheim stehen etwa 100 Gebäude; weite Flächen sind allerdings ungenutzt oder können nicht genutzt werden, etwa das Areal, auf dem die "Griesheimer Alpen" stehen: Nach einem Streit mit dem Landkreis und der Gemeinde Griesheim wegen Ernteschäden durch Salzsäureeinwirkung entschied die chemische Fabrik im Jahr 1873, chemische Rückstände auf einem Grundstück des Werksgeländes abzulagern.

Griesheimer Alpen

Die Halden wuchsen auf bis zu 40 Meter Höhe und sind hochtoxisch. Die "Griesheimer Alpen" sind inzwischen begrünt, damit der Wind keine Stoffe weiterträgt, und mit Umwelt-Kontrollgeräten gesichert. An eine öffentliche Nutzung ist nicht zu denken: Würde dort ein Hund oder ein Kaninchen graben, träte quasi ein Störfall ein.

Von einer Ablehnung des Antrages durch die CDU ist auszugehen: Der ebenfalls in Griesheim lebende Vorsitzende der CDU-Ortsbeiratsfraktion, Markus Wagner, hat sich bereits mehrfach dagegen ausgesprochen, eine mögliche Entwicklung des Industrieparks Griesheim durch politische Vorgaben zu beschränken.

Und der Eigentümer Clariant hat sich bislang entschieden gegen eine Nutzungsbeschränkung gewehrt - denn sie wäre ein Eingriff ins Firmeneigentum.

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Der Ortsbeirat tagt am Dienstag, 13. August, um 17 Uhr im Saalbau Goldstein, Goldsteinstraße 314. Der Industriepark Griesheim, früher Teil der Hoechst AG, aber schon vor Gründung der Farbwerke als Chemiestandort (Griesheim-Elektron) genutzt, ist 74 Hektar groß und liegt mitten zwischen Griesheim, Nied und Schwanheim. Nach dem Ende der Hoechst AG ging das Gelände mit dem Hoechst-Erbe an den Spezialchemikalienhersteller Clariant über, doch es ist ein offenes Geheimnis, dass die Schweizer das Areal gerne verkaufen würden. Spätestens seit dem "Rosenmontagsstörfall" vom 22. Februar 1993, als ein Chemiecocktail aus dem Werk über den Main wehte und in Schwanheim niederging, ist der Ruf des Standorts ruiniert. 1996 folgte ein Störfall mit dem Pflanzenschutzmittel Isoproturon. 

Stadtgängige chemische Produktion

Der damalige Hoechst-Chef Jürgen Dormann stellte danach in einem Interview die Frage, "inwieweit wir chemische Produktion, die mit umwelt- und gesundheitsrelevanten Stoffen in größerer Menge umgehen, in einem Ballungszentrum wie dem Rhein-Main-Gebiet aufrechterhalten können" und prägte den Begriff "stadtgängig" für eine chemische Produktion, die sich mit einer kritischen Nachbarschaft arrangieren könnte. In Folge löste Dormann die Hoechst AG auf.

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An dem Standort, der in den 1970er Jahren etwa 3500 und vor dem Rosenmontagsstörfall noch 2200 Mitarbeiter hatte, sind heute nur noch knapp 900 Personen in etwa 30 Unternehmen beschäftigt. Große Flächen werden genutzt, um Neuwagen großer Hersteller zwischenzulagern. Die Ansiedlung neuer Betriebe, etwa einer Bremsenwerkstatt der Lufthansa, ging daneben.

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