Er holt alles aus dem Fluss, was die Rechen zusetzt. Das Treibgut landet in Containern, die dann abtransportiert werden müssen.
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Er holt alles aus dem Fluss, was die Rechen zusetzt. Das Treibgut landet in Containern, die dann abtransportiert werden müssen.

Wasserkraftwerk

Griesheim: Treibgut-Bagger schützt Kraftwerk und Schiffe

  • Holger Vonhof
    vonHolger Vonhof
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Das Hochwasser hat jüngst einiges in die Rechen vor den Turbinen der Staustufe gespült.

Griesheim -Drei Turbinen hat das Wasserkraftwerk in der Staustufe Griesheim. So, wie bei einem Flugzeug Vogelschlag in die Turbinen zur Gefahr werden kann, müssen auch im Kraftwerk die Laufschaufeln der Generatoren - jede mit einem Durchmesser von 4,28 Metern - vor Treibgut geschützt werden, sonst gibt es nicht nur Kleinholz, sondern auch kaputte Turbinen. Vor den Turbinen sitzt ein Längsgitter, der Rechen. In ihm sammelt sich alles, was den Main herunterkommt. Und das war in den vergangenen Wochen, durch das Hochwasser, viel.

Nicht immer sieht man alles. "Das, was unter der Wasseroberfläche liegt, kann zum Teil auch für die Schifffahrt gefährlich werden", sagt Katja Schmidt, beim Wasser- und Schifffahrtsamt Aschaffenburg (WSA) Sachbereichsleiterin für Bau und Unterhaltung. Deshalb ist in den letzten zwei Jahren die Rechenreinigungsanlage der Staustufe Griesheim erneuert worden. Der Bagger, der das Treibgut aus dem Wasser fischt, glänzt neu und blau in der Sonne. Neben ihm stehen unterhalb des Wehrgangs, der als Fußgängerbrücke zwischen Griesheim und Goldstein dient, zwei gelbe Container. Sie sind bis fast an den Rand voll mit Ästen, Zweigen, Plastikabfällen, Folien und vielem mehr. Obendrauf liegen ein Baumstamm von gut 30 Zentimeter Durchmesser und ein Fußball, fast nagelneu.

Der Fußball ist vielleicht schon in Bayern in den Main gekickt worden, vielleicht aber auch irgendwo im Frankfurter Osthafen. Üblicherweise wird die Rechenreinigungsanlage, wie auch die Schleuse, per Video ferngesteuert. "Wenn es im Herbst viel Laub gibt oder wie jetzt, zum Hochwasser, wird das aber auch manuell gemacht", sagt Katja Schmidt. Denn die Rechen setzen sich zu; dann muss der Greifbagger ran. Wegen der Insellage müssen die vollen Container per Schiff ans Ufer gebracht werden. Auf der Goldsteiner Seite stehen schon vier weitere, bereit zum Weitertransport. Auch sie sind bis oben hin voll.

Treibgutrechen befinden sich in den meisten Kraftwerks- oder Pumpwerks-Zulaufkanälen. Man unterscheidet Grobrechen mit "lichten" Stababständen von zehn Zentimetern oder mehr von sogenannten Feinrechen, bei denen die Stäbe nur ein oder zwei Zentimeter auseinanderliegen und die auch Fische aus dem Zufluss der Turbinen fernhalten. Dem Feinrechen ist üblicherweise ein Grobrechen vorgeschaltet.

Ist der Rechen mit Treibgut zugesetzt, steigt der Strömungswiderstand - was den Drehmoment der Turbine beeinflussen kann. Das, was maximal durchpasst, nennt man "Schluckvermögen" - bei Hochwasser wird deshalb auch über die Wehre abgeleitet, was dazu führt, dass Treibgut die Staustufe überwinden kann. Außerdem sinkt die Fallhöhe des Wassers, weil der Pegel auch unterhalb des Wehres höher ist. Das maximale Gefälle in Griesheim beträgt 4,49 Meter; wird es weniger, sinkt die Stromproduktion. Bei Hochwasser gibt es also nicht mehr Strom. Ist der Pegel richtig hoch, müssen die Turbinen häufig ganz abgestellt werden.

Jeder Generator der Griesheimer Staustufe erzeugt eine Spannung von 5250 Volt und bei Volllast zwei Megawatt. Die Jahresleistung liegt damit zwischen 30 und 35 Millionen Megawatt - wenn der Fluss mitspielt. Damit kann man 8500 bis 10 000 Haushalte mit Strom versorgen. Und Wasserkraft zählt zu den umweltfreundlichen, weil ständig erneuerbaren Energiequellen. Die Griesheimer Staustufe wurde von 1929 bis 1932 als Walzenwehr mit Kraftwerk in den kubischen Formen des Bauhausstils erbaut. Sie galt seinerzeit als die modernste und leistungsfähigste Binnenschifffahrtsanlage Europas. Die Kraftwerkshalle, zuletzt bei den "Tagen der Industriekultur Rhein-Main" für Besucher zugänglich, ist 55 Meter lang und 14 Meter breit und hat eine Deckenhöhe von 20 Metern - ein Festsaal.

Zur Staustufe gehören zwei Schleusenkammern für die Binnenschifffahrt und eine kleine Sportbootschleuse. Die Binnenschiff-Schleusenkammern sind je 344 Meter lang und 12 beziehungsweise 15 Meter breit. Wer sie erleben möchte, sollte jetzt im Sommer eine Skyline-Tour mit der Höchster Fähre buchen: Zwei mal Schleusen ist dabei inklusive. Und die Fähre hat - wie jedes Passagierschiff - Vorrang vor dem Güterverkehr. Jährlich werden rund 16 Millionen Tonnen an Fracht durch die beiden Schleusenkammern transportiert, auf im Schnitt 12 000 Frachtern. Gesteuert werden die Schleusenkammern von der Leitzentrale in Mainz-Kostheim aus, das anders, als der Name vermuten lässt, zu Wiesbaden gehört. Kostheim liegt an der Mündung des Mains in den Rhein: Von dort aus geht es weiter ins Ruhrgebiet oder bis nach Rotterdam, zu den Seeschiffen und in die große weite Welt.

Holger Vonhof

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