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Uta Endreß ist Griesheimerin mit Leib und Seele. Sie hat schon als Kind in dem industriell geprägten Stadtteil gelebt. Dass Griesheim nicht den besten Ruf hat, kann sie nicht nachvollziehen. Die neue Ausstellung des Geschichtsvereins, dessen Vorsitzende sie ist, will das Gegenteil beweisen.

Griesheimer Geschichtsverein zeigt neue Stadtteil-Schau

Uta Endreß ist Vorsitzende des Geschichtsvereins Griesheim – und überzeugte Griesheimerin. Unsere Mitarbeiterin Brigitte Degelmann sprach mit ihr über Vergangenheit und Gegenwart eines Stadtteils, der als „Bronx“ verschrien war, aber auch schöne Seiten hat.

Frau Endreß, wenn Sie im Gespräch erwähnen, dass Sie in Griesheim leben – welche Reaktionen erleben Sie da?

UTA ENDREß: Da heißt es schon mal: Griesheim? Da wohnen Sie? Ich sag’ dann immer: Warum? Wir sind schnell in der Innenstadt, haben ein schönes Mainufer, den Nidda-Altarm und das „Griesemer Wäldche“ zum Spazierengehen sowie ein reges Vereinsleben.

Man spricht oft von der „Griesheimer Bronx“ und denkt an die Kiefernstraße oder an die Ahornstraße.

ENDREß: Das hören wir Griesheimer nicht sehr gern, die Situation hat sich seit langem beruhigt. Es regt mich auf, wenn Griesheim immer wieder herabgesetzt wird. Wir wollen deshalb allen beweisen, wie schön es hier ist.

Zum Beispiel in der neuen Ausstellung, die Sie im Geschichtsverein Griesheim gerade planen?

ENDREß: Ich will mit der nächsten Ausstellung zeigen, dass Griesheim ein angenehmer Ort zum Leben ist. Wie sich Griesheim nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und nach der „Stunde Null“ 1945 erholt und entwickelt hat. Unsere neue Ausstellung soll heißen: „Mit em klaane Aachezwinkern saache mer: Unser Griesem is doch schee. Idyllisch gelegen zwischen Main und Nidda. Ausblicke, Einblicke, Hingucker und viele Erinnerungen“. Da werden hauptsächlich Fotos aus der Gegenwart zu sehen sein. Wir zeigen Fotos des Bockenheimer Fotokünstlers Jochen Ickert, der zwei Jahre mit seinem Fahrrad und seiner Kamera durch unseren Ort gefahren ist und wunderschöne Bilder gemacht hat.

Das ist aber noch nicht alles.

ENDREß: Nein, zu sehen sind auch Fotos aus der Zeit zwischen 1930 und Anfang der 1950er-Jahre, zum Beispiel vom Griesheimer Feuerwehrfest 1950. Damals waren die Häuser mit Girlanden und Fahnen geschmückt, und die Griesheimer sind beim Festumzug noch voller Freude auf den Straßen gestanden. Viele junge Griesheimer Mädchen – auch meine Freundinnen und ich – sind als Festjungfrauen im Festumzug mitgelaufen und haben die Girlanden getragen. Wir waren stolz: Wir hatten unsere ersten langen Kleider an. Trotz der schweren Zeit hatten unsere Eltern dies möglich gemacht.

Was haben Sie bei dieser Ausstellung sonst noch vor?

ENDREß: Wir haben zum Beispiel die Titelseite der „Frankfurter Presse“ vom 10. Mai 1945 (Anm. d. Red: vom 21.4.1945 bis 26.7.1945 erschienenes alliiertes Nachrichtenblatt der Amerikanischen 12. Heeresgruppe ), die wir zeigen wollen – drumherum Fotos von Trümmerhäusern. Was ich auch gern bei der Ausstellung machen möchte: Eine Liste von Wörtern, die wir als Kinder gehört, aber nicht verstanden haben, und die uns keiner erklärt hat: Zum Beispiel Krieg. Einberufung. Front. Feldpostbriefe. Flugzeuggeschwader. Flak. Bomben. Entnazifizierung. „Persilschein“. Vielleicht kann sich mancher erinnern?

Sie sind Jahrgang 1935. Haben Sie selbst auch noch Erinnerungen an diese Zeit?

ENDREß: Ja, 1940 sind die beiden Bunker gebaut worden und die ersten Bomben auf Griesheim sind 1941 gefallen. Ich habe damals mit meinen Eltern in Alt-Griesheim gewohnt. Auf der anderen Seite des Mains war eine Flakstellung. Und wenn die geschossen haben, hat alles gewackelt. Da waren riesige Scheinwerfer, die den finsteren Himmel abgesucht haben, bis sie ein Flugzeug im Visier hatten, und dann ging die Schießerei los.

Die Folgen spiegeln sich heute noch im Stadtbild wider.

ENDREß: Das stimmt, zum Beispiel in der Alten Falterstraße. Die sieht deshalb so zusammengewürfelt aus, weil so viele Häuser zerstört worden sind. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat man einiges notdürftig mit den alten Backsteinen behelfsmäßig wieder aufgebaut, es gab ja sonst nichts. Ich kann mich auch noch an das Brummen der Flugzeug-Motoren erinnern. An das Zischen, wenn die Bomben gefallen sind. Dann kam der Aufprall – ein furchtbarer Knall, dann war alles ruhig – und dann war das wie so ein Seufzen, wenn die Häuser zusammengefallen sind. Ich weiß auch noch, dass es lange Zeit kein richtiges Glas gab, sondern nur Drahtglas, das man annageln musste und das immer geknattert hat im Wind.

Trotzdem blicken Sie auch gerne in die Vergangenheit.

ENDREß: Das hat mich schon immer interessiert, schon mein ganzes Leben. Ich stamme aus einer alten Griesheimer Familie, der Familie Stark, die schon seit 1655 hier ist. Damals hat ein Rupert Stark aus Dortelweil bei Bad Vilbel hierher geheiratet. Mein Großvater hat 1928 die Eingemeindungsurkunde von Griesheim mit unterschrieben. Er stammte übrigens aus der Gastwirtschaft „Vier Jahreszeiten“. Eine Wirtschaft hätte ich auch gern gehabt, ich bin ein Nachtmensch. Stattdessen habe ich in eine Bäckerei eingeheiratet, das war schon hart mit dem frühen Aufstehen (lacht) .

Später haben Sie dann den Geschichtsverein Griesheim mitgegründet. Wie kam es dazu?

ENDREß: Es gab zuvor eine Arbeitsgruppe, die alte Fotos für eine Ausstellung gesammelt hat. Da wurde ich angesprochen, weil man wusste, dass ich viele Bilder von früher habe. Den Verein haben wir dann 1995 gegründet. Anfangs waren wir heimatlos, bis wir von der Stadt ein Angebot für Räume in der Autogenstraße 19, im früheren Friseursalon Ebling bekommen haben. Da hab’ ich übrigens mal meine Zöpfe abgeschnitten bekommen (lacht) . Dort sind wir 2004 eingezogen, und vor sieben Jahren konnten wir noch einen zusätzlichen Raum dort im gleichen Haus anmieten.

Seit einigen Jahren stehen Sie an der Spitze des Vereins.

ENDREß: Ja, mein Vorgänger ging aus beruflichen Gründen ins Ausland. Da wurde ich dann zur Vorsitzenden gewählt. Wie’s halt manchmal so geht. 2007 war ich auch bei der ersten Stadtteilhistoriker-Generation der Polytechnischen Gesellschaft dabei, mit dem Projekt „Die Alte Falterstraße – Eine Straße im Wandel der Zeit“. Meine Schulkameraden, mit denen ich mich noch regelmäßig treffe, sagen immer: „Wirst du nicht mal ein bisschen ruhiger?“ Aber ich finde das schön so, da bleibt man doch auch im Kopf jung. Solange ich das noch machen kann, solange ich noch Kraft und Ideen habe, bin ich zufrieden.

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