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Strahlen beim Wahlabend im Römer um die Wette: Miriam Dahlke (Direktkandidatin), Vorstandssprecher Bastian Bergerhoff, Mirjam Schmidt (Direktkandidatin) und Stadtrat Stefan Majer.

Triumph

Die Grünen denken im Jubel an die großen Herausforderungen

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Ein bisschen bangten die Frankfurter Grünen schon vor der ersten Prognose um 18 Uhr. Die Erwartungen waren hoch, die Fallhöhe auch. So war nicht nur Jubel zu hören im Fraktionsraum, auch Erleichterung war zu spüren am Anfang eines Abends, für den die Grünen bald nur noch große Worte fanden.

„Historisch.“ „Wahnsinn.“ „Politische Zeitenwende.“ Das waren die Reaktionen bei grünen Stadtpolitikern und Landtagsabgeordneten, als sich zeigte und immer deutlicher abzeichnete, dass die Partei in Hessen erreichen würde, was zuletzt tatsächlich für möglich gehalten worden war: Über acht Prozentpunkte zuzulegen – aus der Regierung heraus, noch zumal mit der CDU als Partner. „Das zeigt, dass in Hessen auch gute Landespolitik gemacht worden ist“, sagte Manuel Stock (36), der Fraktionsvorsitzende der Römer-Grünen.

Landtagsabgeordneter Marcus Bocklet (54) nannte es „Wahnsinn“ und gestand, was noch viele an diesem Abend gestehen sollten: „Als wir vor fünf Jahren mit der CDU in die Koalition gegangen sind, hätte ich das nicht für möglich gehalten.“ An der Erleichterung, die im vergleichsweise verhaltenen Jubel zu Beginn des Abends im Fraktionsraum auch zu spüren war, mag man ermessen, wie hoch die Fallhöhe gewesen war. „Stimmung ist das eine, Stimmen sind das andere“, sagte Nargess Eskandari-Grünberg (53), ehrenamtliche Stadträtin und OB-Kandidatin im März, kurz vor 18 Uhr.

Aber diese Stimmung sei eben überwältigend gewesen, deutete etwas wie eine „Zeitenwende“ an. So hat es Mirjam Schmidt in den Tagen vor der Wahl erlebt. Zur historischen Dimension dieses 28. Oktober, an dem gut jeder vierte Frankfurter für die Grünen gestimmt hat, haben Mirjam Schmidt mit ihrem Ergebnis als Direktkandidatin im Wahlkreis 37 (Niederrad, Sachsenhausen, Oberrad) und Miriam Dahlke im Wahlkreis 35 (Bockenheim, Hausen, Heddernheim, Niederursel, Praunheim, Rödelheim) beigetragen.

Dass ihr Kollege Marcus Bocklet im Nordend, im Ostend und in Bornheim, Wahlkreis 38, die historische Chance auf das erste grüne Direktmandat nutzen würde, galt fast als sicher. Aber dann kam da zunächst wie aus dem Nichts auch Mirjam Schmidt, auf die kurz vor 19.30 Uhr plötzlich die Fernsehkameras im Römer gerichtet waren. Da war zwar erst ein Wahlbezirk ausgezählt, aber Schmidt führte hoch. Bis zuletzt lieferte sie sich dann ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Michael Boddenberg, dem Fraktionsvorsitzenden der CDU im Landtag.

Seit 1999 dominierte er den Wahlkreis, und Schmidt, Jahrgang 1977, die erst vor zweieinhalb Jahren den Grünen beigetreten ist, hat gar keinen Wahlkampf auf Direktmandat gemacht. „Aber die Leute sind sehr positiv auf mich zugekommen“, erzählte sie freudestrahlend. „Auch ältere Leute, auch eher konservative Leute, die nie zu unserer Klientel gehört haben.“ Über Klimaschutz wollten sie auf einmal reden, über umweltverträgliche Verkehrspolitik, über soziale Verantwortung, über die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft.

Dass man den Grünen in Zeiten um sich greifender Verunsicherung auch die großen Fragen anvertraut, mag tatsächlich das Neue sein, sinnierte gestern auch der Bundestagsabgeordnete und Sozialpolitiker Wolfgang Strengmann-Kuhn (54), der mit dem für ihn typischen grünen Jackett bekleidet im Römer erschienen war. Natürlich hätten die hessischen Grünen auch vom Groko-Desaster in Berlin profitiert, vom Hickhack ums Dieselfahrverbot, von der Maaßen-Affäre, vom rauen Tonfall Horst Seehofers und der Profillosigkeit der SPD. Nicht zuletzt davon, dass sich die Grünen nie von der AfD treiben ließen. „Wir bleiben unseren Grundsätzen und Werten treu.“ Und doch mischte sich bei ihm wie bei den anderen gestern auch Unverständnis über das Abschneiden der hessischen CDU ein, sogar Mitgefühl. Wie sich vor allem Ministerpräsident Volker Bouffier gewandelt und als zuverlässiger und sachlicher Partner erwiesen habe, wurde mehrfach gelobt. Dass es eigentlich keinen Grund gebe, eine andere Koalition anzustreben, wo doch die jetzige gelungen kooperiert habe, wurde mehrfach betont.

Dass die Grünen – mit wem auch immer – gestärkt in Koalitionsverhandlungen gehen werden, quittierte man ringsum mit breitem Lächeln. Dass man mehr als zwei Ministerien künftig verantworten werde, dürfte klar sein. Über etwaige Wünsche wollte Marcus Bocklet und auch sonst niemand reden. Nur Jörg Harraschein, Grünen-Urgestein aus dem Frankfurter Nordend, äußerte einen Wunsch für die ferne Zukunft: Grün-Schwarz statt Schwarz-Grün, also Tarek Al-Wazir als Ministerpräsident. Harraschein, 75 Jahr alt, ist sich sicher: „Das erlebe ich auch noch.“

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