Taubendreck, Papiere, Mief: Blick von oben in das große Treppenhaus des alten Polizeipräsidiums. FOTO: rüffer
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Taubendreck, Papiere, Mief: Blick von oben in das große Treppenhaus des alten Polizeipräsidiums.

Nichts für schwache Nerven

Geheimnisvoller „Lost Place“ in Frankfurt: Gruseltour durch das alte Polizeipräsidium

  • VonSabine Schramek
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In Frankfurt kann man eine Tour durch das alte Polizeipräsidium wagen. Sie ist allerdings nichts für schwache Nerven.

Frankfurt – Düster und gruselig wirkt das einst so prächtige Gebäude des alten Polizeipräsidiums. Zwischen 1914 und 2002 wurden an der Friedrich-Ebert-Anlage die Verbrechen der Stadt aufgeklärt. Bis 2010 wurden dort Partys gefeiert, seither ist es ein „Lost Place“. Der Stadtführer Christian Setzepfand öffnet bis Ende März 2022 bei den Frankfurter Stadtevents zweimal die Woche die quietschenden Türen, bevor die Nebengebäude abgerissen werden und das neobarocke Kulturdenkmal saniert und umgebaut wird.

Fahrzeugkontrolle mit Einsatzwagen am Hintereingang des alten Polizeipräsidiums in der Ludwigstraße. Fahrzeugkontrolle mit zivilem Einsatzwagen am Vordereingang. Man könnte meinen, die heruntergekommen Gebäude seien noch in Betrieb. Vor dem verschlossenen Gittertor sammeln sich Menschen, die nicht als Zeugen vorgeladen sind, sondern Zeitzeugen sein wollen von dem Ort, der Polizeigeschichte schrieb.

Bis März 2022 bietet Stadtführer Christian Setze- pfand seine Touren durch das Gebäude an.

Frankfurt: Polizeibeamter nimmt selbst an Führung durch das alte Polizeipräsidium teil

Auch ein Polizeibeamter ist unter den Besuchern. „Schade, wie das alles verfällt. Die Zeit vergeht so schnell“, sagt Stefan Gärtner (63) nach wenigen Schritten in den Hof leise und sieht sich um. Graffiti, eingeschlagene Scheiben, Sommerflieder, der aus Mauern wächst. „Hier haben wir früher unser Sommerfest gefeiert“, murmelt er unter einer riesigen Linde und deutet auf ein Tor mit Nato-Stacheldraht an der Mauer, das kaum zu erkennen ist. „Dahinter hatten die Hells Angels ihr Quartier“. Gärtner hat beim K12 seit 1990 Bank- und Geldtransporterüberfälle, Raub und Geiselnahmen aufgeklärt. Jetzt ist er bei der Tatortgruppe. Sein Cousin, der bei der Bahn arbeitet, hat ihn zur „Lost Places-Führung“ der Stadt-Events an seinen alten Arbeitsplatz eingeladen.

Er nickt, als Stadtführer Christian Setzepfand vom alten Bunker mit Platz für 300 Personen erzählt, der im Krieg als Kommunikationsstelle für die Polizei diente. „Den Abriss habe ich hier mitbekommen. Das war so heftig, dass der Putz von Decken kam“, so Gärtner, während die Gruppe lauscht und über den Bau, die Entstehung und die Zeiten vor und nach dem Krieg erfährt.

Auch Kriminalist Stefan Gärtner (63) nahm an der Führung durchs alte Polizeipräsidium in Frankfurt teil.

Surreale Atmosphäre im alten Polizeipräsidium Frankfurt

Setzepfand öffnet eine quietschende Tür zum Gebäude. Es ist stockdunkel, nur die Taschenlampenlichter von Handys zeigen einige Details einer Kammer, die weiter führt in einen riesigen langen Saal mit Holztischen und Klappstühlen. Bis 2002 wurden hier die Einsatzbesprechungen abgehalten hinter 2,5 Meter dicken Wänden. Graffiti an den Wänden lassen die ehemalige Polizei-Atmosphäre surreal wirken. Im Dunkeln geht es flüsternd weiter zwischen Dreck und Kabeln auf dem Boden, vorbei an der alten Kantine.

Bis 2002 wurden im Polizeipräsidium an der Friedrich-Ebert-Anlage Verbrechen aufgeklärt.

Polizeipräsidium Frankfurt: Berühmte Kriminalfälle nacherleben im Lost Place

Auf einem iPad zeigt Setzepfand Bilder, wie es früher aussah. Nur sie leuchten, während die Gruppe mit dem Dunkel zu verschmelzen scheint. Es geht weiter zu gigantischen Säulen im Foyer, die durch noch intakte kunstvolle bemalte Scheiben gespenstisch glänzen. Das Treppenhaus ist riesig, die Stufen links und rechts in den ersten Stock wirken wegen ihrer barocken Schnörkel einschüchternd. Die Besucher atmen flach. Die Luft ist drückend. Tauben flattern dicht an den Köpfen vorbei. Aufgeschreckt durch Menschen, die sich wiederum vor ihnen erschrecken.

Winzig klein, ohne Toilette und nur mit einer Holzpritsche ausgestattet. In solchen Gefängniszellen saßen Festgenommene, bis sie dem Haftrichter vorgeführt wurden.

Setzepfand erzählt von berühmten Kriminalfällen. Von der Nitribitt bis zur Nestlé-Erpressung. Von Mord und Betrug. Von Gangstern und Gaunern. Von erfolgreichen Aufklärungen und bis heute nicht geklärten Fällen. Im prächtigen Sitzungssaal, in alten Büros und auf Gängen, in denen sich Beamte und Führung, Richter und Staatsanwälte, Zeugen und Festgenommene täglich begegneten. In der alten Verkehrseinsatzzentrale hängt noch ein Stadtplan in einer leicht geöffneten Glasvitrine, der Boden ist von Kabeln übersät.

Frankfurt: Faszination und Mystik im alten Polizeipräsidium

Gärtners Unbehagen ist spürbar in Räumen, deren Wände verschmiert sind, wo rote Teppiche Zentimeter hoch verstaubt sind, Wandregale halb heraus gerissen sind. Fast Entsetzen lösen Gefängniszellen bei den Neugierigen aus. Winzig klein, ohne Toilette und nur mit einer Holzpritsche ausgestattet. „Hier saßen Gefangene, bis sie dem Haftrichter vorgeführt wurden“, erklärt Setzepfand. Gärtner flüstert fast. „Bei Verdacht, dass die Festgenommenen Drogen verschluckt hatten, bekamen sie Eimer und Brechmittel. Heute ist das verboten. Den Inhalt im Eimer haben dann Beamte händisch untersucht. Manchmal saßen bis zu sieben Leute in einer Zelle.“ Handys klicken, Taschenlampen leuchten.

Die Touren

Infos zu den Touren durch das alte Polizeipräsidium unter https://tinyurl.com/c8k325ew

Die Faszination und Mystik im Gebäude ist groß. Selbst bei Gärtner. „Das war hier alles so selbstverständlich, wenn man jeden Tag hier war. Nur im Turm, da war ich nie“, sagt der Mann, der seine Sentimentalität und Emotionen gekonnt unterdrückt. Er überspielt sie mit Ironie. „Die neuen Eigentümer in diesem Gebäude haben Vorteile. Im Winter ist es in den dicken Gemäuern immer warm, im Sommer kühl.“ Man merkt, dass es kaum etwas gibt, was er in Sachen Kriminalität noch nicht gesehen hat. Nur eben den Turm nicht. Er bleibt verschlossen. Vor dem Haupteingang fahren Einsatzfahrzeuge mit Blaulicht Richtung Bahnhofsviertel. (Sabine Schramek)

Auch bei einem Lost Place bei Limburg lohnt sich ein Blick in die Geschichte: Der alte Linterer Feldflugplatz hat einige Überraschungen parat.

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