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Notfallseelsorger kümmerten sich nach dem Unfall um geschockte Fahrgäste. Andere waren weniger empfindlich und zückten die Handykamera.

S-Bahn-Unfall

Gruselvideos vom Gleis: Todesopfer wurde von Schaulustigen gefilmt

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Nach dem tödlichen Unfall in einer S-Bahn-Station beklagen Angehörige des jungen Opfers die Sensationsgier einiger Zeugen. Fahrgäste hätten Videos und Fotos gemacht und im Internet verbreitet. Das Phänomen ist für Polizei und Rettungskräfte nicht neu.

Für manche Augenzeugen war der tragische S-Bahn-Unfall Anlass das Handy zu zücken – nicht um Rettungskräfte zu alarmieren, sondern um Fotos und Videos zu machen. Alptug S. (17) aus Hanau starb am Dienstagnachmittag auf dem Gleis der S-Bahn-Station Ostendstraße. Er wollte einem betrunkenen Obdachlosen das Leben retten – und bezahlte dafür mit seinem eigenen. Ein einfahrender Zug erfasste ihn so, dass jede Hilfe zu spät kam.

Der Bahnsteig muss gut gefüllt gewesen sein, mitten im Feierabendverkehr kurz vor 16 Uhr. Die wartenden Fahrgäste sahen Schreckliches. „Ich bin ein paar Minuten nach 16 Uhr in die S-Bahn-Station Ostendstraße runtergegangen“, berichtete eine Frankfurterin unserer Zeitung. „Als ich unten am Gleis ankam, kam mir eine Schar von aufgeregten Menschen entgegen, die Damen und jungen Frauen wirkten sehr bedrückt und traurig. Weiter vorne sah ich dann, was passiert war.“ Was sie genau sah, will die Augenzeugin nicht im Detail schildern. Nur so viel sagte sie: „Es war gruselig.“

In Schule herumgezeigt

Ein Mann habe direkt an der Unglückstelle gestanden und den Leichnam mit seinem Handy gefilmt, berichtete die Frau erschüttert. „Ich bat ihn, damit aufzuhören und schaute mich um, ob jemand eine Sporttasche dabei hat oder einen großen Schal, damit man zumindest das Gesicht des Toten abdecken kann.“

Offenbar haben sich die Bilder des Unglücks sehr schnell verbreitet. Eine Angehörige des Opfers beklagte dies in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Fotos und Videos seien am nächsten Tag auf dem Pausenhof in Alptugs Schule herumgezeigt worden. Seine Familie habe von der Schulleitung davon erfahren. „So etwas muss doch unterbunden werden“, wird die Angehörige in dem Zeitungsbericht zitiert.

Gehört schon zum Alltag

Dass Schaulustige bei Unfällen die Handykamera zücken, ist ein weit verbreitetes Phänomen. „Leider gehört das inzwischen zu unserem Alltag“, sagte ein Sprecher der Frankfurter Feuerwehr. „Wir bekommen oft gar nicht mit, dass wir gefilmt werden, weil die Handys so klein sind.“

Die Rettungskräfte müssten sich außerdem auf den Einsatz konzentrieren. „Wenn wir ständig schauen, wer gerade seine Kamera auf uns richtet, können wir uns nicht mehr um die Opfer kümmern“, sagte der Feuerwehrsprecher.

Rechtlich ist das digitale Gaffertum kein Kavaliersdelikt. Wer Unfallopfer fotografiert oder filmt, muss mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder mit einer Geldstrafe rechnen. Es ist dabei egal, ob die Aufnahmen weitergegeben oder veröffentlicht werden. Was zählt, ist allein die Anfertigung, die laut Strafgesetzbuch „die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt“.

Ob die Bundespolizei, die im Fall des tragischen S-Bahn-Unglücks ermittelt, bereits gegen einzelne Handyfilmer vorgeht, war gestern nicht zu erfahren.

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