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Günter Guillaume und Willy Brandt bei einer SPD-Tagung in Frankfurt. Der Maler Ferry Ahrlé (vorn rechts) zeichnet den Kanzler.

Größter Spionagefall der Republik

Günter Guillaume: Der Stasi-Spion, der aus dem Frankfurter Römer kam

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Sein Name steht für den wohl größten Spionagefall der Republik und ist eng mit dem Rücktritt des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt verbunden (1974): Günter Guillaume. Was nur wenige wissen: Vor 50 Jahren wurde er als Stadtverordneter in den Frankfurter Römer gewählt.

Im kommunalen Wahlkampf 1968 befindet sich Frankfurt im Aufwind von Studentenprotesten und dem Häuserkampf im Westend. Und in der SPD gibt es heftige Flügelkämpfe zwischen älteren gemäßigten Genossen und jüngeren Linken, die in Spekulanten und Kapitalisten ihre Erzfeinde sehen. Doch Günter Guillaume hat sein eigenes Feindbild: „Der hat uns Jusos schon mal als Kommunisten beschimpft, die alle in die DDR gehen sollten“, erinnert sich Sieghard Pawlik, der damals zu den „jungen Wilden“ im SPD-Ortsverein Sindlingen gehörte.

Tatsächlich schafft es der als „rechter Ausputzer“ getarnte eingeschleuste Spion der Staatssicherheit, seinen Sindlinger Kontrahenten Friedrich Kohlhepp im Kampf um die Listenplätze zu schlagen und im Oktober 1968 als Stadtverordneter in den Römer einzuziehen. 

Guillaume trat immer mit bescheidener Zurückhaltung auf

Doch im Stadtparlament und in der Nähe zu Oberbürgermeister Willi Brundert und dem Fraktionsvorsitzendem Gerhard Weck, zwei nach der DDR-Haft in Bautzen übergesiedelten Sozialdemokraten, verhält er sich ruhig und unauffällig: In den knapp drei Jahren seines Mandats gibt es kaum einen nennenswerten Antrag oder Redebeitrag, der heute noch in den Protokollen zu finden wäre. „Am Rande der Sitzungen hat Guillaume oft die Nähe zu mir gesucht und über den linken Flügel der SPD ebenso geschimpft wie über die protestierenden Studenten“, erinnert sich etwa Ex-Kämmerer Ernst Gerhardt (CDU). Aus Diskussionen habe sich der Genosse aber meist herausgehalten. 

Offenbar eine bewusste Strategie. Eckard Michels zitiert Beobachtungen des Frankfurter Lokaljournalisten Albrecht Bechthold in der Biografie „Guillaume, der Spion“ : „In den Fraktionssitzungen, Pressekonferenzen, Delegiertentagungen und Stadtverordnetenversammlungen trat er mit bescheidener Zurückhaltung auf.“ Er habe im Hintergrund gewirkt, ohne den Eindruck zu erwecken, als Geschäftsführer die Fäden zu ziehen. Michels sieht Guillaumes gespielte Rolle mit größtmöglichem Abstand zu linksradikalen Gruppierungen als Weisung der Staatssicherheit, um nicht beim Verfassungsschutz aufzufallen. 

Fleißiger Technokrat 

„Ein Hinterbänkler, der aber als fleißiger Technokrat kontaktfreudig, jovial und durchaus auch kämpferisch auftrat, um den Frankfurter Genossen das Bad Godesberger Programm zu vermitteln“, erinnert sich der Stadtälteste Hans-Dieter Bürger, damals Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Bockenheim. „Und er machte sich in der SPD-Geschäftsstelle in der Fischerfeldstraße unentbehrlich bei der Organisation von Kampagnen und Großveranstaltungen.“ Guillaume war mit seiner Ehefrau Christel, die bereits als Sekretärin im Parteibüroder SPD Hessen-Süd spionierte, extra aus dem Nordend in den Wahlkreis des SPD-Bundesministers Georg Leber gezogen, der ihm als Dank für den erfolgreichen Wahlkampf 1969 die Türen im Bonner Kanzleramt öffnete. 

Funksprüche abgefangen 

Dank abgefangener Funksprüche und Tipps befreundeter Abwehrdienste, wie gut die DDR-Regierung über das engste Umfeld von Bundeskanzler Willy Brandt informiert sei, nimmt der Verfassungsschutz ab Mai 1973 die Spur Guillaumes auf. Doch der Zugriff auf das Agentenpaar soll erst nach längerer Beobachtung und genügend Beweisen erfolgen. Als Brandts persönlicher Referent am 23. April 1974 nach der Rückkehr aus dem Frankreichurlaub frühmorgens mit Ehefrau und Schwiegermutter verhaftet wird, möchte am liebsten „jeder Frankfurter SPD-Politiker seine Hand für ihn ins Feuer legen“, wie OB Rudi Arndt erklärt. 

Heute weiß man, dass schon frühere Hinweise der West-Berliner Polizei und des Bundeskriminalamtes auf eine mögliche Stasi-Tätigkeit Guillaumes bei der Berufung ins Kanzleramt nicht richtig weitergeleitet wurden. Guillaume und seine Ehefrau Christel wurden von der Stasi gezielt in die von linken Flügelkämpfen geprägte Wirtschaftwunderstadt Frankfurt entsendet. Nach ihrer getarnten „Republikflucht“ waren sie bereits zwei Jahre in der Frankfurter SPD aktiv, als sich die städtischen Behörden 1959 genauer mit ihrem Vorleben beschäftigten. 

Beide berichten zunächst eifrig für die Stasi

„Kein Strafvermerk im Bundesstrafregister“ bescheinigte damals die Staatsanwaltschaft in West-Berlin. Darauf erteilte die Stadt dem Ehepaar die Konzession für den Handel mit Branntwein im Geschäft der Schwiegermutter Erna Boom in der Dreieichstraße 16, das später unter dem Namen „Boom am Dom“ bekannt wurde. Auch in der Familie Elsässer, Inhaber der Gaststätte „Zum Grauen Bock“ erinnert man sich noch gut an Guillaume und seinen Hang zu weiblichen Affären. 

Anfang der 1960er Jahre wird das Geschäft aufgegeben. Guillaume arbeitet nun als Bildreporter, dient sich mit Christel in der SPD weiter hoch. Beide berichten zunächst eifrig für die Stasi, doch 1966 bis 1970 lässt der Eifer spürbar nach, wie Michels feststellt. Eine Mahnung der Führungsoffiziere zur Vorsicht, Angst vor Enttarnung oder gar eine beginnende Identifikation mit der Bundesrepublik, wie Christel Guillaume später behauptete? 

Für Pawlik sind das mühselige Spekulationen: „Für mich bleibt Guillaume ein Charakterverbrecher, der mein menschliches Vertrauen tief erschütterte.“

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