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Philipp Schäfer und der Roulette-Deckel. Kein Zufall, dass sich ganz in der Nähe das Euro-Denkmal befindet.

Straßenkunst von Philipp Schäfer

Dieser Frankfurter Künstler macht aus Gullydeckeln wahre Kunstwerke

Auf der Rückbank des Kombis ein Kindersitz, im Kofferraum die Sprühdosen: Der Frankfurter Künstler Philipp Schäfer hat in seiner Jugend Wände besprüht. Heute arbeitet er im Atelier – wenn er nicht gerade einen Frankfurter Gullydeckel als Leinwand nutzt.

Frankfurt - Meist arbeitet Philipp Schäfer in seinem Atelier in Griesheim. Doch hin und wieder packt der 38-jährige Familienvater Skizze und Sprühdosen in den Kofferraum seines Kombis und fährt in die Innenstadt – um Kanaldeckel zu bemalen. Ob Roulette auf einem runden Gullydeckel im Bankenviertel oder ein Schwimmbecken auf einem rechteckigen in Sachsenhausen: Mit seinen „Kanalarbeiten“ hat der Frankfurter sich einen Namen als „Gully-Künstler“ gemacht. Sein neuestes Projekt hat er am Computer vorbereitet. „Ich will eine Treppe auf den Gullydeckel zeichnen, die in einem bestimmten Blickwinkel so aussieht, als ob sie runterführt.“

„Aus, das ist Kunst“. Auch Vierbeiner fühlen sich angesprochen.

Den Gully, den er ursprünglich an diesem Tag bemalen wollte, muss er sich für ein anderes Mal aufheben: Er ist nass. Doch Schäfer weiß eine Alternative, hat er doch eine Datenbank angelegt. Sortiert nach Standort und Design, findet er auch einen rechteckigen Gully, der vor Regentropfen geschützt ist. „Ich habe die nicht gezählt, aber ich schätze mal es sind um die 100 verschiedene Gullydeckel-Typen“, sagt der 38-Jährige.

Mit der Sprühdose entsteht die Treppe in die Unterwelt.

Die Ideen für seine humorvollen Gully-Aktionen kommen Schäfer meist spontan. Oftmals habe seine Kunst aber einen gesellschaftlichen und politischen Hintergrund, betont er. Dann muss der Deckel auch zum jeweiligen Ort passen. „Nach dem Gullydeckel für das Roulette habe ich knapp ein halbes Jahr gesucht“, erklärt Schäfer. Schließlich sollte er so gelegen sein, dass die Bankentürme und am besten auch das Euro-Zeichen im Hintergrund aufragen.

Treppe am Bus

Doch nun ist die dreidimensionale Treppe vor einer Bushaltestelle dran. „Nicht, dass da jemand stolpert“, scherzt ein älterer Mann, der Schäfers Skizze inspiziert. „Genau sowas will ich provozieren. Dass man die Leute kurz mal abholt von ihren Gedanken“, sagt der Künstler, während er sorgsam die ersten Linien zeichnet.

Warum Kanaldeckel? „Es ist einfach ein Objekt des Alltags, das ein Schattendasein fristet“ philosophiert Schäfer. „Man begegnet so einem Gullydeckel täglich, aber man beachtet ihn nicht. Dabei ist ein Gullydeckel, wenn man mal genauer darüber nachdenkt, Tor zur Unterwelt, Tür zu etwas, das verdeckt unter uns liegt.“ Was am Ende der Treppe zu finden sei, dürfe sich jeder selber überlegen.

Lichter der Großstadt – wenn auch nur für Momente.

Auf der Straße zu knien und vergängliche Kunst zu kreieren reicht dem selbst ernannten „Konzept-Künstler“ nicht. Dem Bewässerungsamt der Stadt nimmt er ausrangierte Gullydeckel ab, um sie in seinem Atelier zu bearbeiten.

Von jedem Werk, das fertig ist, macht der ehemalige Bankkaufmann dann Fotos. Nicht immer waren Gullydeckel sein künstlerisches Ausdrucksmittel. Als Jugendlicher versuchte er sich mit Schriftzeichen und Tags einen Namen zu machen. Aber „Kalligraphie war echt nicht mein Ding. Das sah immer schäbig aus“, sagt Schäfer.

Deshalb überlässt er die Graffitis lieber den Jugendlichen, mit denen er im Projekt „Bunte Brücke“ Pfeiler besprüht. Trotzdem habe er es „als Ritterschlag verstanden“, als das Kulturamt ihn mit anderen „Urban Artists“ als Künstler der „Streetart“-Szene listete.

Guerilla-Praktik

„Insbesondere Graffitis sind in den letzten zehn Jahren zu einer der am meisten beachteten Formen öffentlicher Kunst geworden“, sagt die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig. Als ein Zweig der „Streetart“ seien sie ein wichtiger Teil der Gegenwartskunst, sowie Bereicherung und Inspiration. Zur „Streetart“ zählen neben dem Bemalen von Wänden ebenso die Guerilla-Praktik des „Gardening“, umhäkelte Straßenlaternen – oder eben das Besprühen von Gullydeckeln.

Ein Poller als Sprungturm, der Deckel als als Bassin.

Wie zahlreiche seiner Kollegen fragt Schäfer vorher nicht, ob er seine Kunstwerke anbringen darf. „Weil es zum einen wahrscheinlich eh nicht genehmigt würde. Und weil es nicht langfristig da sein wird“, erklärt er. Auch wenn seine Kunst nur vorübergehend ist: Sie gilt als Sachbeschädigung und kann mit hohen Geldstrafen geahndet werden. Nacht- und Nebelaktionen plant der 38-Jährige aber nicht.

Noch während Schäfer mit Kreppband und Sprühdose an seinem Treppen-Werk, der „Exit Strategie“, arbeitet, kommt die Bauüberwachung. Denn genau genommen handelt es sich hier nicht um einen Gully, sondern um einen Schachtdeckel auf einem noch nicht abgenommenen Baugelände.

„Wir haben vergangenes Jahr die Platten gelegt, die Bushaltestelle gebaut und auch den Schacht gesetzt“, sagt Stephan Lange, der das Baugelände im Auftrag der Stadt Frankfurt betreut. „Wir als Firma sind dafür verantwortlich, unser Werk bis zur Abnahme zu schützen.“ Er sieht Schäfers Kunst eher als Bereicherung: „Ich schick es mal dem Bauherrn weiter. Vielleicht ergibt sich ja auch ein Folgeauftrag“, scherzt er.

Würde Schäfer sich darauf einlassen? „Ja klar“, sagt er. „Kanaldeckel sind nun einmal meine Leidenschaft.“ Sein letztes Deckel-Kunstwerk soll die Treppe nicht sein – auch wenn er sich nicht vorstellen kann, „mein ganzes Leben lang nur Kanaldeckel zu machen.“ Aufhören wollte er schon mehrfach. Aber dann gibt es eben immer noch Sachen, „die ich unbedingt machen will mit den Gullydeckeln“, sagt Schäfer, während er seine Utensilien wieder im Kofferraum verstaut.

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