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Nilgänse im Brentanobad Frankfurt

Vogelkundler im Interview

"Es ist das gute Recht der Stadt Frankfurt, die Nilgänse abzuschießen"

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Vertreiben Nilgänse die heimischen Tierarten? Sind Sie wirklich so aggressiv? Und kann die Stadt die Tiere aus dem Bretanobad vertreiben, indem sie diese abschießen lässt? Wir haben mit dem Ornithologen und Fachmann für eingewanderte Arten Dr. Hans-Günther Bauer gesprochen.

Die Stadt hält deren Kot für potenziell gesundheitsgefährdend – besonders für kleine Kinder. Jetzt soll Jäger

die Population eindämmen und vertreiben. Die ersten Tiere hat er bereits erlegt. Die Tierschutzorganisation

 

Nicht nur in Frankfurt ist die Nilgans ein kontroverses Thema. Seit den 70er Jahren breitet sich die ursprünglich in Afrika beheimatete Vogelart entlang des Rheins und mittlerweile weit darüber hinaus in ganz Deutschland aus. Ursprünglich waren die Nilgänse im 18. Jahrhundert als Ziervögel nach Europa geholt worden. Mittlerweile haben sie sich außer in Berlin in jedem deutschen Bundesland angesiedelt.

 

Breitet sich die Nilgans wirklich so schnell aus? Sind die heimischen Arten in Gefahr? Und lässt sich das Problem mit den Vögeln im Brentanobad wirklich durch Abschüsse lösen?

Dazu haben wir mit Dr. Hans-Günther Bauer gesprochen. Der 60-Jährige ist Ornithologe am Max-Planck-Institut und gehört zur Fachgruppe Neozoen, die sich mit nicht-heimischen Vogelarten in Deutschland auseinandersetzt – wie etwa der Nilgans.

 

Dr. Bauer, wie gut kennen die Vogelkundler die Nilgänse?

 

BAUER: Wir kennen die Nilgans gut aus ihrer Heimat Afrika. In Deutschland ist das ein wenig anders. Die Frage ist: Was macht die Art in fremden Gefilden? Es ist schwer vorauszusagen, wie sich die Nilgans in Verhalten und Population in Deutschland entwickeln wird. Die Art passt sich an – an Jahreszeiten, Klima, Futter. Das scheint bei der Nilgans bislang sehr gut zu klappen.

 

Viele Frankfurter ärgern sich: Sie haben das Gefühl, die Nilgans sei überall und würde sich rasend schnell vermehren. Ist da etwas dran?

 

BAUER: Ja, das stimmt. Die Nilgans ist die Vogelart, die sich derzeit am schnellsten in Deutschland ausbreitet. Wir wissen nicht exakt, wie viele es sind, aber wahrscheinlich sind es in Deutschland schon über 10.000 Brutpaare.

 

Wie kommt es, dass die Nilgans sich so stark vermehrt?

 

BAUER: Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass sie hier kaum Fressfeinde besitzt. Oder besser gesagt: Die Fressfeinde  - im übrigen auch die Krankheitserreger - haben sich noch nicht auf die Nilgänse eingestellt. Das wird sich mit der Zeit aber wahrscheinlich ändern. Außerdem ist diese Art während der Brutzeit sehr wehrhaft und aggressiv. Sie verteidigt ihren Nestbereich und ihre Jungen vehement. Die Nilgans kann mehrmals im Jahr brüten, auch im Winter, besonders, wenn dieser mild ist. Offenbar bringt sie ihre Jungen derzeit äußerst erfolgreich durch.

 

Ein Vorwurf an die Nilgans lautet, dass sie heimische Arten verdrängt und die Artenvielfalt gefährdet. Stimmt das?

 

BAUER: Ich glaube nicht, dass es einen Beleg dafür gibt. Klar ist, dass die Nilgans andere Arten vertreibt. Klar ist auch, dass sie sehr aggressiv sein kann. In seltenen Einzelfällen soll sie sogar andere Vögel getötet haben. Aber einen Effekt auf andere Tierbestände – etwa, dass diese schrumpfen – konnten wir bisher nicht feststellen. Wir kennen bisher nur lokale Beobachtungen und Anekdoten. Es fehlen gesicherte überregionale und regionale Daten.

 

Das Bundesamt für Naturschutz hat die Nilgans aber als „potenziell invasive Art“ eingestuft. Also als Tier, dass durch seine Ausbreitung das Potenzial hat, heimische Tierarten zu gefährden. Wie ist das zu bewerten?

 

BAUER: Wie gesagt, für eine genaue Einschätzung der Invasivität ist die Nilgans in Deutschland zu wenig erforscht. Deshalb ist sie auf der Liste potenziell invasiver Arten des Bundesamtes gelandet. Wir müssen uns bei nicht-einheimischen Arten fragen, was passiert, wenn die Bestände weiterwachsen – ob sie dann größere Schäden anrichten. Noch ist das bei der Nilgans nicht der Fall. Aber die Gefahr besteht, dass sie eine invasive Art sein könnte. Die EU hat die Nilgans sogar schon als invasiv eingestuft. Sie verlangt, dass für heimische Arten schädliche Neubürger eliminiert werden. Wir in Deutschland müssen uns jetzt damit auseinandersetzen. Wir wissen nicht, welche Auswirkungen Nilgänse auf lange Sicht auf das heimische Ökosystem haben werden. Wenn sie schädlich sind, müssen wir uns fragen, wie wir das Problem lösen können – und hinterfragen, wie weit wir dafür gehen wollen. Darüber müssen sich auch die Tierschützer Gedanken machen.

 

Die Stadt Frankfurt hat beschlossen, die Gänse im Bretanobad abschießen zu lassen. Was halten Sie davon?

 

Dagegen kann ich nichts sagen. Es ist das gute Recht der Stadt, das zu tun.

 

Aber bringt das auch was? Die Stadt hofft auf den sogenannten Jagddruck: Dass die Nilgänse durch die Abschüsse vertrieben werden.

 

BAUER: Man spricht dabei von Vergrämungsschüssen. Ob diese funktionieren, kommt ganz auf die örtliche Population an. Wenn es alternative Brutplätze und Lebensräume gibt, zu denen sich die Nilgänse zurückziehen können, könnte die Vergrämung durchaus etwas bewirken. Sonst wird das aber keinen großen Effekt haben. Die Nilgänse lassen sich wahrscheinlich nur kurzfristig vertreiben. Die gucken, wo es sicher ist, wo sie einigermaßen überleben können, und bleiben dann dort. Unter den Nilgänsen gibt es sowieso immer natürliche Verluste. An der Gesamtpopulation ändern solche lokalen Abschüsse so oder so nichts.

 

Was sind die Alternativen?

 

BAUER: Schwierig. Dazu braucht es fast schon einen Managementplan. Man müsste die Nilgänse am Brüten hindern, vielleicht, indem man die Eier in den Nestern taub macht. Vielleicht muss man die Gänse auch einfangen und in Haltungen überführen. Es gibt viele weitere Möglichkeiten, aber welche die geeignetste ist, muss ausgetestet werden.

Das Gespräch führte Alexander Gottschalk.

     

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