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Gymnasium Nied: Die Schule der Abgewiesenen

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Von: Holger Vonhof

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Der Chor des Gymnasiums Nied sang gestern im Fußgängertunnel des Höchster Bahnhofs für einen guten Zweck. Schon im vergangenen Jahr hatte der Chor in der Vorweihnachtszeit im Bahnhof gesungen.
Der Chor des Gymnasiums Nied sang gestern im Fußgängertunnel des Höchster Bahnhofs für einen guten Zweck. Schon im vergangenen Jahr hatte der Chor in der Vorweihnachtszeit im Bahnhof gesungen. © Maik Reuß

Mit Weihnachtsliedern erfreute der Chor des Gymnasiums Nied gestern Reisende und Pendler im Höchster Bahnhof. Die Schule, die nur als Notlösung in Höchst gegründet wurde, will damit ihre Verbundenheit zum Stadtteil ausdrücken. Doch wie lange noch?

Das Gymnasium Nied wird wohl nie nach Nied kommen; kaum einer der Fünft- und Sechstklässler, die derzeit in der Containeranlage an der Palleskestraße unterrichtet werden, war jemals in Nied. Der Name rührt daher, dass die Vorgängerin der jetzigen Bildungsdezernentin, Sarah Sorge, in einem Schnellschuss die Gründung eines Gymnasiums an der Mainzer Landstraße in Nied bekanntgab, dann aber selbst den provisorischen Bau, der einem Schulneubau vorausgehen sollte, wegen der ungeklärten Lage bezüglich der Seveso-Richtlinie aufgeben musste – der Bauplatz zwischen Straßenbahn- und S-Bahn-Linie befand sich zu nah am Industriepark Griesheim. Jetzt soll das Gymnasium an den Uni-Campus im Westend ziehen – aber auch das Datum für diesen Umzug steht in Frage.

Zeitfenster zwei Jahre

Der Schulelternbeirat möchte erreichen, dass der Umzug auf das Campus-Gelände so schnell wie möglich erfolgt, und sei es auch nur in Form eines weiteren Provisoriums: „Umzug in Campus-Nähe binnen zwei Jahren“ hat der Elternbeirat jetzt in einem offenen Brief gefordert. Weil hauptsächlich Schüler aus dem Frankfurter Norden, aus Bonames, Praunheim oder der Nordweststadt, das Gymnasium Nied besuchen, ist der Standort in Höchst bei den Eltern nicht sonderlich beliebt. Schulleiter Mathias Koepsell weiß das, will aber trotzdem mit seiner Schule nicht wie ein Fremdkörper wirken: „Wir möchten Höchst auch etwas zurückgeben. Deswegen musizieren wir im Bahnhof.“ Der Chor der Schule ist schon im vergangenen Jahr zur Weihnachtszeit im Höchster Bahnhof aufgetreten, um Pendler und Passanten zu erfreuen. Das gesammelte Geld geht zugunsten der Kinderkrebshilfe. Unter der Leitung von Christina Belau wurden gestern Nachmittag mit Klavierbegleitung Weihnachtslieder wie „Stille Nacht“ oder „Go tell it on the Mountain“ gesungen. Zahlreiche Passanten blieben stehen, hörten andächtig zu und spendeten – wenn eine S-Bahn einfuhr, klingelte es anschließend in der Spendenbox.

„Frustrierende Lage“

Derzeit besuchen etwa 200 Schüler das Gymnasium Nied, das als Neugründung nur aus der fünften und sechsten Klassenstufe besteht; mit dem neuen Schuljahr kommen weitere Kinder und eine neue Klassenstufe hinzu. Als nun bekannt wurde, dass der avisierte Umzug auf den Campus im Westend in Frage gestellt ist, wurde der Elternbeirat aufgeschreckt und spricht von einer „frustrierenden unklaren Lage“. Die Zukunft der Schule habe eine große Tragweite für Eltern und Schüler – zumal die Zuweisung zum Gymnasium Nied für die meisten Schüler „der Silberstreif am Horizont“ gewesen sei. Derzeit ist von einem Umzug erst in den Jahren 2025 bis 2030 die Rede.

Die große räumliche Distanz zwischen dem Wohnort der Schüler und dem Standort der Schule ist der Knackpunkt. Die Schulelternbeiratsvorsitzende Stefanie Horn nennt Fahrtzeiten von einer Stunde pro Hin- und Rückweg als inakzeptabel, auch wenn sich die eigens eingerichteten Busverbindungen auf einer Nord- und einer Südstrecke nach Höchst zwischenzeitlich „eingetaktet“ hätten. Aber: „Die Kinder sind abends total fertig; der Tag zieht sich extrem in die Länge.“ Zumal es jeweils nur den einen Bus gebe: „Wen der voll ist, ist er voll. Der Rest muss dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren.“

Stefanie Horn beteuert, dass die Elternschaft hinter der Schule und den Lehrern stehe und wisse, dass an der Schule gute Arbeit geleistet werde. „Aber das Zeitfenster 2025 bis 2030 hat uns völlig aus den Schuhen geworfen.“ Die Option des Umzugs müsse klar definiert werden, auch wenn das schwierig sei: „Die Verhandlungen zwischen der Stadt und der Uni laufen noch. Aber zur Not muss es dort auch ein Provisorium geben, wie wir es in Höchst haben – selbst wenn es Container sind.“ Ohne diese Option sei zu erwarten, dass Eltern aus dem Norden oder Süden der Stadt versuchen, ihre Kinder vom Gymnasium Nied abzuziehen. Es müsse jetzt Klarheit geschaffen werden: „Die Akzeptanz aus dem Frankfurter Westen selbst ist nicht da, weil es dort mit Leibniz, Helene-Lange-Schule oder IGS West genug Alternativen gibt und die Leute Angst haben, dass dann nach einem Umzug ihre Kinder die langen Anfahrtswege haben.“

Wenn die neue Bildungsdezernentin Sylvia Weber am 14. Januar den Tag der offenen Tür des Gymnasiums Nied am Standort Höchst besuche, so Horn, werde sie sich den Fragen der Eltern stellen müssen: Das Gymnasium Nied dürfe nicht „die Schule der frustrierten Abgewiesenen bleiben“.

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