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Mit den Händen sehen: Blinde stellen Skulpturen her

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Von: Judith Dietermann

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Mit einer dunklen Brille mit zugeklebten Gläsern kann Peter Gerner nichts sehen. So muss er die Skulptur mit seinen Händen erspüren.
Mit einer dunklen Brille mit zugeklebten Gläsern kann Peter Gerner nichts sehen. So muss er die Skulptur mit seinen Händen erspüren. © Leonhard Hamerski

Mit den Händen sehen – das ermöglicht die Ausstellung „Kunst für die Sinne“ in der „Werkstatt-Galerie 37“. Skulpturen aus Speckstein werden dort mit den Händen ertastet, mit einer Augenbinde fühlen sich die Besucher wie die sehbehinderten oder blinden Künstler.

Vorsichtig lässt Peter Gerner seine Hände über die Skulptur gleiten, er streicht über die Ecken und Kanten, fährt durch die Rillen. Manchmal hält er inne und fühlt mit dem Finger nach, dabei entdeckt er Unebenheiten, die das menschliche Auge nicht erkennen würden. Aber auch wenn – Peter Gerner würde das nicht weiterhelfen. Denn er ist blind, zumindest für ein paar Minuten. Auf seiner Nase sitzt eine schwarze Brille, die Gläser aus Plastik sind zugeklebt. „Es ist für mich etwas gänzlich Neues, Kunst mit den Händen wahrzunehmen“, sagt er und zieht die Brille ab.

Arbeiten aus Speckstein

„Kunst für die Sinne“ heißt die kleine Ausstellung der Stiftung für Blinde und Sehbehinderte in ihrer „Werkstatt-Galerie 37“, bei der es nicht auf den ersten Blick, sondern auf das erste Gefühl ankommt. Auf Sockeln, Regalen und Tischen stehen die kleinen und mittelgroßen Skulpturen, die blinde oder sehbehinderte Künstler hergestellt haben. Das Hauptarbeitsmaterial ist Steatit, besser bekannt als Speckstein. Einer der weichsten Steine. „Für professionelle Bildhauerei ist Speckstein viel zu weich, für unsere Arbeit jedoch ideal. Er lässt sich leicht bearbeiten und trotzdem ist die Fertigstellung einer Skulptur ein langsamer Prozess. So können die blinden Künstler immer wieder nacharbeiten“, erklärt Heike-Marei Heß, Kulturpädagogin und Leiterin der Werkstatt-Galerie.

Auch für Brigitte Begemann ist es ein gänzlich neues Gefühl eine Skulptur mit den Händen und nicht mit den Augen zu erfassen. Fasziniert ist sie davon, dass sie sogar die Nase ertasten kann, jede Ecke und Kante nimmt sie mit den Fingerkuppen und Handflächen wahr. „Es fühlt sich kühl aber trotzdem sehr angenehm an“, ist sie nicht zufällig in der Galerie gelandet. Sie betreut einen sehbehinderten Flüchtling, der ab August Angebote der Stiftung für Blinde und Sehbehinderte nutzen wird. „Hier kann ich erfahren, wie er die Welt wahrnimmt“, freut sich Begemann über die einzigartige Erfahrung.

Seit 1991 gibt es die „Werkstatt-Galerie 37“, die sich über Freunde, Förderer und Verkaufserlöse finanziert. „Blinde und sehbehinderte Menschen haben kaum Möglichkeiten, sich kreativ auszuleben. Hier können sie es“, erklärt Heike-Marei Heß. Mit Feile und Raspel werde der Speckstein, den es in den unterschiedlichsten Farben gibt, bearbeitet. Ein spezieller Hammer schafft Strukturen auf der Oberfläche, mit Schleifschwamm und Poliermittel wird die Skulptur fertiggestellt. „Speckstein ist sehr animierfähig, er spricht den Tastsinn sehr gut an. Das ist ideal für unsere Arbeit“, sagt die Leiterin.

Tastsinn trainieren

Die Schwierigkeit für die blinden Künstler liege darin, aus dem Tasten eine Vorstellung zu entwickeln, wie die Skulptur aussehe. Dafür sei viel Training möglich, was eigentlich bereits in der Schule beginnen müsse. „Auch die Größe ist entscheidend – eine Skulptur, die sich in den Arm nehmen lässt ist das Maxium“, erklärt Heß.

In einer Ecke steht derweil Birgit Laurien, ihre Augen sind geschlossen, ihre Finger streichen langsam über eine Skulptur. Das Material sei ihr nicht unbekannt, viel arbeite sie mit Speckstein. „Hier sieht man mit den Händen und fühlt mit den Augen. Das hat etwas von Sinnlichkeit“, sagt sie.

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