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Körpereinsatz war bei den Schülern gefragt, die gestern in der Paul-Hindemith-Schule gemeinsam ein Video drehten. Die Hälfte der Teilnehmer ist gehörlos und hat deshalb in Gebärdensprache gesungen. Foto: Rainer Rüffer

Mit den Händen singen

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Auch Gehörlose können Musik hören, selbst spielen und singen. Wie das geht, zeigt ein Gemeinschaftsprojekt der Paul-Hindemith-Schule und der Schule am Sommerhoffpark für Hörgeschädigte.

Selin (14) singt gerne und ist sehr musikalisch. „Ich mag Musik, weil ich meine Gefühle darin entdecke und ihnen Ausdruck verleihen kann“, sagt sie. Deshalb nahm die Siebtklässlerin mit rund 20 anderen Kindern am Projekt „Empowerment mit Musik“ teil. Das Besondere dabei: Selin ist wie die Hälfte der Teilnehmer gehörlos.

Töne nimmt Selin vor allem mit Hilfe ihrer speziellen Implantate wahr, aber auch mit Augen und dem Körper kann sie Musik spüren – ganz so wie in „Musik nur, wenn sie laut ist“ von Herbert Grönemeyer. Darin geht es um eine gehörlose Frau, die den Lautstärkeregler der Stereoanlage abends, wenn sie nach Hause kommt immer aufdreht, damit sie über Schwingungen die Musik spüren kann.

„Ich wollte unbedingt mit Schülern, die normal hören, zusammenarbeiten und ihnen zeigen, dass wir trotz unserer Behinderung etwas können. Gerade eben auch Musik hören und singen. Wir sind nämlich gleich“, betont Selin. Die Schüler nehmen ein Musikvideo auf, in dem sie gemeinsam auf Gebärden- und Lautsprache musizieren.

Eva Mittmann, die an der Hindemith-Schule Musik unterrichtet, hat das Projekt mit einer ehemaligen Schülerin gestartet. Organisiert wird es in Kooperation mit der Schule am Sommerhoffpark und dem Filmhaus Frankfurt. Christine Tschuschner (25) studiert Lehramt in Darmstadt und ist selbst gehörlos. Seit Jahren setzt sie sich für die Verbreitung und Anerkennung der Gebärdensprache ein. „Das Problem ist, dass Gebärdensprache erst seit wenigen Jahren als echte, den Lautsprachen gleichwertige Sprache anerkannt ist. Zuvor wurde sie über Jahrhunderte unterdrückt“, sagt Tschuschner. In Deutschland ist die Gebärdensprache erst seit 2002 gesetzlich verankert.

Mittmann bestätigt Tschuschners Ausführungen. „Lange Zeit war auch der Fokus der Förderung von Hörgeschädigten auf das Erlernen der Lautsprache ausgerichtet. Die Gehörlosen sollten so viel wie möglich akustisch sprechen, um von der Gebärdensprache wegzukommen“, sagt Mittmann, die einige Jahre am Beratungs- und Förderzentrum mit Schwerpunkt Hören in Friedberg gearbeitet hat. Dort sei mehr auf das Hören als auf den Inhalt von Kommunikation geachtet worden.

Damals lernte Mittmann Tschuschner kennen. Sich wieder zu treffen war für beide Frauen ein freudiger Zufall. „Über Facebook haben wir uns gefunden und wussten sofort, dass wir gemeinsam ein Projekt starten wollen“, sagt Mittmann. Als sie Tschuschner das Gitarre-Spielen beibrachte, war sie fasziniert, wie gut gehörlose Menschen Musik wahrnehmen. „Damals habe ich noch explorativ gearbeitet und viele Dinge ausprobiert. Es hat mich beeindruckt, wie hörgeschädigte Menschen Töne mit allen Sinnen aufnehmen“, sagt sie. Das brachte Mittmann dazu, über die Möglichkeiten musikalischer Förderung bei hörgeschädigten Kindern zu promovieren.

Sieht man Selin in Gebärdensprache singen, kann man diese Faszination nachvollziehen. Ihre Bewegungen mit Händen und Oberkörper verlaufen fließend im Rhythmus der Musik. Sie erzählen die Geschichte des Liedtextes „Auf uns“ von Andreas Bourani genauso, wie der Gesang in Lautsprache, mit dem die Hindemith-Schüler die Aufnahmen hinterlegen. Selin bringt mit Sprache ihren gesamten Körper in die Musik mit ein.

Dass die Woche des gemeinsamen Musizierens erfolgreich war, sieht man nicht nur daran, wie emotional Selin singt. Auch Faruk (14), der normal hören kann, bringt sich begeistert ein. „Ich wollte sehr gerne mitmachen, obwohl meine Mitschüler meinten, dass das blöd sei. Aber es hat mich interessiert, die anderen kennenzulernen, denn ich habe einen guten Freund, der an den Händen behindert ist. Er mag es nicht, wenn er angestarrt wird, und das kann ich verstehen. Aber wir mögen uns sehr, und eigentlich ist er genauso wie ich“, sagt Faruk.

Als einziger Hörender singt er das Lied mit den gehörlosen Schülern in Gebärdensprache. „Am Anfang war die Zeichensprache sehr verwirrend. Ich dachte, hier wird mich keiner verstehen, aber jetzt ist es ganz einfach, und es macht riesig Spaß“, findet er. Faruk hofft, mit den Schülern der Schule am Sommerhoffpark befreundet und in Kontakt zu bleiben. Auch Selin wünscht sich das sehr. „Es klappt alles ganz wunderbar. Wir verstehen uns alle ganz leicht untereinander und haben auch die ganze Woche nie gestritten“, sagt sie. An einem weiteren Projekt würden Selin und Faruk gerne wieder teilnehmen. Zunächst wird das Musikvideo der Schüler in der kommenden Woche aber ins Internet gestellt.

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