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Leblos, uniform und ohne Esprit sieht das Europaviertel in den Augen von Kritikern aus. Etwas Farbe könnte da nicht schaden.

Stadtplanung

Hässlich wie die Nacht: Heftige Kritik an Europaviertel-Architektur

2003 begann in Frankfurt die Bebauung des ehemaligen Güterbahnhofsgeländes. Inzwischen arbeiten und wohnen dort Tausende Menschen. Doch Kritiker beklagen die Sterilität des Viertels – und sehen auch eine soziale Sprengkraft.

Vor gut zehn Jahren schwärmte der damalige Frankfurter Planungsdezernent Edwin Schwarz von der „Champs Élysées“ für das neue Europaviertel. Inzwischen hat das Städtebauprojekt, eines der größten Deutschlands, tatsächlich einen fast so großen Boulevard wie das Pariser Vorbild: 60 Meter breit und mit einer Flanierzone von sieben Metern. Nur flanieren sieht man auf den Bürgersteigen kaum jemanden. Der Volksmund hat die überdimensionierte Achse von mehreren Kilometern daher zur „Stalin-Allee“ erklärt.

Wie in einer aus der Retorte gestampften einstigen Sowjet-Stadt führt die Straße schnurgerade entlang uniform wirkender Neubauten mit leblosen Fassaden. Von einer am Reißbrett entwickelten „Klötzchenarchitektur“ sprechen Kritiker – ohne Sinn für öffentliche Räume. „Missglückt“ nennt Frankfurts bekanntester Architekt Christoph Mäckler das Viertel. Es fröstle ihn dort „angesichts der abstoßenden Kälte und Langeweile“, erklärte er schon vor knapp zwei Jahren.

Heute ist das Europaviertel, in dem rund 15 000 Menschen wohnen und etwa 25 000 Menschen arbeiten sollen, fast fertig. Mehr als drei Viertel des 90 Hektar großen Areals nahe der Messe sind verbaut. Die restlichen 20 Prozent sollen nach Angaben der Immobiliengesellschaft Aurelis GmbH in den kommenden drei Jahren fertig werden. „Wir haben alles vermarktet“, sagt Sprecherin Susanne Heck.

Die ehemalige Bahn-Tochter Aurelis hat 2003 mit der Vermarktung des Geländes begonnen. Aurelis, das derzeit noch für die Deutsche Bahn ein Ensemble mit ca. 52 000 Quadratmetern baut, ist für die Entwicklung von 67 Hektar zuständig. Den Rest hatte der Projektentwickler Vivico übernommen, die jetzt CA Immo Deutschland heißt.

Fürs Wohnen sind auch acht Hochhäuser entstanden – einige sind noch im Bau. Der bundesweit höchste Wohnturm („Grand Tower“), der direkt am Einkaufszentrum „Skyline Plaza“ nahe dem Messeturm errichtet wird, misst 172 Meter. Der Tower lockt mit Concierge, 1000 Quadratmeter großem Dachgarten und Sonnendeck im 43. Stock.

Die Preise sind happig, bis zu 19 000 Euro pro Quadratmeter werden aufgerufen. Und so ist neben der Sterilität des Viertels auch die (fehlende) soziale Durchmischung ein großes Thema. Rund 6000 Wohnungen sind im Quartier entstanden. Wie viele davon öffentlich gefördert wurden, kann das städtische Planungsdezernat nicht beziffern. Ein Anteil von 30 Prozent war ursprünglich vorgesehen.

Der zuständige Ortsvorsteher Oliver Strank schätzt, dass es maximal 20 Prozent geförderte Wohnungen im Hochpreis-Viertel gibt. „Das befeuert die soziale Spaltung“, sagt der SPD-Politiker. Denn das Europaviertel gehört offiziell zum angrenzenden Gallus mit seinen Sozialsiedlungen. Dort geht es seit Jahrzehnten bunt gemischt zu mit vielen Zuwanderern – zugleich geht jetzt die Furcht vor der Vertreibung durch hohe Mieten um.

Zwischen dem alten Gallus und dem Europaviertel liegen zwar nur wenige Meter – doch städtebaulich und von der Sozialstruktur gesehen sind es Welten. Zur Belebung des Neubauviertels plädiert Strank für mehr Begegnungsstätten. Er regt einen eigenen Wochenmarkt an – zusätzlich zum Markt im Gallus.

Bei Aurelis, das mit der Stadt die gesamte Infrastruktur des Viertels entwickelt hat, verweist man auf den „Europagarten“ als künftigen Erholungspark sowie auf das vom Entwickler finanzierte Restaurant („Laube Liebe Hoffnung“). Eine Minigolfanlage wurde gebaut und aufwendige Grün- und Spielflächen für Kinder angelegt. Sogar die von den Baggern aufgescheuchten Mauer-Eidechsen haben ein neues Habitat erhalten.

„Urbane und lebendige Quartiere entstehen nicht von heute auf morgen“, sagt Heck zur Kritik am Viertel. Es werde noch mehr gastronomische Betriebe und Geschäfte geben. „Man muss dem Viertel ein bisschen Zeit geben“, meint auch der Sprecher des Planungsdezernats, Mark Gellert. Die Menschen lebten gerne im Viertel, glaubt er und tut die Kritik von der Monotonie als „Architektendiskussion“ ab.

Doch auch die Stadtplaner geben zu, dass man heute möglicherweise einiges anders machen würde. Als ein Kardinalfehler gilt, dass viele Neubauten etwa entlang der Europa-Allee (der „Stalin-Allee“) in ihren Erdgeschossen keine Läden haben. Eine solche Nutzung, die zur Belebung beiträgt, hätte die Stadt zur Pflicht machen können. „Dies ist ein Aspekt, den man heute wohl anders machen würde“, räumt Gellert ein.

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