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"Hätte ich weiter getrunken, wäre ich tot"

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Von: Sabine Schramek

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Die Guttempler feiern Jubiläum. Geleitet wird die Gruppe von den Eheleuten Helmut und Annelie Breidenbach (vorne re.) und der 2. Vorsitzenden Marianne Spahn (l.)
Die Guttempler feiern Jubiläum. Geleitet wird die Gruppe von den Eheleuten Helmut und Annelie Breidenbach (vorne re.) und der 2. Vorsitzenden Marianne Spahn (l.) © Michael Faust

Sucht-Selbsthilfegruppe der Guttempler existiert bereits seit 50 Jahren

Alkoholismus bleibt ein Tabu-Thema, obwohl in Deutschland jährlich rund 20 000 Todesfälle durch Alkoholkonsum verzeichnet werden, fast jede dritte Gewalttat unter Alkoholeinfluss geschieht und bei mehr als 35 000 Verkehrsunfällen Alkohol im Spiel ist. Bei den Guttemplern in Sachsenhausen gibt es seit 50 Jahren Hilfe zur Selbsthilfe.

Alles andere als leicht

Das Versprechen zu geben, nie mehr selbst Alkohol zu trinken oder jemanden dazu zu verleiten, Alkohol zu trinken, ist leicht gesagt. Es zu tun, ist alles andere als leicht. Kaum jemand weiß das besser, Annelie und Helmut Breidenbach. "Seit 40 Jahren ist mein Mann trocken", sagt die 81jährige. "Anfangs dachte ich, er geht schaffen, ist gut zu mir und den Kindern und er trinkt halt. Dann hat der Hausarzt gesagt, dass er auf dem Weg in die Abhängigkeit ist. Und es kam so. Da habe ich gedacht, hör auf zu saufen, dann ist alles gut." In der Zeitung hatte sie von den Guttemplern gelesen und er hat den Hinweis verstanden. "Erst wollte er lernen, weniger zu trinken. Das geht nicht. Also habe ich beschlossen, ebenfalls nichts mehr zu trinken und ihn zu unterstützen."

Helmut Breidenbach hat das Versprechen abgegeben und hat es ohne Therapie geschafft. Beide sind bei den Guttemplern geblieben und leiten in Frankfurt Selbsthilfe-Gemeinschaften und Gesprächsgruppen, die jetzt ihr 50jähriges Bestehen begehen. Das Konzept geht auf das Jahr 1851 zurück, als der "Order of Good Templars" von jungen Männern im Staat New York für Männer und Frauen jeder Herkunft und Religion gegründet wurde. Seit 1873 gibt es ihn auch in Deutschland als Abstinenzverband. Die meisten, die Gesprächsgruppen leiten, waren selbst Alkoholiker oder deren Angehörige. Sie wissen, worum es geht. Wöchentliche Treffen sind wichtig zum Austausch, halt und zur Selbstmotivation. Bei Kaffee und Keksen im Reinhold-Kobelt-Haus plaudern Frauen und Männer völlig unbefangen miteinander über Arbeit, Rente, Medikamente, Erlebnisse und ihre Geschichten. Manche sind seit Jahrzehnten trocken, andere erst kurz. Es macht keinen Unterschied.

"Bei jedem ist es anders. Darum suchen wir auch erst Einzelgespräche", so Breidenbach. "Es gibt Menschen, die wochenlang gar nichts sagen und andere, die sofort erzählen. Einige kennen die Ursachen, andere müssen sie suchen. Ob sie Trost im Alkohol wegen eines Todesfalls, Stress oder aus Gruppenzwang suchen, ob sie depressiv sind oder euphorisch. Niemand ist wie ein anderer. Die einen schämen sich, weil sie trinken, andere sind stolz darauf. Manche sind relativ ehrlich zu sich selbst, andere lügen ausschließlich. Der Anfang, mit dem Trinken aufzuhören ist oft krass. Sich selbst die Frage zu beantworten, ob Alkohol eine Lösung ist, ist enorm schwierig. Einige schaffen es schnell, andere brauchen länger, manche schaffen es nicht. Sprechen muss jeder, anders funktioniert es nicht", sind sich alle sicher.

Kein erhobener Zeigefinger

Wer rückfällig wird und die Versprechen bricht, darf wiederkommen und die Versprechen neu abgeben. "Hier gibt es keine erhobenen Zeigefinger, keinen Druck und kein Patentrezept. Wir gehen sehr offen miteinander um. Jeder kann aus seinen eigenen Erfahrungen Tipps geben und so Schritt für Schritt den anderen helfen, sich selbst zu helfen und andersrum", erzählen die Mitglieder. Ebenso wichtig wie die Gespräche und die Gemeinschaft, ist das Umfeld. "Wer zu Hause keinen Rückhalt bekommt, aufzuhören, hat es noch viel schwerer", so Breidenbach. Den könne man ebenfalls erarbeiten, wie das eigene Selbstbewusstsein. Durch Offenheit und Ehrlichkeit. "Partner und Kinder sind von Alkoholsucht ebenso betroffen wie die, die süchtig sind. Auch das muss klar gemacht und aufgefangen werden."

Die Vorsitzende Marianne Spahn (74) hat sich gerade gemeinsam mit Helmut Breidenbach zwei Stunden Zeit genommen für einen jungen Mann, der zum dritten Mal da war. "Er hat zum ersten Mal etwas gelächelt", sagt sie. "Das ist ein Riesenschritt in Richtung Selbstwertgefühl. Es kommt oft vor, dass Menschen völlig am Boden zerstört sind. Wir nehmen sie ernst, weil für uns immer der Mensch im Mittelpunkt steht. Eine noch so kleine Verbesserung seiner Lage, ist ein Weg in eine alkoholfreie Zukunft."

Breidenbach blickt in die Runde der Selbsthilfegruppe beim Kaffeetrinken. "Hätte ich nicht aufgehört zu trinken, wäre ich längst tot. Und ihr auch." Sie nicken. Sabine Schramek

Wo es Hilfe gibt

Informationen und Hilfe für Betroffene und Angehörige gibt es bei den Guttemplern im Reinhold-Kobelt-Haus in der Metzlerstraße 34 und im Internet unter https://hausverein-ffm.de/ .

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