Häusliche Gewalt in Deutschland
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Vor allem sind von der häuslichen Gewalt in Deutschland betroffen. (Archivfoto)

Gewalt in der Familie

Ausweg aus häuslicher Gewalt: Experte gibt Training für die Täter

  • VonSabine Schramek
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Gewalt in der Familie ist leider keine Seltenheit. Häufig sind Frauen die Opfer von häuslicher Gewalt. Ein Experte erklärt, wie eine Tätertherapie helfen kann.

Griesheim – "Papa, warum bist du immer so böse? Papa, warum haust du die Mama?" Kaum ein Vater kann einem Kind, das ihn mit großen Augen ansieht, darauf eine Antwort geben. Anfangs auch nicht die Väter, die zu Dieter Hansen kommen.

Sie sind zwischen 24 und 56 Jahre alt, kommen aus allen sozialen Schichten. Und aus allen Berufen, von Bauarbeiter bis Rechtsanwalt, vom Unternehmensberater bis zum Straßenreiniger. Gemeinsam haben sie mindestens einen Polizeieinsatz, weil sie ihre Frauen geschlagen haben.

Häusliche Gewalt in Deutschland: Vor allem Frauen sind betroffen

In Deutschland stirbt jeden dritten Tag eine Frau an den Folgen häuslicher Gewalt. In Hessen wurden im vergangenen Jahr 9.719 Fälle häuslicher Gewalt bekannt. 82 Prozent der Opfer waren Frauen. "Häusliche Gewalt ist ein Gesellschaftsproblem, über das leider zu oft geschwiegen und tabuisiert wird", sagt der Diplom Sozialarbeiter, Anti-Aggressivitäts- und Deeskalationstrainer Dieter Hansen im Trainingsraum beim Verein Kinder- und Jugendhilfe Frankfurt. Seit sieben Jahren macht er Tätertraining für gewalttätige Väter mit einem in Frankfurt einzigartigen Konzept, damit sie gewaltfrei leben können.

Anti-Aggressivitätstrainer Dieter Hansen hat mit seiner Methode viele Erfolge erzielt.

Die meisten Väter werden vom Jugendamt oder der Justiz vermittelt. Die Männer kommen 20 Mal, jede Woche für je drei Stunden, zu Hansen und seiner Kollegin Christa Wellershaus, die auch als Verfahrensbeistand tätig ist. Anfangs werden Einzelgespräche geführt, dann in Gruppen mit maximal zehn Teilnehmern gearbeitet. Vertrauen und Konfrontation sind die Basis für Hansen.

Gewalt in der Familie: Tätertherapie hält den Spiegel vor

"Gewalt hinterlässt immer Spuren, die bleiben. Bei Frauen und Kindern." Hansen lässt die Männer auch in deren Rollen schlüpfen, wenn sie erzählt und gezeigt haben, wie die Gewalt zu Hause abgelaufen ist. Schlafmasken und ein abgedunkelter Raum, in dem sich Hansen und Wellershaus erst streiten, sich dann anschreien und am Ende ein lauter Schlag und ein heller Aufschrei der Frau zu hören sind, dem absolute Stille folgt, lassen das Argument, die Kinder hätten nichts mitbekommen, nicht weiter gelten.

Ebenso wenig wie der Satz "aber die Frau ...", wenn Hansen den Part des Täters spielt und der Gewalttäter in die Rolle der Frau schlüpfen muss. Hansen greift die Arme des tatsächlichen Täters, der Perücke trägt. Er steht über ihm mit funkelnd bösem Blick und lässt nicht los. Immer enger wird der Griff. Immer deutlicher die Angst der Frau. "Wir sprechen nicht nur über die Taten, wir lassen sie nacherleben aus den Perspektiven von der Frau und den Kindern." Hansen lässt die Männer beschreiben, wie sich fühlen und was die Enge und die Ausweglosigkeit mit ihnen macht.

Häusliche Gewalt: Eifersucht und Stress sind häufige Ursachen

"Körperverletzung ist immer Körperverletzung. Egal, was die Motive sind, die Partnerin zu schlagen, oder an den Haaren zu ziehen", so Hansen. Die meisten in den Gruppen haben als Kind häusliche Gewalt bei ihren Eltern erlebt. Sie nennen Eifersucht und Kontrollsucht als Grund der Gewalt, Stress oder den Wunsch, dass die Frauen weniger reden sollen. "Enge ist die Sackgasse jedes Konflikts", weiß Hansen, der jahrzehntelang im Bereich Jugendgewalt tätig war. "Erst seit 2001 steht im Bürgerlichen Gesetzbuch das Recht von Kindern auf eine gewaltfreie Erziehung."

Bei den gewalttätigen Vätern setzt er auf Lösungen durch Verhaltensänderungen. "Wir sind keine Verhaltenstherapeuten. Es gibt Männer, die eine Therapie brauchen. Ihnen empfehlen wir das auch und nehmen sie nicht auf. Bei denen, die bleiben können, entwickelt sich im Idealfall eine Dynamik untereinander mit Lösungen, wie sie aus dem Teufelskreis rauskommen können. Das ist für alle anstrengend, wirkt aber."

Hansen erzählt von einem Mann, der seine Frau auf das Sofa geschmissen hatte. Hansen stellte eine Couch in den Raum und spielte die Frau. Der Täter sich selbst. "Er hat geschubst und mich auf die Couch gestoßen. Die anderen haben ihm gesagt, dass sie das so nicht glauben. Plötzlich hatte ich sein Knie auf der Brust und die Hände am Hals. Der Mann hat gemerkt, was er damals getan hat, und war geläutert."

Therapie gegen häusliche Gewalt: Tätertraining kann ein Ausweg sein

Ende des Jahres geht Hansen in den Ruhestand. Aufhören will er nicht. Seine Augen leuchten, wenn er von Erfolgen spricht und von Familien, die wieder ohne Gewalt funktionieren. "Wenn sich ein anderer Träger finden würde, könnte es weitergehen."

Am Ende des Tätertrainings gegen häusliche Gewalt gibt es eine Bescheinigung, die beim Jugendamt eingereicht wird. Ohne Beurteilung von Hansen selbst, sondern mit Sätzen der Männer, die ihre Frauen verprügelt haben. Auf einem steht: "Wenn ich meinem Sohn in die Augen schaue, sehe ich den Unterschied, und das zeigt mir alles." (Sabine Schramek)

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