Mit den neuen Häusern in der Nachbarschaft sind auch die Verkehrsprobleme im Viertel gewachsen, moniert Anwohner Hans-Jörg Becker. FOTO: faust
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Mit den neuen Häusern in der Nachbarschaft sind auch die Verkehrsprobleme im Viertel gewachsen, moniert Anwohner Hans-Jörg Becker.

Frankfurter Verkehrspolitik

„Wir verdichten uns zu Tode“: Wohnstraße in Frankfurt wird zur Stadtautobahn

  • VonBrigitte Degelmann
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Zu viele Neubauten und Verkehrschaos: Anwohner in Frankfurt bemängeln die Infrastruktur im Hainer Weg. Das Frankfurter Planungsdezernat sieht das jedoch anders.

Frankfurt – Wenn Hans-Jörg Becker, der zwar anders heißt, aber sich fotografieren lässt, die vielen Autos und Lastwagen betrachtet, die täglich über den Hainer Weg in Sachsenhausen rollen, dann kann er nur noch den Kopf schütteln. Katastrophal sei das inzwischen, sagt er. Einst als Zuführung zu reinen Wohngebieten angelegt, sei der Hainer Weg in den vergangenen Jahren "zu einer Art Stadtautobahn geworden" - obwohl er oberhalb des Südfriedhofs nicht einmal beidseitig befestigt sei.

Die Ursache dafür: In den vergangenen Jahren sind auf dem Henninger-Areal am Sachsenhäuser Berg zahlreiche neue Wohnungen entstanden. Gut 200 sind es allein im Henninger Turm, dazu kommen 800 weitere im Quartier "Stadtgärten am Henninger Turm". Nicht zu vergessen die 180 Wohnungen, die zurzeit unterhalb davon in den "Hainer Höfen" gebaut werden.

Neubauten im Hainer Weg in Frankfurt: Gelände „nahezu zubetoniert“

Eine Entwicklung, die für das gesamte Viertel alles andere als zuträglich sei, kritisiert Becker, der seit mehr als 30 Jahren am Hainer Weg wohnt: "Wir verdichten uns zu Tode." Auch das neue Einkaufszentrum am Henninger Turm in Frankfurt locke zahlreiche Menschen an. Dabei sei er gar nicht grundsätzlich gegen Neubauten in dem Viertel, betont der Anwohner: Eine schöne grüne Siedlung, "vielleicht für 200 bis 500 Bewohner", hätte er sich gut vorstellen können. Stattdessen sei das Gelände "nahezu zubetoniert" worden, mit Bauten, die bis zu acht Etagen hoch sind.

Die Straßen, vor allem der Hainer Weg selbst, seien überhaupt nicht für diese Kapazitäten ausgelegt, sagt Hans-Jörg Becker. Alle zu- und abführenden Straßen seien früher ruhige Anlieger-Trassen gewesen, "die nun permanent vom Durchgangsverkehr überlastet werden. Nichts an dieser Infrastruktur ist angelegt, um den zusätzlichen Verkehr von circa 2000 neuen Anwohnern sowie Familien, Besuchern, Gewerken, Dienstleistern und Lieferanten zu bewältigen". Dabei seien längst noch nicht alle Wohnungen im neuen Stadtgärten-Quartier bezogen, hat der Anlieger beobachtet, der im Hinblick auf die gegenwärtige Verkehrssituation von einer "krassen Fehlplanung" durch die Stadt spricht.

Verkehr in Sachsenhausen: Warnung vor „drohendem Verkehrskollaps“

Bereits vor fünf Jahren, als die Stadtgärten noch eine große Baustelle waren, hatten Anwohner Befürchtungen im Hinblick auf die künftige Menge an Fahrzeugen geäußert. Schließlich sollen in dem neuen Viertel irgendwann einmal mehr als 2000 Menschen leben. Sogar von einem drohenden Verkehrskollaps war damals die Rede.

Daraufhin hatte die Stadt Frankfurt ein Verkehrskonzept vorgelegt. Dabei wurde unter anderem die Einbahnstraßenregelung in der Geleitstraße aufgehoben. Über sie wird nun der gesamte Verkehr aus dem Hainer Weg in die Darmstädter Landstraße gelotst, da im untersten Teil des Hainer Wegs eine Einbahnregelung gilt. Eine Aufgabe, die das kleine Sträßchen heillos überfordert, wie auch der zuständige Ortsbeirat 5 (Niederrad, Oberrad, Sachsenhausen) vor zwei Jahren feststellte. Oft entstehe deshalb ein Rückstau in den Hainer Weg.

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Vorwurf der Fehlplanung in Frankfurt: Stadt verweist auf Bebauungsplan

Den Vorwurf einer Fehlplanung will das Frankfurter Planungsdezernat dennoch nicht auf sich sitzen lassen. Dessen Sprecher Mark Gellert verweist vielmehr auf den Bebauungsplan mit dem Titel "Rund um den Henninger Turm", der im November 2012 in Kraft trat.

Er enthält auch ein Verkehrskonzept für das neue Viertel. Darin finden sich jedoch Sätze, die aus heutiger Sicht durchaus überraschend anmuten. Unter anderem kommen die Verfasser zu dem Schluss, dass durch die Neubebauung des ehemaligen Henninger-Areals zwar mit Veränderungen im Verkehrsaufkommen zu rechnen sei.

Enormer Verkehr im Hainer Weg in Frankfurt: Stadt habe „Augen ganz bewusst geschlossen“

Diese seien jedoch "in Bezug auf das Gesamtaufkommen laut der verkehrlichen Untersuchung eher als gering einzuschätzen". Es werde "keine signifikanten Verkehrsmengenveränderungen" geben. Begründet wird diese Aussage damit, dass in den Straßen ja vorher, als die Brauerei noch bestand, bereits Schwerlastfahrzeuge verkehrt hätten. Wie sich die Zahlen tatsächlich entwickelt haben, darüber liegen weder im Planungsdezernat noch im Verkehrsdezernat Daten vor.

Hans-Jörg Becker ist angesichts dieser Aussagen fassungslos. Im Prinzip, sagt er, habe die Stadt im Hinblick auf das neue Quartier "alle Augen ganz bewusst geschlossen und etwas Untragbares zugelassen". (Brigitte Degelmann)

Während im Quartier des Hainer Wegs zahlreiche neue Wohnungen gebaut werden, stehen an anderer Stelle in Frankfurt hunderte Mietwohnungen leer.

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