Serientäter Arthur Gatter

Der Hammermörder

Im Frühjahr 1990 hält eine blutige Mordserie Frankfurt in Atem: Ein Serienkiller macht Jagd auf Obdachlose. Die Polizei tappt wochenlang im Dunkeln. Nur durch einen Zufall kann der Killer schließlich gefasst werden.

Als Arthur Gatter in den Morgenstunden des 22. Mai 1990 an der Hauptwache festgenommen wird, trägt er seine Waffen noch bei sich: einen Schlosserhammer und ein blutverschmiertes Fleischermesser. Wenige Minuten zuvor hat er den Obdachlosen Heinrich O. auf einer Bank am Mainkai lebensgefährlich verletzt.

Mit Gatters Festnahme endet eine der blutigsten Mordserien der Nachkriegsgeschichte: Vom 1. Februar bis zum 22. Mai tötet der arbeitslose Elektriker sechs Menschen, zwei weitere liegen monatelang im Koma. Gatter sucht seine Opfer gezielt unter den Obdachlosen der Stadt. Er überfällt sie im Schlaf, schlägt mit einem Schlosserhammer auf ihre Schädel ein, bis nur noch blutiger Brei übrig bleibt.

Der Polizeipräsident spricht von einer „für die Bundesrepublik einmaligen Serie“. Vielleicht, sagt er, wolle der Täter den Ermittlern zeigen, „dass er besser ist als wir“.

Auch heute, fast 30 Jahre nach den Taten, sticht die Mordserie in der Kriminalgeschichte hervor. Unter den wenigen deutschen Serienmördern ist Arthur Gatter einer der rätselhaftesten – und seine Geschichte eine der bittersten. Denn manches deutet darauf hin, dass man ihn hätte stoppen können.

Frankfurt im Frühjahr 1990. Knapp 1000 Menschen leben auf der Straße, viele von ihnen in der Innenstadt, zwischen Hauptbahnhof, Zeil und Anlagenring.

Tagsüber treffen sie sich in kleinen Gruppen. Einige suchen Arbeit, die meisten betteln. Ihr Hab und Gut – Schlafsäcke und Decken, Einkaufstüten und Jacken – verstecken sie in Schließfächern oder im Gebüsch. Nachts schlagen sie ihre Lager auf. Die meisten schlafen alleine, auf Bänken oder unter Brücken, in Hauseingängen oder auf Lüftungsschächten.

Gatters Mordserie beginnt am 1. Februar 1990. Später, in den Verhören, wird er sagen, dass er seit Jahren nicht mehr geschlafen hat. Dass er Stimmen hört. Dass er den Drang spürt, zu töten. Dass er versucht hat, zu widerstehen – wochen-, monatelang.

Bis zu jenem Donnerstag. An dem er den Schlosserhammer nimmt und sein Zimmer im Bahnhofsviertel verlässt, auf der Suche nach einem Opfer.

Heinz Peter S. lebt seit etwa zehn Jahren in Frankfurt, seit mindestens drei Jahren auf der Straße. Der gebürtige Limburger ist 43 Jahre alt, ein Eigenbrötler, der Kontakte zu anderen Menschen meidet. Er schlägt sein Nachtlager unter den Arkaden in der Weißfrauenstraße auf, an der Rückseite des Frankfurter Hofs. Kein guter Platz, hier kommen Nachtschwärmer vorbei, Betrunkene. Es kommt vor, dass sie S. anpinkeln, einfach so, zum Spaß.

Der Abend des 1. Februar 1990 ist bewölkt und regnerisch. Vermutlich schläft S., als sein Mörder ihn findet. Gatter schlägt und tritt auf den Obdachlosen ein, bis dessen Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt ist.

Der Angriff sorgt für Entsetzen. Gewaltverbrechen mögen im Frankfurt der späten 80er und frühen 90er Jahre nichts Besonderes sein. Aber die Brutalität, mit der S. misshandelt wurde, ist beispiellos. Die Polizei tappt im Dunkeln. S. hatte keine Feinde, ihm ist nichts gestohlen worden. Der 44-Jährige liegt mit mehrfach gebrochenem Schädel im Krankenhaus, ohne Bewusstsein.

In den Verhören wird Gatter sagen, dass seine Opfer ihm „Zeichen“ gegeben hätten – durch ihre Schlafstätten oder ihre Kleidung. Dass sie eine unwiderstehliche Anziehung auf ihn ausgeübt haben.

Am 7. Februar überfällt Gatter den 32-jährigen Kurt-Helmut H. in einem Gebüsch an der Friedberger Anlage. H. stirbt zwei Tage später im Krankenhaus.

Dass zwischen den Taten ein Zusammenhang besteht, ist nicht gleich ersichtlich. Zwar gibt es Parallelen in der Vorgehensweise, aber die Opfer kommen aus unterschiedlichen Milieus. S. war ein Obdachloser – ein „Stadtstreicher“, wie die Presse schreibt –, H. gehört dem Homosexuellenmilieu an. S. wurde im Schlaf überfallen, H. nach dem Verlassen einer Disco.

Dennoch: Zwei Hammermorde innerhalb weniger Tage lähmen die Stadt. Und schüren Angst, dass ein Serientäter am Werk ist.

Arthur Gatter kommt am 24. März 1940 in Ravensburg beim Bodensee zur Welt. Die Eltern leben getrennt; der Vater ist Alkoholiker, die Mutter geht putzen. Arthur Gatter ist ein unauffälliger Schüler, ein Einzelgänger. Nur mit seinem Klassenkameraden Dieter verbindet ihn eine enge Freundschaft. Mit 19 Jahren beschließen Arthur und Dieter, gemeinsam nach Australien auszuwandern. Ein paar Jahre reisen sie dort herum, dann zerbricht die Freundschaft. Arthur Gatter kehrt nach Deutschland zurück, Dieters Weg verliert sich.

Welcher Art die Beziehung zwischen Arthur und Dieter war, ist unklar. Dass sie für Arthur von großer Bedeutung war, steht fest. Arthur Gatter selbst hat in Gesprächen mit Polizeibeamten eingeräumt, dass seine psychischen Probleme begannen, als seine Freundschaft zu Dieter zerbrach.

Ab 1962 wohnt Arthur Gatter in Deutschland, überwiegend in Frankfurt, an verschiedenen Adressen. Arbeit findet er auf Montage im Ausland – auf Großbaustellen im Nahen Osten, in Saudi-Arabien, in Kuwait. Er bleibt ein Einzelgänger. Die einzige feste Bezugsperson ist die Mutter.

Mitte der 80er Jahre verschlechtert sich sein Zustand dramatisch. In den Verhören sagt er, dass die Stimmen in seinem Kopf drängender werden. Gatter sucht keine Arbeit mehr, er bleibt in seiner Ein-Zimmer-Wohnung in der Wilhelm-Leuschner-Straße, lebt von Erspartem. Es dauert nicht lange, bis die Nachbarn sich beschweren – wegen eingeschlagener Fensterscheiben im Treppenhaus, wegen Speiseresten vor den Fenstern. Nach einer Weile schickt der Vermieter ihm die Kündigung. Dann wird die Polizei auf ihn aufmerksam.

Am 9. Juli 1988 wird Arthur Gatter in Bornheim festgenommen. Er soll Autoreifen zerstochen haben. Der Richter ordnet eine psychiatrische Untersuchung an. Dabei soll beurteilt werden, ob Gatter eine Gefährdung für die Allgemeinheit darstellt. Das Gutachten ist negativ.

Gatters Zustand verschlimmert sich. Er läuft tagelang ziellos durch die Stadt. Schreibt wirre Postkarten an den Papst. Wirft seinen Müll aus den Fenstern: Hühnerbeine, Apfelkrotzen, Verpackungen.

Am 19. Februar 1990 – Heinz Peter S. liegt mit zertrümmertem Schädel im Koma, Kurt-Helmut H. ist tot – steht Arthur Gatter noch einmal vor Gericht, wegen zerstochener Reifen und zerschnittener Leitungen. Aufgrund eines Gutachtens, das Gatter als nicht schuldfähig einstuft, spricht der Richter ihn frei. Gleichzeitig hält das Gericht fest, dass er keine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt.

Hätten die Gutachter Gatters Gewaltfantasien feststellen und ihn stoppen können? Nach seiner Festnahme werden diese Fragen kontrovers diskutiert. Aber einfache Antworten gibt es nicht. Es gibt kein eindeutiges Versäumnis, kein eindeutiges Versagen – nur eine Reihe böser Zufälle..

Um 5.40 Uhr am 2. April 1990 entdeckt ein Busfahrer auf der Bank eines Wartehäuschens an der Ostzeil den blutüberströmten Leichnam des Obdachlosen Helmut R. Der 32-Jährige soll seit Monaten in dem Wartehäuschen geschlafen haben. Die Zeitungen sprechen jetzt vom „Phantom“, vom „Berber-Mörder“.

Einen Monat später, am 4. Mai 1990, tötet Gatte den Obdachlosen Hans Peter M. Der 46-Jährige hat sein Lager in der Obermainanlage am Rechneigrabenweiher aufgeschlagen. Gatters Hammer trifft ihn auf die Schläfen. „Das Blut ist meterweit gespritzt“, sagt der Leiter der Mordkommission. Einen Tag später tötet Gatter erneut. Binnen weniger Minuten erschlägt er an der Eschenheimer Anlage Engelbert G. und Nicola Z. Die Obdachlosen haben in unmittelbarer Nähe zueinander auf Parkbänken geschlafen.

Spätestens jetzt ist klar: Das Töten wird kein Ende nehmen, solange der Killer nicht gestoppt wird. Die Polizei gründet die Sonderkommission „Berber“. Ermittler verkleiden sich als Obdachlose, legen Puppen aus. Zusätzliche Einsatzkräfte kommen nach Frankfurt.

Zwei Wochen später stirbt der Koch Anderson S. Er ist auf dem Rückweg von einer Party, als er sich gegen 1.30 Uhr an der Konstablerwache von Freunden verabschiedet. Gegen 3.50 Uhr finden Polizeibeamte seine blutüberströmte Leiche. Offenbar hat der Mörder S. in einem Gebüsch überfallen und auf ihn eingestochen. Der 32-Jährige taumelt schwerverletzt bis zu einer Parkbank. Dort zertrümmert der Mörder ihm den Schädel.

Zwei Tage später überfällt Arthur Gatter den 59-jährigen Obdachlosen Heinrich O. in der Grünanlage Mainkai 38. Die Hammerschläge auf den Kopf des Obdachlosen sind so laut, dass ein Anwohner aufschreckt – ein Zufall, der Mann hat einen leichten Schlaf. Als er nach draußen läuft, entdeckt er die Leiche des Obdachlosen – und sieht einen „kleinen, dicken Mann“ davonrennen.

Binnen weniger Minuten sind auf allen Innenstadtstraßen Polizeibeamte unterwegs. Am U-Bahn-Abgang zur Konstablerwache wird Arthur Gatter festgenommen. Er trägt den Schlosserhammer bei sich. Und, in einer Plastiktüte, ein blutverschmiertes Fleischermesser.

Unmittelbar nach der Festnahme beginnen die Verhöre, sie dauern bis in den späten Vormittag. Als die Ermittler nachmittags vor die Presse treten, hat Gatter ein vollständiges Geständnis abgelegt.

In den Gesprächen, sagen die Ermittler, sei Gatter auffällig ruhig, er wirke regelrecht erleichtert. Und tatsächlich deutet Gatter an, dass er die Morde widerwillig begangen habe – dass er von den Stimmen gezwungen worden sei.

Einen Tag nach seiner Festnahme wird Arthur Gatter in eine geschlossene Psychiatrie eingeliefert, kurz darauf kommt er in die gerichtliche Psychiatrie in Gießen.

Es ist kein Gefängnis, sondern eine Heilanstalt. Ein Ort, an dem Menschen geholfen werden soll. Arthur Gatter fügt sich ein, er ist ein unauffälliger Patient. Dass er sechs Morde und zwei Mordversuche begangen hat, mit Hammer und Fleischermesser, traut man dem kleinen, dicklichen Mann mit dem dichten Schnauzbart kaum zu.

Ebenso wenig, wie man ihm zutraut, sich selbst zu verletzen. Ein Fehlschluss. Am 12. Dezember 1990 findet ein Pfleger Arthur Gatter tot in seinem Zimmer auf. Der Hammermann hat sich mit einer Mullbinde am Oberlicht seines Zimmers erhängt.

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