Susanne Haus (48) ist Inhaberin des Familienbetriebs Haus & Haus GbR Malermeister und Restauratoren in Bischofsheim, Kreis Groß-Gerau. Das Unternehmen wurde von ihrem Großvater gegründet, und die Malermeisterin hat es als Geschäftsführerin in dritter Generation übernommen. Susanne Haus ist verheiratet. Sie hat zwei Stieftöchter und ist Stiefoma. Wie lange sie Präsidentin der Handwerkskammer bleiben möchte, weiß sie noch nicht: "Die erste Amtszeit beginnt gerade." tjs
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Susanne Haus (48) ist Inhaberin des Familienbetriebs Haus & Haus GbR Malermeister und Restauratoren in Bischofsheim, Kreis Groß-Gerau. Das Unternehmen wurde von ihrem Großvater gegründet, und die Malermeisterin hat es als Geschäftsführerin in dritter Generation übernommen. Susanne Haus ist verheiratet. Sie hat zwei Stieftöchter und ist Stiefoma. Wie lange sie Präsidentin der Handwerkskammer bleiben möchte, weiß sie noch nicht: "Die erste Amtszeit beginnt gerade." tjs

Montagsinterview

Handwerkskammerchefin Haus: "Die Entscheider sind jeden Tag in einem Dilemma"

Frankfurter Handwerkskammerchefin Susanne Haus spricht im Interview über Corona, Frauen und ihre ersten 100 Tage im Amt.

Susanne Haus ist seit einigen Monaten Präsidentin der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main. Mit Redakteur Thomas J. Schmidt sprach sie über ihre ersten Schritte im Amt, über die Herausforderungen von Corona, über die Chancen von Frauen und jungen Menschen im Handwerk.

Frau Haus, was bedeutet Corona für das Handwerk?

Für viele unserer Mitgliedsbetriebe und deren Arbeitnehmer ist die Corona-Pandemie eine große Herausforderung. Ein schwieriges Thema, wirtschaftlich, aber auch emotional. Es gibt ja auch bei uns zahlreiche Unternehmen, die erheblich von den Lockdown-Maßnahmen betroffen waren und sind; denken Sie an alle, die Dienstleistungen rund um Veranstaltungen anbieten, Friseure oder Kosmetiker oder in Teilen das Nahrungsmittel-Handwerk.

Und dann gab es die, die weiterarbeiten durften...

Für alle anderen, die weiterarbeiten durften, ist die aktuelle Situation auch nicht leicht, weil Abläufe und der Schutz von Mitarbeitern und Kunden natürlich angepasst werden mussten. Die Pandemie ist mit nichts zu vergleichen. Viele Menschen sind gestresst und in Sorge in Bezug auf das Impfen, fehlende Covid-Tests, Betreuung von Angehörigen oder bürokratische Regelungen in Bezug auf die finanziellen Corona-Hilfen. Die Infektionszahlen steigen, und sie steigen sehr schnell, gleichzeitig werden Öffnungen gefordert.

Ein Dilemma?

Die politischen Entscheider sind jeden Tag in einem Dilemma: Das zeigt auch die Diskussion "Osterruhe" beispielsweise. Für die einen sind Schließungen existenzgefährdend, andere wollen endlich wieder öffnen - und gleichzeitig müssen die Entscheider die teilweise kritische Situation auf den Intensivstationen im Blick behalten. Das berührt Kernfragen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens, gemeinsamer Werte und der Ethik. Wir haben dazu für unser Gesprächsformat "Handwerk trifft..." Prof. Woopen, die Vorsitzende des Europäischen Ethikrates, gewinnen können, die am 15. April mit Moderator Prof. Michel Friedman auf dem Podium sprechen wird. Wir streamen die Veranstaltung, alle Mitglieder und alle anderen können dabei sein.

Was ist derzeit besonders schwer? Der Ausbildungsmarkt?

Ja, das ist etwas, was uns im Handwerk sehr große Sorgen macht. Berufsbildungsmessen sind derzeit in dieser Form nicht möglich, unsere Ausbildungsberater in der Handwerkskammer und in den Kreishandwerkerschaften haben weniger Kontakt in die Schulen hinein. Ausbildungsplätze zu besetzen, ist sehr schwierig.

Wie wirkt sich das aus?

Wir haben etwa 18 Prozent weniger abgeschlossene Ausbildungsverträge in unserem Kammerbezirk. Wir konzipieren als Handwerkskammer zum Beispiel gerade einen virtuellen Messestand, an dem sich junge Leute über die Karrierechancen im Handwerk informieren können. Die Vielfalt der Informationsmöglichkeiten ist durch die Digitalisierung enorm gewachsen, da setzen wir gerne auf.

Gibt es besonders begehrte Berufe?

Bei den Damen ist es die Friseurin, bei den Herren nach wie vor Kfz, aber auch Maler, Elektro. Eine Herausforderung sind die Bereiche des Nahrungsmittel-Handwerks. Aber, egal um welches Gewerk es geht: Wir brauchen Nachwuchstalente.

Auch der Akademiker braucht ja das Handwerk...

So ist es. Und lassen Sie mich an dieser Stelle ganz klar sagen: Ich wehre mich gegen die immer noch stattfindende Diskussion in der Gesellschaft, ob die berufliche Bildung mit der akademischen gleichzusetzen ist. Sie ist es nicht nur de jure: Es sind einfach zwei unterschiedliche, aber gleichermaßen wertige Lebenswege. Ich habe meine Ausbildung absolviert, habe meinen Meister gemacht, den Restaurator, den Betriebswirt, ich bin Sachverständige. Ich verstehe nicht, warum man immer noch von höheren oder niedrigeren Abschlüssen spricht. Natürlich weiß jemand, der Publizistik studiert hat, mehr über Publizistik als ich. Dafür bin ich die Expertin in meinen Beruf.

Wir werden international um das duale Ausbildungssystem beneidet. Aber mit der Studienreform, Bachelor und Master, wird die Berufsausbildung an die Hochschule geholt, wie in den angelsächsischen Ländern. Wie bewerten Sie das?

Wir haben im Handwerk auch die Möglichkeit des dualen Studiums oder die, nach dem Meisterbrief ein Studium anzuschließen. Aber die Betriebe sind ohne ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nichts: Wir brauchen diejenigen, die Tag für Tag diese Leistung erbringen, die Gesellinnen und Gesellen, beispielsweise auf den Baustellen. Das sind die Leistungsbringer des Handwerks, Leistungsträger für die Gesellschaft. Vor dieser Leistung ziehe ich meinen Hut.

Sie sind seit etwas mehr als 100 Tagen Präsidentin. Das hat doch Folgen für Ihren Betrieb?

Ich bin jeden Morgen um sechs Uhr in meinem Betrieb und bespreche mit meiner Meisterin, was ansteht. Aber klar, mein Team muss jetzt öfter mal ohne mich klar kommen, was sehr gut funktioniert. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind sehr engagiert, und ich bin stolz auf mein Team.

Sie sind ein reiner Frauenbetrieb?

Meine Führungskraft ist eine Frau, meine Assistentin ebenfalls, das restliche Team ist männlich. Ich habe das Glück, eine tolle Meisterin gefunden zu haben, die sich momentan noch einarbeitet, genau wie ich mich in die neue Situation als Präsidentin einfinden muss. Meine finanzielle Existenz hängt ja an meinem Betrieb, daher müssen wir hier Prozesse und Abläufe sehr genau abstimmen.

Was wollen Sie anders machen als Ihr Vorgänger Bernd Ehinger, der ja 15 Jahre im Amt war?

Es gibt Dinge, die das Handwerk immer beschäftigen werden. Und ich setze auf die gute Arbeit meines Vorgängers auf. Beispielsweise Bildung: Wir werden die Planungen für einen beruflichen Campus in Frankfurt vorantreiben, an dem wir schon seit einigen Jahren arbeiten. Es geht darum, die Arbeit von allen, die an der Aus- und Weiterbildung junger Handwerkstalente beteiligt sind, von Ausbildungsbetrieben und Berufsschulen, von Innungen und Fachverbänden zu vernetzen. Mit einem gemeinsamen pädagogischen Konzept, innovativen, zukunftsweisenden Inhalten und gemeinsamen Räumen. Der Campus kann ein Leuchtturm-Projekt für die Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main werden. Jeder im regionalen Handwerk ist eingeladen, mitzumachen: Das wird ein spannendes Gemeinschaftsprojekt. Ich freue mich sehr darauf.

Aber es gibt viele weitere Themen: Angefangen von der Verkehrssituation der Stadt Frankfurt und deren Verflechtungen mit der Region, über die Gewerbeflächen bis hin zur Entbürokratisierung. Hier sind wir durchaus sehr besorgt und umso klarer ist, dass wir auch weiterhin die Botschaften des regionalen Handwerks klar vertreten.

Aber Sie unterscheiden sich schon ein bisschen?

Ich habe auf manche Dinge eine andere Sicht, zum Beispiel eine weibliche, das ist doch ganz normal. Aber es geht doch nicht um Personen, sondern um die Sache und die Inhalte. In den vergangenen Monaten habe ich bei meinen Antrittsbesuchen spannende Persönlichkeiten kennengelernt, Netzwerke geknüpft, Dinge zum Laufen gebracht.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel mit den Handwerksjunioren hier bei uns im Kammerbezirk, junge Handwerker, die sich in einem innovativen Netzwerk zusammengeschlossen haben. Die brauchen wir für das Handwerk von morgen, denn ich möchte mehr junge Leute in die ehrenamtlichen Gremien der Handwerkskammer bringen, damit das Handwerk jünger wird; etwa in der Vollversammlung oder den Prüfungsausschüssen.

Mit Ihnen ist das Präsidium ja auch jünger geworden.

Danke. Das soll auch so weitergehen, und ich möchte auch Frauen für das Handwerk und das Ehrenamt im Handwerk gewinnen. In Deutschland gibt es 52 Handwerkskammern, aber nur zwei Präsidentinnen. Wir Frauen sind also noch unterrepräsentiert. Mir ist es auch wichtig, Frauen in der Handwerkskammer zu fördern. Als Haus des Handwerks sind wir ein moderner und innovativer Service-Dienstleister und Botschafter unserer Betriebe: Hierfür brauchen wir Frauen und Männer, die bereit sind, mit uns im Ehrenamt Zukunft zu gestalten.

Was sind denn die größten Schwierigkeiten für das Handwerk?

Für unsere Existenzgründer ist die Bürokratie definitiv eine Herausforderung. Außerdem passende Gewerbeflächen, die eine entsprechende Verkehrsanbindung oder Anbindung ans digitale Netz brauchen. Ein Elfenbeinschnitzer oder ein Goldschmied braucht weniger Raum. Aber wenn man Gerüstbauer ist, ist es schwierig, etwas Passendes zu finden. Das gilt sogar im ländlichen Raum. In Frankfurt ist es noch schwieriger.

In Frankfurt gibt es noch mehr Probleme?

Frankfurt befindet sich derzeit - wie viele andere Städte und Kommunen auch - auf einer Sinnsuche: Wie wollen wir in den kommenden Jahrzehnten in der Stadt leben, wie wollen wir einkaufen, welche Rolle spielt der Mittelstand dabei, was passiert in der Innenstadt, wie werden die Stadtteile angebunden? Das Handwerk braucht Flächen, die mit den Bedarfen des Handwerks kompatibel sind und wo es nicht ständig zu Konflikten mit den Anliegern kommt. Eine große Frage ist auch die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur. Die derzeitigen politischen Entscheider richten im Augenblick vieles auf den Fahrradverkehr aus, anstatt ebenso zu berücksichtigen, dass Wirtschaftsverkehr auch bedeutet, dass Arbeitnehmer im Handwerk und Unternehmer zu ihren Geschäften kommen müssen, Kundenbesuche absolvieren, parken und liefern müssen. Die Region muss endlich einen Gesamtverkehrsplan auf den Weg bringen, der den Fahrradverkehr, den ÖPNV und andere innovative Verkehrsmittel berücksichtigt und fördert, aber an dem wirklichen Bedarf nicht vorbeigeht.

Jetzt gibt es ja beispielsweise in Nieder-Eschbach die Diskussion um ein Gewerbegebiet. Wie finden Sie das?

Es ist ein Phänomen, dass alle etwas möchten, aber nicht vor ihrer Haustür. Man muss abwägen. Die Wirtschaft braucht auch ihren Platz, denn sie erwirtschaftet ja unter anderem die Mittel, die von der Stadt verteilt werden. Es ist ein Kreislauf und man muss sehen, dass alle Räder sich bewegen können. Man muss es abwägen. Es ist wie mit dem Strom: Jeder will Öko-Strom, aber niemand will das Windrad vor der Haustür. Man muss alle Einzelinteressen berücksichtigen, aber am Ende braucht man Kompromisse, die für den einen mal besser sind und für den anderen mal schlechter. Wir wollen Kommunikation und wir wollen gehört werden. Nur im Dialog erreichen wir gemeinsame Ziele, die von allen getragen werden können.

"Ausbildungsplätze zu besetzen ist sehr schwierig." - Susanne Haus im Gespräch mit Thomas J. Schmidt.

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