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Hans Günter Winkler im August 2015

Abschied von „HGW“

Hans Günter Winkler: Deutschlands erfolgreichster Springreiter ist tot

Berühmt wurde Hans Günter Winkler bei den Olympischen Spielen 1956 mit seinem letzten Umlauf auf Halla, der Wunder-Stute. Im Mannschaftsspringen musste Winkler, der kleine blasse Mann, Brillenträger, wegen eines Muskelrisses in der Leiste in den Sattel gehoben werden, sich dort irgendwie halten und die Schmerzen ertragen. Den Rest erledigte das Pferd. Deutschland, das ein Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg nach Orientierung und Identität suchte, hatte danach zwei Helden. Halla und Hans Günter Winkler, den alle HGW nannten.

2007. Hans-Günter Winkler war 80 geworden, Besuch bei ihm in Warendorf, dem Ort, der mit seinen Leistungszentren für die Reiterei steht. Anlass des Besuchs ist eine Serie darüber, was aus Medaillengewinnern von München 1972 – auch dort holte Winkler mit der Equipe noch einmal Gold ab, sein fünftes – denn so geworden ist. Bei ihm wusste man das eigentlich ja: Er war noch immer da, organisierte Reitturniere, war eine Art graue Eminenz. Er stand für seine Sportart. Trotzdem: Legenden will man kennenlernen.

HGW empfing auf seinem Gestüt, das ein Landsitz aus einer englischen Fernsehserie hätte sein können. Er trug ein Tweed-Jackett, seine amerikanische Frau Debbie servierte Kaffee in einer silbernen Kanne und Kekse, man saß am Fenster und blickte während des Interviews hinaus auf Stallungen, Weide und Reitplatz. Debbie war die vierte Frau von Winkler, größer und 33 Jahre jünger als er. Was sie verband, war eine Art reiterlicher Noblesse, eine Mission.

Jahre später, im Februar 2011, kam Debbie Winkler bei einem Reitunfall in Warendorf ums Leben – eine zynischere Grausamkeit kann man sich gar nicht vorstellen.

2007 war Winklers Welt ziemlich in Ordnung. Er sagte, das Reiten habe er aufgegeben, der Bandscheiben wegen. „Aber ich spiele noch sehr oft Tennis. Und glauben Sie mir das: Ich erlaufe jeden Ball.“

Eine Frage an ihn lautete: „Wüssten Sie ganz spontan, wo Sie Ihre Olympia-Medaillen liegen haben?“ Eine überraschende Erkenntnis nach Treffen mit anderen Olympiasiegern nämlich war gewesen: Viele pflegen eine lockere Beziehung zum höchsten Preis, den sie gewonnen haben. Es gibt Gold, Silber, Bronze in lange nicht mehr geöffneten Wohnzimmer-Schubladen.

HGW war ein wenig pikiert ob dieser Frage und des erläuternden Hintergrundes. Sollte ihm der Lohn für eine außerordentliche Leistung etwa peinlich sein? „Ich bitte Sie“, sagte er, „kommen Sie mit“.

Wir gingen in eine fensterlose Kammer. Sie war klimatisiert, eine Art Humidor für all seine Trophäen. Medaillen, Pokale, Plaketten, alles aus speziellen Metallen. Und es war noch nicht alles. HGW hatte einen Indoor-Swimmingpool, das Wasser war abgelassen, die einst gekachelten Wände hatte er mit Teppichboden auslegen lassen – hier war die Fortsetzung der Sammlung seiner Preise. Ein eitler Mann? Durchaus. Doch er stand dazu.

Die Geschichte über Hans-Günter Winkler, 80, rüstig, entschlossen, kampflustig, trug den Titel „Sein Lebensabend ist ein Nachmittag“. Das hat sich im Nachhinein bestätigt, Hans-Günter Winkler wurde 91 Jahre alt. Der fünfmalige Olympiasieger verstarb in der Nacht zu Montag. Nach einem plötzlichen Herzstillstand sei er zuvor in ein Krankenhaus eingeliefert worden, teilte die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) mit. „Ich hatte meine Zeit, es war meine Zeit, und es war eine wunderbare Zeit. Der liebe Gott war gut mit mir“, lautete bis zuletzt sein Credo.

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