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Hans-Volker Happel hat an einem der kleinen schwarzen Tische im Konsumraum an der Niddastraße Platz genommen. Wenig später werden dort Männer und Frauen sitzen und sich ihr Heroin und andere Drogen spritzen. Dafür, dass sie dies an einem so sauberen und damit sicheren Ort tun können, hat Happel lang gekämpft.

Der Rote Faden, Folge 192

Hans-Volker Happel - Der Drogenforscher

Hans-Volker Happel hat als Student mal gekifft, seitdem kam er von den Drogen nie mehr los. Er forschte über die, die den Rauschmitteln verfallen sind und sorgte dafür, dass sie in Frankfurt anständig behandelt werden. Ein Porträt.

Als die renommierte Frankfurter Allgemeine Zeitung das erste Mal über ihn berichtete, blieb sein Name ungenannt. Zum Glück, denn der Beitrag war wenig rühmlich. Da habe doch ein Student trotz der Einnahme bewusstseinserweiternder Substanzen die Polizei nicht erkannt, amüsierte sich der Redakteur. Dem bekifften jungen Mann, den der Schreiber da durch den Kakao zog, war in jener Nacht Anfang der 1970er Jahre überhaupt nicht nach Lachen zumute. Weil er nicht nur Haschisch geraucht, sondern auch noch etwas Stoff in der Tasche hatte, landete er im Gefängnis; auf eine Nacht zusammen mit Schlägern, Betrügern, Zuhältern.

„Das hat mich verstört. Ich sah plötzlich, dass ich alles aufs Spiel gesetzt hatte. Von da an habe ich es gelassen mit den Drogen“, erzählt Hans-Volker Happel. „Ich bin nun wirklich kein Freund des repressiven Ansatzes. Aber bei mir hat es gewirkt.“

Ganz von den Drogen kam er aber nicht los. Die Frage, warum Menschen für den Rausch alles riskieren, ihr Leben hergeben, erst das soziale und geistige, dann das physische, wurde Happels Lebensthema. Die Lebensleistung des Professors im berüchtigten Unruhestand ist es, dass er Wege mitbaute, vielen dieser Menschen das Leben zu retten, ihnen mindestens etwas Würde zurückzugeben. Happel ist Mitbegründer des Vereins „Integrative Drogenhilfe“. Er führt ihn seit 30 Jahren und ist damit einer der Vordenker der progressiven Drogenpolitik, die heute als „Frankfurter Weg“ am Main gefeiert und vielerorts nachgeahmt wird. „Ich verstehe mich nicht als Lebensretter“, wehrt der groß gewachsene Mann bescheiden ab. Und wird dann nachdenklich. „Aber vielleicht sollte ich mir ein bisschen mehr Stolz auf das Erreichte gönnen.“

Er könnte es guten Gewissens tun. Auszeichnungen wie der Ehrenbrief des Landes und die vielen Einladungen in internationale Fachgremien zeugen davon; ein Blick zurück macht es augenfällig. Nach jenen wilden Studententagen im Kreise der „68er“ betreibt Happel an der Universität in Mainz ernsthafte wissenschaftliche Studien. Er hat sich für Psychologie eingeschrieben. Kinder- und Jugendtherapeut will er werden, aber das wollen hunderte andere auch. Also schaut Happel, was die Professoren zur Suchtthematik zu sagen haben.

Happel ist 1948 in Gladenbach unweit von Marburg geboren. Gern wäre er der

Junge vom Land

geblieben, doch der Vater findet eine Stelle in den Farbwerken Hoechst. Gut, dass die Eintracht damals erfolgreich spielt, im Waldstadion nämlich macht der Zehnjährige seinen Frieden mit der neuen Stadt. 1968 besteht er an der Liebigschule in Westhausen sein Abitur, fällt an der Universität also mitten hinein in den Aufruhr der Studenten, zu dem auch Experimente mit Haschisch, LSD, Kokain und Heroin gehören. Und kennt Schicksale von Freunden, die diese nicht überleben.

Was er zu all’ dem in den Mainzer Seminaren hört, überzeugt ihn nicht. Drogensucht, sei es nun nach Alkohol, Medikamenten oder Heroin, ist Anfang der 1970er bereits ein großes Thema, man hat sie als Erkrankung erkannt. Doch die Abhängigen stellen sich selbst die Fachleute fast durchweg als charakterlose Gesellen vor, als Menschen ohne Selbstdisziplin und Willensstärke, Mündel also, die mit Druck und Hilfe zur Abstinenz zu bringen sind. Wegsperren und Bestrafen sind gängige Umgangsformen.

Happel stellt seine eigenen Fragen. Für seine Promotion geht er eine große Studie zum jugendlichen Trinkverhalten an. „Ich wollte wissen, wie die jungen Leute wirklich trinken, mit welchen Erwartungen sie das tun.“ Ähnliche Fragen stellt er den Patienten, die er in den Kliniken trifft, in denen er seine ersten beruflichen Erfahrungen sammelt. In Heppenheim kann er die Abteilung für Suchtmittelabhängige mit aufbauen – und eine seiner seit damals gültigen Grundüberzeugungen einbringen: „Es braucht eine Vielfalt an Entzugstherapien.“

Diese Meinung teilen nicht viele, Mitte der 1980er Jahre zeigen ihm beinahe alle Kollegen und Experten seines Fachgebiets einen Vogel: Happel, der 1982 als Professor an die Fachhochschule Frankfurt berufen worden ist und dort im Fachbereich Sozialpädagogik zum Schwerpunkt „Sucht- und Drogenproblematik“ forscht, propagiert plötzlich die Möglichkeit der Selbstheilung von Abhängigen. Er legt gemeinsam mit Kollegen eine Studie vor, die aufzeigt, dass es nicht wenige allein schaffen, von den zerstörerischen Stoffen wegzukommen. Und dass man diese Selbstheilungskräfte nicht dadurch wecken kann, indem man die Betroffenen zu sofortiger Abstinenz drängt.

Happel klingen die Sätze heute noch in den Ohren: Wolfram Keup, damals eine unbestrittene Koryphäe in der deutschen Suchtforschung, reagiert mit dem Hinweis, dass es niemanden gäbe oder gegeben habe, der sich allein aus der Sucht befreien konnte. Die Leute, von denen Happel und Kollegen berichten, könnten allenfalls Gelegenheitskonsumenten gewesen sein. „Dabei gab es doch überzeugende Studien aus den USA: Zum Ende des Vietnamkrieges hatte man befürchtet, dass mit den Soldaten 200 000 Süchtige ins Land zurückkehren. Tatsächlich blieben nur zehn Prozent davon übrig. Etwa ein Drittel der jungen Männer hatte nach dem Krieg einfach aufgehört zu trinken, Heroin zu spritzen oder etwas zu rauchen“, argumentiert der Wissenschaftler heute wie damals. Seine Erkenntnis wird trotzdem ignoriert. Von den 54 Drogenberatungsstellen in Hessen, die es 1987 gibt, nehmen gerade mal zwei das Angebot an, sich den Abschlussbericht des Forschungsprogramms zuschicken zu lassen.

Und dann kommt Aids. Das HIV-Virus verbreitet sich gerade in der Drogenszene rasend schnell. Jetzt ist den politisch Zuständigen jedes Mittel recht, das Abhilfe verspricht. So hört man auch denen besser zu, die statt vom Motto „Keine Macht den Drogen“ lieber vom „Leben mit Drogenabhängigen“ sprechen. Durch ganz Westeuropa dringt diese Debatte und Happel, der frühere Schulsprecher, ist oft als Wortführer mittendrin.

Zu Hause in Karben sind derweil seine Frau und die beiden Söhne, Jahrgang 1982 und 1987. Als die Sprösslinge in das Alter kommen, in dem man mal richtig rauchen, saufen und kiffen muss, hadert der Vater manchmal mit seinen vielen Verpflichtungen, die ihn oft von zu Hause fernhalten. „Selbstverständlich hatte ich große Sorge, dass sie in irgend so eine Clique geraten.“ Die Söhne haben sich nicht verführen lassen. Der Jüngere ist Rettungssanitäter, der Ältere hat Neurophysiologie studiert. Er ist dem Professor und dreifachen Großvater ein wichtiger Gesprächspartner zum Thema Sucht: „Denn all meine Erfahrungen haben meine Neugier auf dieses Phänomen nur gesteigert.“ Auch die Nicht-Süchtigen findet Happel interessant. Er ist Sportler und Vereinsmensch, hat lange Tennis gespielt, war Vorsitzender seiner Abteilung. Klar, dass man da mal einen hebt. „Zu unproblematischem Suchtmittelkonsum gibt es übrigens keinerlei wissenschaftliche Untersuchungen“, spricht der Fachmann.

Wenn es problematisch wird, gibt es in Frankfurt heutzutage Institutionen wie die IDH. Das erste Projekt, das dieser von Wissenschaftlern, Studenten, Betroffenen und Unterstützern 1986 gegründete Verein auf die Beine stellt, ist ein Bus, der täglich in die Taunusanlage fährt und aus dem heraus saubere Spritzen und Kanülen an die Fixer ausgegeben werden. Außerdem wachen engagierte Studenten über die Männer und Frauen zwischen Rausch und Entzug, leisten Hilfe, wenn einer umkippt. „Das hat man auch bei der Stadt schnell als Unterstützung anerkannt. In der Taunusanlage saßen bis zu 1000 Leute. Die Rettungsdienste wurden so oft gerufen, dass sie Probleme hatten, den Rest der Stadt zu versorgen“, erinnert sich Happel.

Das war der Anfang. Und nun steht der 68-Jährige im Konsumraum an der Niddastraße, den die IDH seit 1995 betreibt und vor ein paar Monaten frisch renoviert und größer denn je wiedereröffnet hat. Das ist einer von fünf Standorten, an denen der Verein mit 150 Mitarbeitern ein Dutzend Projekte zur Versorgung Abhängiger betreibt. Bis zu 10 000 Drogensüchtige, so besagen Schätzungen, leben in Frankfurt am Main. Alkoholismus und Medikamentenabhängigkeit sind nicht mitgezählt.

In diesem Moment sind es zehn Männer und Frauen, die ruhig nebeneinander an kleinen Tischen sitzen. Dem Beobachter den Rücken zugewandt, vor sich eine Nierenschale mit Spritzbesteck, Desinfektionstüchern – und ein kleines Päckchen mit dem Stoff. Heroin meist, nach dessen Herkunft keiner fragt, und das sie sich hier in die Venen jagen.

Das passiert dutzendfach während des Gesprächs mit Volker Happel. Er hat dafür das Büro eines Mitarbeiters gleich neben dem Druckraum ausgesucht, das genauso nüchtern ist wie die gesamte Einrichtung. Weiß, Grau und Schwarz sind die vorherrschenden Farben, ein paar Zettel und Hinweisschilder die einzige Dekoration, an denen sich das Auge festhalten kann. Auch Happel kommt unaufgeregt daher. Er trägt Hose und Pullover, dazu bequeme Trekkingsandalen. Ein sportlicher Mann, den seit einiger Zeit eine Arthrose bremst. „Das ist eine ungeheure Einschränkung der Lebensqualität.“ Dafür, immerhin, hat er inzwischen etwas Zeit. Die Turniere der neuen Tennisqueen Angelique Kerber konnte er sich alle ungestört im Fernsehen anschauen. „Das sind für mich Momente des Glücks.“

Auch die Woche, die er gerade am Gardasee verbracht hat, sieht er als glückliche Zeit. Auf einer seiner nächsten Reisen erwartet ihn ein schwerer Gang. „Ich will endlich nach Israel, ich will Yad Vashem sehen.“ Denn es gibt noch ein Lebensthema, das ihn beschäftigt: Die Schuld seiner Vorväter. Lange haben seine Eltern geschwiegen, spät erst hat der zweitjüngste von vier Kindern erfahren, dass seine Familie in die Verbrechen der Nationalsozialisten verstrickt war. „Mein Vater war bei der SS, mein Großvater muss bei einem Pogrom in Gladenbach mitgemischt haben.“ Es ist eine schaurige Geschichte, er soll eine 80-jährige Jüdin eine Treppe hinuntergeschubst haben. „Das wühlt mich bis heute auf.“ Den erst nach Kriegsende geborenen Enkel trifft daran keine Schuld. Aber er empfindet sie. Genau wie sein Cousin. Gemeinsam kehren die Männer zurück an Schauplätze, treffen Zeitzeugen, stellen sich dem, was damals war. Gemeinsam wollen sie nun auch nach Israel reisen.

Happel tut sich nicht schwer damit, zu formulieren, was ihn bewegt. Manchmal macht er das musikalisch, für besondere Freunde dichtet er sogar Lieder, die er selbst mit der Gitarre begleitet. Folk, das ist seine Musik. Für die frühere Gesundheitsdezernentin Margarethe Nimsch (Grüne), mit der er gemeinsam das Ende der offenen Drogenszene in der Taunusanlage durchsetzte, hat er zum politischen Abschied einen Bob-Dylan-Song neu vertont: „Wer hat da am Stuhl gesägt?“. Und „Sie hat etwas begonnen, das muss weitergehen.“

Viele Leute hat Happel bereits durch den Konsumraum geführt, auch durchs „Eastside“ im Ostend, die größte Drogenhilfeeinrichtung Europas. Viel hat er erzählt über das anfängliche Chaos, über die Jahre, in denen der Verein immer knapp an der Pleite vorbeischrammte und er und seine Mitarbeiter wegen vermeintlicher Beihilfe zum Gebrauch illegaler Substanzen mit einem Bein im Knast standen. Inzwischen, davon ist er überzeugt, ruht die IDH auf solidem Fundament und ist ihr Kurs so festgelegt, „dass ein Nachfolger das nicht in Gefahr bringen würde“. Es sei an der Zeit, einen aufzubauen.

Happels Gäste etwa aus China oder Bayern wollten zumeist kaum glauben, was sie in Frankfurt sehen. Natürlich drängt sich die Frage auf, ob da nicht der Staat und seine Helfer den Drogen, die er doch selbst zu illegaler Ware gemacht hat, ein gemütliches Nest bereitet, in dem die Schwächsten, die Verfallenen, sicher und sauber ihre Dosis einnehmen können. Um dann wieder auf die Jagd nach dem nächsten Schuss zu gehen und so die milliardenschweren Taschen der Drogenbosse weiter füllen. Happel sieht dieses Große und Ganze selbstverständlich, sein Ausweg wäre eine liberalere Drogenpolitik, um den Mafiabossen und Dealern das Wasser abzugraben. Er plädiert dafür, dass der Staat Orte schafft, an denen jene, die ihn brauchen, ihren Stoff bekommen – ohne dafür Straftaten begehen zu müssen. Für Happel ist das ein humanistischer und deshalb erträglicher Gedanke. An eine abstinente Welt glaubt er nicht.

„In allen Zeiten ihrer Geschichte hatten die Menschen ihre Rauschmittel.“ Und in allen Zeiten gab es welche, die die Kontrolle über sich im Berauschtsein verloren haben. Die Menschenwürde, das ist Happels Punkt, geht damit aber nicht mit verloren. Deshalb darf man Junkies nicht einfach irgendwo im Park sitzen und verrecken lassen. Und deshalb ist der Schutz, den etwa der Konsumraum bietet, vor allem eine „hygieneorientierte Gesundheitsvorsorge“.

Heute lässt sich das gelassen erzählen. In Frankfurt ist man stolz darauf, auch an dieser Stelle liberal zu sein. Seit den heftigen Diskussionen der 1980er und 1990er Jahre scheinen eher Jahrhunderte als Jahrzehnte vergangen zu sein. Wobei – als Grüne und SPD kürzlich für einen stadtweiten Pilotversuch zur kontrollierten Abgabe von Marihuana warben, brachen die alten Fronten wieder auf. Zu Happels Leidwesen. „Ich hatte mir endlich einen Durchbruch erhofft.“

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