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Am Samstag ist es soweit: Dann öffnen Erika und Harald Bodens ihren Kiosk in Sachsenhausen zum letzten Mal.

Nach 43 Jahren

Harald und Erika Bodens geben Kiosk in Südbahnhof-Nähe auf

Harald und Erika Bodens haben 43 Jahre den kleinen Kiosk an der Stegstraße/Ecke Textorstraße in Sachsenhausen geführt. Am Samstag ist Schluss. Nach einem kleinen Umtrunk mit Stammkunden und Freunden schließt das Ehepaar seinen Laden. Für immer. Sie gehen in den Ruhestand.

Wenn Kunden den kleinen Kiosk an der Stegstraße/Ecke Textorstraße in Sachsenhausen betreten, dann haben Harald (68) und Erika (65) Bodens immer ein Lächeln für sie auf den Lippen, ein nettes Wort, ein offenes Ohr. Sie wissen meist, was die Kundschaft wünscht. Da will der eine ein Päckchen Zigaretten seiner Lieblingsmarke, ein anderer füllt noch schnell einen Lottoschein aus. „Und was denken Sie, schafft die Eintracht am Samstag die Sensation gegen die Bayern“, fragt Herr Bodens einen Stammkunden, der gerade eine Tageszeitung kauft. „Schwierig“, antwortet dieser, „ich denke es nicht.“

Gerade diese Gespräche über die Eintracht, ihre Erfolge und Misserfolge, die wird Harald Bodens, ein großer Fan der Adlerträger, vermissen. Denn am Samstag wird damit Schluss sein. Zumindest in dem kleinen Kiosk in der Nähe des Südbahnhofs. Harald und Erika Bodens schließen ihren Laden und verabschieden sich in den Ruhestand. „Nicht ganz freiwillig“, erzählt Herr Bodens. Ursprünglich hätten sie noch bis Ende des Jahres das Geschäft geführt, um es dann an einen Nachfolger abzugeben. Diesen gab es sogar schon. Doch dann kam die Kündigung des Mietvertrags dazwischen.

Das Haus wurde verkauft

. „Also hören wir schon jetzt auf. Nach 43 Jahren.“

Es war der 1. April 1975, als sich Harald und Erika Bodens in das Abenteuer Selbstständigkeit stürzten. Neuland für das Ehepaar, ist er doch gelernter Koch, sie Großhandelskauffrau. „Wir hatten zufällig die Anzeige in der Zeitung entdeckt, dass es hier in Sachsenhausen einen kleinen Kiosk zu vermieten gibt. Wir hatten 5000 Euro auf dem Konto gespart“, erzählt Herr Bodens. Als Koch sei er nicht mehr glücklich gewesen. An den Arbeitszeiten – an Wochenenden, abends, an Feiertagen – habe es gelegen. In dem kleinen Geschäft mitten in Sachsenhausen habe er die Chance für Neues gesehen. Also habe das Paar nicht lange überlegt, Interesse bekundet und den Vertrag unterschrieben.

„Und dann standen wir hier in einem leeren Laden. Nur die Zigaretten waren noch da.“ Freunde, Familie und Bekannte hätten den mutigen Schritt nicht verstanden, hätten ihnen davon abgeraten, sie dachten, es könne nicht funktionieren. Die Zeit aber sollte beweisen, dass es eben doch funktionieren kann. „Damals hätten wir aber auch niemals daran gedacht, dass wir hier letztlich mehr als 40 Jahre stehen.“

Am Anfang haben die Bodens gemeinsam mit ihrem ersten Kind erst in der Nachbarschaft gelebt, dann in der angeschlossenen Wohnung hinter dem Geschäft. Später leisteten sie sich ein Eigenheim in Bischofsheim. Seither fahren sie täglich – außer sonntags – von dort nach Sachsenhausen. Die Bindung in den Stadtteil haben sie aber nie verloren. Immer wieder betreten Kunden das Geschäft, sind traurig, dass sie bald ihre Zigaretten, Zeitungen oder Zeitschriften woanders kaufen müssen. „Das ist sehr schade. Ich bin immer sehr gerne hierher gekommen“, sagt etwa eine der Kundinnen, bevor sie geht.

Doch nicht nur Nachbarn, Schüler oder Hortkinder sind gerne zu den Bodens gekommen – auch viele berühmte Fußballer sind dort ein- und ausgegangen, liegt doch gegenüber des Kiosks die Pizzeria „La Traviata“, ein Stammlokal der Spieler von Eintracht Frankfurt. „Heribert Bruchhagen, Uli Stein, Wolfgang Solz, Heinz Gründel“, zählt Herr Bodens auf, „sie alle waren hier Kunden. Und noch viele mehr.“

Familie Bodens erlebte aber nicht nur schöne Momente in ihrem Kiosk. Es gab auch schwere Zeiten – ein ständiges Auf und Ab. Da war etwa der Neubau des benachbarten Textorbads von Mai 2004 bis November 2009. „Da waren hier die ganzen Straßen gesperrt. Die Menschen hatten Schwierigkeiten den Weg zu uns zu finden“, erzählt Erika Bodens. „Das war eine schlimme Zeit.“ Ein wenig geholfen hätte ihnen aber schon damals, dass sie Pakete und Päckchen von dem Versender Hermes annehmen. „Das ist bis heute ein wichtiges Standbein für den Laden“, sagt die 65-Jährige. Denn damit ist der Kiosk auf der Internetseite des Paketversenders gelistet. So würden viele Menschen zu ihnen kommen, um ein Paket aufzugeben oder abzuholen. „Und dann nimmt man eben noch schnell eine Zeitschrift mit oder etwas anderes.“

Ein Leben lang in Erinnerung wird Harald Bodens wohl auch den Überfall auf ihn behalten. „Meine Frau hatte gerade Feierabend gemacht und ich war dabei, die Tageseinnahmen zu zählen“, erzählt der 68-Jährige. „Plötzlich stand da ein Mann mit Sturmhaube und Handgranate vor mir.“ Geld her, Geld her, habe er gerufen. „Geistesgegenwärtig bin ich mit dem Geld in der Hand in die an den Laden angrenzende Wohnung gerannt und bin durch das Küchenfenster gesprungen.“ Der Täter war wohl so perplex, dass er ohne etwas zu klauen, aus dem Laden flüchtete.

Trotz dieses Erlebnisses sagt Herr Bodens: „Der Laden wird uns fehlen. Ich bin noch nicht bereit dafür, ihn aufzugeben. Das wird ein emotionaler Tag für uns.“ Die Erinnerungen an die vielen Gespräche mit den Kunden, die teilweise schon in zweiter Generation zu ihnen kommen, die vielen Erlebnisse, all das nimmt das Ehepaar mit in seinen Ruhestand. Und was machen sie jetzt mit all ihrer Zeit? „Wir haben drei Kinder und sieben Enkel, die finden sicherlich immer etwas, was wir für sie machen können“, sagt Harald Bodens. Ansonsten ließen sie die Zukunft aber einfach auf sich zukommen. „Langweilig wird uns sicher nicht.“

Ein letztes Mal öffnet das Ehepaar seinen Kiosk, Stegstraße 76, am Samstag um 6 Uhr und schließt ihn um 16 Uhr. Wie jeden Samstag. Seit 43 Jahren. Diesen Samstag aber ein letztes Mal.

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