Zauberer Pit Hartling verformt durch "pure Magie den roten Faden" im Grandhotel Hessischer Hof. Dort tritt er oft auf und verblüfft die Zuschauer.
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Zauberer Pit Hartling verformt durch "pure Magie den roten Faden" im Grandhotel Hessischer Hof. Dort tritt er oft auf und verblüfft die Zuschauer.

Der Rote Faden, Folge 195

Pit Hartling - Der Zauberer

  • VonInga Janovic
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Er kann Börsenkurse voraussagen und Gedanken lesen, hat Spielkarten im Griff und setzt Naturgesetze außer Kraft. Wer Pit Hartling bei der Arbeit zusieht, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Dabei besteht der Zauberer darauf, dass er gar nicht zaubern kann. Aber unterhalten und erstaunen, das kann er auf höchstem Niveau. Dafür widmen wir ihm Folge 195 unserer Reihe "Der rote Faden", in der wir Frankfurter vorstellen, die Außergewöhnliches tun.

Immerhin, es gibt eine schwarze Katze, die ihm um die Beine streicht. Das ist aber auch alles, was in der Wohnung von Pit Hartling zu den Bildern von Zauberern passt, die man aus seinen Kinderbüchern im Kopf hat. Hell und lichtdurchflutet ist hier alles. Eine Altbau-Wohnung, wie sie fürs Nordend typisch ist: Ein Mix aus Designklassikern, Ikeamöbeln und Omas guten Stücken; gleich mehrere gemütliche Plätze zum Lesen, ein großer Tisch mit Stühlen für Gäste. An den weißen Wänden Fotos auf Leinwand. Und alles sehr aufgeräumt.

Karten in der Hosentasche

Aufräumen, Ordnen, das ist eben eine Spezialität von Pit Hartling. Man gebe ihm Karten in die Hand und der 40-Jährige wird es beweisen (falls Sie kein Spiel dabei haben: Er hat immer eines in der Hosentasche). Da können der Gast und der Zauberer selbst noch so oft mischen, Karten in den Stapel schieben, sie drehen, vormerken – Hartling bringt sie letztlich immer in die angekündigte Reihenfolge, findet jedes Mal die gesuchte Karte – und dem Zuschauer bleibt nichts, als vor Staunen den Mund aufzureißen.

„Karten sind leicht und voller Möglichkeiten. Das ist für mich schon eine besondere Liebhaberei“, sagt er. Und es ist noch lange nicht der Höhepunkt erreicht, wenn Hartling Spielkarten dazu bringt, sich ineinander zu verlieben. Er liest auch Gedanken und sagt Börsenkurse voraus, er lässt Dinge verschwinden, Seile tanzen, Zerschnittenes zusammenwachsen. . . Selbst Profis seiner Zunft hat er mit seinen Kunststücken schon ins Grübeln gebracht, weil es nach menschlichem Wissen und Ermessen eben unmöglich ist, was der Mann da macht. Hartling ist deutsche Spitze und sogar Vize-Weltmeister im Zaubern. Um die 130 Auftritte hat er im Jahr, häufig wird er von Firmen für Kongresse oder Mitarbeiterfeste gebucht, er zeigt sein Können in Variétés, Fernsehshows und Theatern. Zudem ist er Teil der „Magic Monday Show“ im Frankfurter Theater „Die Schmiere“, in der seit ihrer Premiere vor 16 Jahren noch nie ein Zuschauerplatz frei geblieben ist.

„Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, kommentiert Hartling seinen Werdegang. Und der war, so ungewöhnlich der Beruf Zauberer auch scheinen mag, ein vollkommen geradliniger: Als Grundschüler hatte er in den Ferien zum ersten Mal einen Zauberer gesehen und war begeistert. Also fing er an, erste Tricks zu üben, „recht bald stand dann auch der Zauberkoffer unterm Weihnachtsbaum“. Der Verwandtschaft muss er in den nächsten Jahren mächtig auf die Nerven gegangen sein. Wann immer der kleine dünne Junge mit der Prinz-Eisenherz-Frisur eine Gelegenheit sah, führte er seine Tricks vor. „Da waren bestimmt auch viele schlechte dabei. Aber ich war niedlich, sie haben es mir durchgehen lassen.“

Der Zauberlehrling machte schnell Fortschritte, seine Mutter entdeckte für ihn den „Magischen Zirkel“, den Verein der Zauberer, der im Rhein-Main-Gebiet knapp hundert Mitglieder hat. Hartling war mal das Jüngste. „Sie hat mich da als Zwölfjähriger regelmäßig hingefahren.“ Die Familie lebt im idyllischen Nieder-Erlenbach, der Vater ist Oberarzt im Hanauer Krankenhaus. Pit und der vier Jahre ältere Bruder gehen auf die private Anna-Schmidt-Schule, sie sind gute Schüler, in Pits Falle mit klaren Prioritäten: „Sprache liegt mir mehr als Sport.“ Also mied der Bub den Fußballplatz, „ich saß lieber auf dem Bett und übte Kartentricks“. Wobei man das nicht falsch verstehen sollte – der kleine Pit war kein stiller, zurückgezogener Junge. Ganz im Gegenteil, er redete beinahe immer. „Ich war ein Klassenclown.“

Immer auch Comedy

Heute ist das sein Markenzeichen: Hartlings Auftritte sind immer auch ein wenig Comedy-Shows, er redet viel, witzelt mit dem Publikum, kokettiert damit, dass er von eher schmächtiger Statur ist, die kleine Brille passt gut zur Rolle, die gar nicht so weit weg vom wahren Menschen ist. Aber man ahnt, dass ihm all’ die kleinen Ablenkungen für das Gelingen seiner Tricks höchst willkommen sind. . .

Erst 17 ist der Frankfurter, als er zum Weltkongress der Magier nach Tokio fährt und dort einen zweiten Platz macht. Danach räumt er noch reihenweise Preise ab, in Deutschland, in London, Las Vegas und Hollywood. Und er macht Furore mit den Bühnenshows der „Fertigen Finger“, einem Ensemble aus zehn preisgekrönten Zauberern. Hartling wird zum Vorbild für die nächste Generation. Sein Buch „Card Fictions“, das er 2003 veröffentlicht, gilt inzwischen als moderner Klassiker. Kollegen haben es ins Spanische, Italienische, Französische und sogar Japanische übersetzt. Stolz legt Hartling die Exemplare auf den Tisch.

Zauberer verraten ihre Zaubertricks? „Selbstverständlich, aber als Laie können sie wenig damit anfangen. Wenn Sie die Noten für Beethovens Werke haben, sind Sie noch lange kein Pianist.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Zweites Buch geschrieben

Statt bei Weltmeisterschaften sein Können zu beweisen, gibt der 40-Jährige inzwischen Seminare. „Mit den Büchern und den Kursen speise ich etwas in den großen Topf dieser Kunst ein.“ Vor einigen Monaten hat Hartling sein zweites Buch vorgelegt: „In Order to Amaze“, für die internationale Zielgruppe gleich auf Englisch verfasst, selbst verlegt – und schon zur Hälfte verkauft.

„Ich habe meine Preise früh gewonnen. Das Ego war happy und ich konnte mich um das Wesentliche kümmern.“ Ob man in seinem Falle überhaupt vom Wesentlichen sprechen könne, darüber hat er in jüngeren Jahren häufiger nachgedacht. „Mein Vater war Arzt, er rettete Leben, das ist fraglos ein sinnvoller Beruf. Aber Zauberer?“ Hartling hat seine Antwort gefunden: „Auch Ärzte müssen sich irgendwann seelisch aufladen.“

Natürlich braucht auch ein Zauberer seine Auszeiten. Hartling malt dann gern Ambigramme, Schriftzüge, die von links und rechts oder oben und unten gelesen immer gleich aussehen. Für seine Zauberkarten hat er eines aus seinem Namen gemacht und auf die Rückseiten drucken lassen. Oder er tankt Kraft beim Klavierspielen, bei gutem Essen und auf Reisen mit seiner Frau. Erst im vergangenen Frühling haben die beiden geheiratet, ein Paar sind sie schon viel länger. Hartlings Frau hat ihn zu den Katzen gebracht, sie ist studierte Mathematikerin, arbeitet als Unternehmensberaterin und ja, „ich bin mal für ihre Firma aufgetreten, danach sind wir ins Gespräch gekommen.“

Die Engagements auf Jubiläumsveranstaltungen, Konferenzen oder Weihnachtsfeiern von Banken, Versicherungen oder Mittelständlern sichern dem Zauberer das Einkommen. Aber jeden zweiten, dritten Abend ein Auftritt – wird er es nicht irgendwann leid, die immer gleichen Tricks vorzuführen? Und launig daher zu plaudern, auch wenn er mal einen schlechten Tag hat? „In dem Moment, in dem die Show beginnt, ist meine Unlust weg.“ Da ist der Künstler Diener seines Publikums: „Für die Leute ist es ein besonderer Abend, also muss es auch für mich einer sein.“ Dass er nicht irgendwo fest engagiert ist, sei dabei durchaus hilfreich: „Es ist für mich leichter, in jeder Vorstellung die Illusion des ersten Mals herzustellen, wenn ich immer wieder woanders bin.“

Präzisionsarbeit

Eine Illusion herstellen – das klingt technisch und das ist es auch. „Zaubern ist Präzisionsarbeit.“ Um Zauberei mag sich viel Romantisches und gar Mystisches ranken, die, die sie beherrschen, sind meist überaus rationale Denker. In den Biografien der Zauberkünstler, die heutzutage als die Größten ihrer Zunft gelten, taucht überproportional häufig das Studienfach Physik auf. Auch Hartling glaubt allein an die Naturwissenschaften, wobei er an der Frankfurter Goethe-Universität mal für Literaturwissenschaften, Linguistik, Psychologie und Philosophie eingeschrieben war. Nach sieben Semestern brach er ab, weil sich abzeichnete, dass er es mit Zaubertricks deutlich weiter bringen würde.

„Ich glaube nicht an übersinnliche Fähigkeiten oder daran, dass zwischen Himmel und Erde noch irgendeine Kraft wirkt.“ Etwas anderes würde er auch seinem Publikum nie vorgaukeln, der Zauber um seine Zaubereien funktioniere übers Gefühl. „Ich sage in der Show zwar: ,Ich lese Ihre Gedanken’ und die Leute sollen das auch glauben. Aber natürlich nicht intellektuell, sondern emotional.“

Aber wenn er nun doch „richtig“ zaubern könnte, was würde er dann tun? Ausgerechnet über diese Frage muss Hartling lange nachdenken. „Ich weiß ja nicht mal, was ich mir zum Geburtstag wünschen soll.“ Aber doch, wenn er könnte, würde er „überall einen Hauch Ego verschwinden lassen“, damit sich die Menschen mehr übereinander freuen, statt ständig zu missgönnen. „Man könnte sich Komplimente machen, sinnfrei nett sein.“

In den Nachtstunden, wenn andere schlafen, grübelt Hartling über solche Fragen oder neue Tricks nach, er wälzt Bücher, gern die von Lewis Carroll, Douglas Hofstadter und Martin Gardner, und denkt sich neue Nummern aus. Bis er damit auftritt, lässt er sich viel Zeit; er ist einer, der das Üben nicht scheut.

Jede Nummer, die der Frankfurter einstudiert, folgt der Philosophie seines großen Vorbildes, des spanischen Zauberkünstlers Juan Tamariz (Jahrgang 1942). Um dessen Bücher zum theoretischen Konzept der Unmöglichkeit lesen zu können, brachte sich Hartling sogar Spanisch bei. Viel über seine Kunst lernte er in der „Escuela Mágica de Madrid“, der 1971 gegründeten Zaubererakademie seines Idols. „Ich glaube wie Tamariz, dass Zaubern mehr ist als ein Trick, von dem das Publikum nicht weiß, wie er geht. Das, was es auf der Bühne sieht, soll ihm schier unmöglich vorkommen.“

Wie das wiederum möglich ist, darüber schweigt der Meister. Er ist sich seiner Kunst so sicher, dass er sich gern ganz genau auf die Finger schauen lässt. Bei der „Magischen Soirée“, die er regelmäßig im Hotel Hessischer Hof abhält, sitzen die Gäste einen Teil des Abends mit ihm am Spieltisch – und bekommen trotzdem nicht mit, wie es möglich ist, das vollkommen durchmischte Kartenspiel wieder nach Farben zu ordnen. Und auch die Videos von seinen Auftritten, von denen etliche im Internet zu sehen sind, kann man wieder und wieder abspielen, den Ton abschalten und ihm ganz genau auf die gepflegten, flinken Finger schauen – der Kerl ist einfach zu geschickt.

Großartiger Spaß

Aber in Wahrheit will man auch gar nicht wissen, wie’s gemacht wird. Dann wäre es mit dem Staunen und den aufgerissenen Mündern ja vorbei. Hartling beneidet sein Publikum ein bisschen um das große Wundern: „Das ist das einzig Schlechte an meinem Beruf: Ich selbst kann über die Tricks nicht mehr staunen.“ Aber wenn Kollegen mit Neuem auf die Bühne treten, und selbst er nicht sieht, wie ihnen die Show gelingt, „dann ist das wirklich ein großartiger Spaß.“

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