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"Ich hatte nicht im Kopf, etwas zu werden?: Ina Hartwig, hier beim SPD-Parteitag Ende Mai.

Literaturkritikerin als Kulturdezernentin

Ina Hartwig: Die große Unbekannte im Magistrat

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Vier Dezernenten wird die SPD in der neuen Stadtregierung stellen. Eine von ihnen ist die designierte Kulturdezernentin Ina Hartwig. Anders als ihre drei Kollegen ist sie bisher politisch nicht in Erscheinung getreten. Versuch einer Annäherung.

Es war eine Überraschung: Die SPD im Römer nominierte die 53-jährige Literaturkritikerin Ina Hartwig als Kulturdezernentin. Sie ist unter anderem eine ausgewiesene Expertin des Romanciers Robert Musil. „Seinesgleichen geschieht“, so hätte wohl der österreichische Autor Hartwigs Nominierung ironisch kommentiert. Hartwig glaubt, „dass einen die Literatur auf das richtige Leben vorbereitet – wenn man die richtige Literatur liest“. Musil ist dafür eine geeignete Lektüre.

Am Beispiel der Parallelaktion im „Der Mann ohne Eigenschaften“ schildert er das Treiben in unsinnigen Arbeitskreisen. Er beschreibt die wirksamen Mechanismen der kaiserlich-österreichischen Bürokratie wie die Ablage „Asserviert“. Dort landen Dinge, von denen der Amtsleiter die berechtigte Hoffnung hat, dass sie sich im Laufe der Zeit von selbst erledigen.

„Auch im Literaturbetrieb gibt es eine Form von politischen Verfahren, die mit politischen Gremien vergleichbar sind“, findet Hartwig. Sie gehörte einigen Jurys zur Verleihung von Buchpreisen an. Journalismus habe sie immer auch als politische Arbeit begriffen. Journalisten könnten sich klar ausdrücken und Kriterien formulieren, sagt sie.

Als sie 2012 in die SPD eintrat, „hatte ich nicht im Kopf, etwas zu werden“, sagt sie. Die Idee, dass Ina Hartwig Kulturdezernentin in Frankfurt werden könnte, hatte ihrer Aussage nach der Frankfurter SPD-Vorsitzende und designierte Planungsdezernent Mike Josef, „nicht ich“. Gleichwohl findet sie, „dass es Zeit wird, dass ich mich einbringe“.

Ein Kapitel in Musil Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“ lautet: „Erster von drei Versuchen, ein bedeutender Mann zu werden.“ Ist nun Hartwigs neue Karriere als Kulturdezernentin nach ihren Tätigkeiten als Redakteurin und Literaturkritikerin der dritte Versuch, eine bedeutende Frau zu werden?

Sie sieht das anders und verweist auf den Literaturnobelpreisträger Octavio Paz, nach dem sich das Leben eines Menschen in drei aufeinanderfolgende Abschnitte gliedert: Die Liebe, die Arbeit und die Politik. Hartwigs Liebe gilt ihrem Ehemann Ulf Erdmann Ziegler, Essayist und Schriftsteller, in der Arbeit widmet sie sich der Literatur, und nun kommt für sie das Lebensalter der Politik. Zwölf Jahre ihres Lebens, von 1997 bis 2009, war Hartwig Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau (FR). Die ersten beiden Jahre besprach sie Sachbücher, ab 1999 war sie dann Literaturkritikerin. Zuvor hatte sie Romanistik und Germanistik in Avignon und Berlin studiert. Der Titel ihrer Doktorarbeit lautet: „Sexuelle Poetik. Proust, Musil, Genet, Jelinek.“ Das Werk der vier Autoren wiegt schwer in der Literaturgeschichte.

Allein Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist über 4000 Seiten stark, Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ über 2000 Seiten. Die Beschäftigung mit solchen Wälzern lässt den Verdacht aufkommen, dass Ina Hartwig fleißig sein könnte. Sie selbst sagt dazu nur: „Eine Norddeutsche lobt sich nicht dafür, fleißig zu sein.“ Geboren ist die 53-Jährige in Hamburg. Mit sechs Jahren zog die Familie nach Lüneburg. Dort unterrichtet der Vater als Oberstudienrat. Hartwig charakterisiert ihn als typischen Exponenten sozialdemokratischen Bildungsbürgertums. Ihr Vater trat 1957 in die SPD ein. „Er ist auch mein politischer Lehrer“, sagt sie. „Er hat immer an das sich modernisierende Deutschland geglaubt.“

Hartwigs Verdienste in der Literaturkritik sind unbestritten. Seit 2010 arbeitet sie als freie Autorin, Kritikerin und Moderatorin und schreibt unter anderem für die „Süddeutsche Zeitung“ und „Die Zeit“. Regelmäßiger Gast ist sie in der 3sat-Sendung „Kulturzeit“. 2011 erhielt sie den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik. Seit 2013 gehört sie zum Team der 3sat-Sendung „Buchzeit“. Gerade hat sie ein Buch über Ingeborg Bachmann vollendet.

Selbst Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU), der nun ein Jahr früher aus dem Amt scheiden musste, sagte im FNP-Interview über seine designierte Nachfolgerin: „Sie ist eine ausgewiesene Intellektuelle, vor der ich großen Respekt habe.“ Die große Frage aber bleibt: Kann Hartwig auch Politik?

Als Bildungsdezernentin Jutta Ebeling (Grüne) 2006 Kulturdezernentin werden wollte, soll dies die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) mit den Worten abgelehnt haben: „Adorno gelesen zu haben, reicht nicht.“ Selbstverständlich hat Hartwig Adorno gelesen: „Gründlich und zwar früh.“ Ihr Vorgänger, der Literaturprofessor Semmelroth, gilt ebenfalls als brillanter Intellektueller, aber eben auch als Realpolitiker. Das konnte er als Büroleiter von Petra Roth lernen. Ein Frankfurter Kulturdezernent führt nicht nur hochgeistige Debatten, er ist als Zoodezernent auch zuständig für das Raubtiergehege. Die Frankfurter Giraffen brauchen beispielsweise dringend ein neues Haus. Mit dem Zoo fremdelt die neue Dezernentin noch, sagt aber: „Da muss ich allerschnellstens hin.“

Über Journalisten in der Politik gibt es unterschiedliche Ansichten. Sie haben einige Berufskrankheiten, die in der Politik schädlich sind. Sie sind häufig eigensinnig, weil Schreiben eine einsame Angelegenheit ist. Sie sind persönlich empfindlich wie Kabarettisten, während Politiker ein dickes Fell brauchen. Es gibt aber auch positive Meinungen über die schreibende Zunft. Reichskanzler Otto von Bismarck vertrat die Auffassung, dass man aus jedem guten Redakteur jederzeit einen guten Staatssekretär machen könne. Das macht Hoffnung.

Hartwig lebt in Frankfurt und schätzt die Mentalität seiner Bewohner. Frankfurt sei „unpreußisch, von gelassener Alertheit, unvoreingenommen, geprägt von einer Volkstümlichkeit, bei der jeder mit jedem redet. Eine professionelle, schnelle, intelligente Stadt“. Was Frankfurt ihrer Meinung nach fehlt, ist Müßigkeit.

Der von Hartwig geschätzte Schriftsteller Musil sagte einmal in einem Interview, er wolle „Beiträge zur geistigen Bewältigung der Welt“ liefern. Ist das auch ihr Anspruch? „Das steht einer Literaturkritikerin und SPD-Politikerin nicht zu“, sagt sie. „Jeder muss seinen kleinen Beitrag leisten, und das möchte ich.“

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