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Ohne seinen Einsatz wäre es vermutlich nie zum Auschwitz-Prozess gekommen: Generalstaatsanwalt Fritz Bauer.

Fritz Bauer

Haus Gallus: Ein unscheinbarer Ort mit großer Geschichte

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Äußerlich ist der Saalbau Gallus ein eher unscheinbares Gebäude, doch in seinen vier Wänden trug sich Anfang der 60er Jahre Geschichte zu, die dieses Land für immer verändern sollte: die ersten Frankfurter Auschwitzprozesse. Eine Spurensuche an einem ungeahnt historischen Ort.

Es ist ein schmuckloser Bau an der Frankenallee im Gallus. Der funktionelle Veranstaltungsraum mit seiner Betongitter-Fassade lässt kaum vermuten, dass es sich um einen historischen Ort handelt. Vielleicht einen der bedeutsamsten der Stadt. Denn ohne Zweifel kann der Saalbau Gallus in einer Reihe mit der Paulskirche, dem Römer oder dem Dom genannt werden – hier wurde Geschichte geschrieben. Es war der größte Strafprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte, der im Saal des Haus Gallus stattfand: der erste Frankfurter Auschwitzprozess.

Sehen Sie ein Video-Portrait mit Gerhard Wiese über den Prozess.

Es war jene maßgebliche Gerichtsverhandlung, in der erstmalig die Schreckenstaten deutscher SS-Leute im Konzentrationslager Auschwitz bestraft wurden. Nicht nur, dass ein Land die Verbrechen seiner eigenen Staatsgewalt sanktionierte, läutete damals eine Zeitenwende ein. Mit dem Auschwitz-Prozess wurde eine Zeit des schamvollen Verdrängens beendet und einer historisches Aufarbeitung des Holocausts der Weg bereitet.

Denn in den Nachkriegsjahren war kein Bestreben in Deutschland zu spüren, die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges ins Bewusstsein zu rücken. Orte wie das Konzentrationslager Auschwitz, jener Ort, an dem 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen fabrikmäßig ermordet wurden, wurden verschwiegen. Erst Recherchen des Frankfurter Journalisten Thomas Gnielka und die Initiative des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer ermöglichten es schließlich, Verfahren gegen 22 Auschwitz-Täter anzustrengen.

Dabei kamen auch Taten wie die des angeklagten SS-Oberscharführer Wilhelm Boger, der sogenannten Bestie von Auschwitz, zu Sprache. Boger selektierte ankommende Häftlinge und entwickelte ein Folterinstrument, um quälende Verhöre bis zum Tod durchzuführen. Zeugen berichteten, er habe Spaß dabei gehabt. Geschichten wie diese schockierten und gaben dem Land die Chance, sich mit der eigenen Schuld zu konfrontieren.

Die Zeit drängte

Daher galt es diese unbegreiflichen Verbrechen vor Gericht zu bringen. Für drei Richter, sechs Geschworene, vier Staatsanwälte, 19 Verteidiger und 22 Angeklagte musste seinerzeit ein Raum gefunden werden. Die Frankfurter Justiz verfügte jedoch über keinen Raum in der erforderlichen Größe. Der 1880 errichte Schwurgerichtssaal am Frankfurter Gericht war zu klein und ein neuer war noch nicht fertig. Doch die Zeit drängte: „Wir mussten noch im Jahr 1963 mit dem Verfahren anfangen“, erinnert sich der damalige Staatsanwalt Gerhard Wiese (89). Wäre sie in das darauffolgende Jahr verschoben worden, wäre ein Großteil der Vorbereitungen in neue Kompetenzen gefallen und hinfällig geworden.

Also musste sich der damalige Präsident des Landgerichtes um eine neue Örtlichkeit bemühen. Kriterien habe es dafür keine gegeben, blickt Wiese zurück. Der Raum musste nur groß genug sein, damit die insgesamt 87 Prozessbeteiligten, 143 Zuhörer und 124 Pressevertreter darin Platz finden können. Schließlich konnte das Landgericht einen Vertrag mit der Saalbau AG erzielen. Diese stellte den Saalbau Gallus für die 17 Monate des Prozesses der Justiz zur Verfügung – allerdings erst nach dessen Fertigstellung. Denn ehe das Gebäude vollendet war, sollten noch drei Monate ins Land gehen.

Also war eine Übergangslösung vonnöten. Dafür hatte der Präsident des Landgerichts den Saal der Stadtverordneten im Römer ins Auge gefasst, doch der damalige Stadtverordnetenvorsteher habe den Vorschlag abgelehnt: „Politik geht vor“ habe er betont, blickt Wiese zurück. Dann jedoch habe Oberbürgermeister Werner Bockelmann ein Machtwort gesprochen und den Saal zur Verfügung gestellt. Am 20. Dezember 1963 konnte der historische Prozess schließlich im Stadtverordnetensaal beginnen. „Ich weiß nicht, wie sich die Stadtverordneten in den drei Monaten beholfen haben“, blickt Wiese zurück.

Keine Reue

Erst am 3. April 1964 zog die Verhandlung schließlich in den Saalbau Gallus um. Zuvor mussten dort noch für 90 000 Markt einige bauliche Veränderungen vorgenommen werden. So wurde der Saal etwas umgebaut und ein kleines Vermittlungsamt der Post mit 20 Telefonanschlüssen und zehn Fernschreibern eingerichtet. Im Untergeschoss wurden zudem ausbruchssichere Räume geschaffen, in denen die Angeklagten in den Verhandlungspausen verpflegt wurden.

Im August 1965 endete mit den Urteilsverkündungen schließlich die Nutzung des Haus Gallus als Gerichtssaal. 17 Angeklagte wurden damals verurteilt – sechs von ihnen lebenslänglich. Drei wurden mangels Beweisen freigesprochen. Reue indes zeigt kein einziger.

Trotz der baulichen Veränderungen erkennt Wiese den Raum, in dem damals Geschichte geschrieben wurde, noch heute gut wieder: „Im Grunde sieht es in dem Saal immer noch so aus wie damals“, erzählt er und blickt zurück: „Das Schwurgericht saß auf der Bühne, links war der große Block mit den Angeklagten und deren Verteidigern, rechts saßen die Staatsanwälte und Nebenkläger.“ Der Raum sei pragmatisch gewesen. Den altehrwürdigen Flair eines Gerichtssaals habe er dort nie verspürt.

Aussagen im O-Ton

Auch heute erinnert der funktionale Zweckbau äußerlich in keinster Weise an die historische Bedeutung, die er damals für eine Weile inne hatte. Eine schwarze Gedenktafel vor dem Eingang weist immerhin auf die Geschichte hin. Im Jahr 2006 wurde zudem im Inneren des Gebäudes eine interaktive Kachelwand installiert. Mit Hilfe dieser Installation können sich Besucher historische Zeugenaussagen im Originalton anhören.

„Wir wollten damit insbesondere Schulklassen ansprechen“, erklärt der Geschäftsführer der Frankfurter Wohnungsbaugesellschaft, Frank Junker. Leider halte sich die Resonanz sehr in Grenzen. Zwar würden sich gelegentlich Besucher und Teilnehmer der dortigen Veranstaltungen mit der Gedenk-Installation auseinandersetzen, ganze Schulkassen kämen jedoch nur selten.

Am 16. Mai diesen Jahres kehrte die Erinnerung an den historischen Auschwitz-Prozess schließlich in den Saalbau zurück. Bei einem Festakt wurde eine offizielle Urkunde der Unesco an das hessische Landesarchiv und das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst übergeben. Der Grund: Bereits seit dem 30. Oktober 2017 zählen die insgesamt 456 Aktenbände und 103 Tonbänder als 424-stündiger Mitschnitt aus der Hauptverhandlung zum Weltdokumentenerbe.

Gedenken an Fritz Bauer

Morgen um 11.30 Uhr wird zum 50. Todestag in einem Gedenkakt in der Frankfurter Paulskirche an Bauers Wirken erinnert. Zu der geschlossenen Veranstaltung wird auch der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) als Gastredner erwartet.

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