Das halbe Dach ist bereits abgedeckt: Das älteste Haus in Niederrads Ortskern, das auf vielen alten Postkarten zu sehen ist, wird abgerissen.
+
Das halbe Dach ist bereits abgedeckt: Das älteste Haus in Niederrads Ortskern, das auf vielen alten Postkarten zu sehen ist, wird abgerissen.

Niederrad: Kein Denkmalschutz

Haus aus dem 17. Jahrhundert ist Geschichte

Der Abriss des alten Walmdachhauses in der Kelsterbacher Straße hat begonnen.

Seit Freitag standen Halteverbotsschilder vor dem Haus in der Kelsterbacher Straße, seit gestern thront ein riesiger Baucontainer wie ein Sichtschutz vor dem Gebäude. Doch es ist unverkennbar, was dahinter passiert: Arbeiter tragen das Dach ab, Ziegel um Ziegel landet krachend im Container.

"Wie achtlos die mit den alten Ziegeln umgehen, dafür gibt es doch Sammelstellen", sagt Waltraud Umbach. "Die Ziegel hätten noch 300 Jahre länger gehalten". Die Niederräderin ist den Tränen nah, "die Gefühle gehen durcheinander. Vor allem ist es Wut, ich habe die ganze Zeit Tränen in den Augen", schildert sie.

Zusammen mit ihrem Mann Benno Mayer und anderen Anwohnern hat sich Umbach monatelang darum bemüht, dass das liebgewonnene Haus, das mit fast 300 Jahren älteste Gebäude in Niederrad, stehen bleibt. Doch der offene Brief mit 40 Unterschriften von alteingesessenen, engagierten Bürgern aus dem Stadtteil hat nichts bewirkt. "Ich bin zornig. Wir haben es ja erwartet, dass der Abriss kommt. Aber dass wir nicht einmal eine Reaktion erhalten haben, macht mich sauer", sagt Mayer. Dem Aufruf zum spontanen Protest folgten gestern Nachmittag ein halbes Dutzend Niederräder. Sie wollten zeigen, dass man im Stadtteil nicht einverstanden ist damit, "dass unsere Kulturgeschichte kaputt gemacht wird."

Gegen die Entscheidung des Denkmalamts, das Haus sei abrisswürdig, waren die Anwohner aber letztlich machtlos. Auf ihre Angebote ging niemand ein, weder Bauaufsicht noch Denkmalamt. "Wir haben sogar mitgeteilt, dass es Interessenten gibt, die das Haus kaufen und sanieren würden", berichtet Benno Mayer. "Unser Einwand, dass ein unabhängiges Gutachten nötig sei und sich uns bekannte Sachverständige bereit erklärten, dieses kostenlos anzufertigen, wurde nicht mal mit einer Antwort bedacht".

Im Stadtparlament wurde das Haus zwar mit einem Antrag der FDP thematisiert, der forderte, das Haus unter Denkmalschutz zu stellen. Allerdings bestand dieser bereits, und zwar in Form eines Ensembleschutzes. Doch dieser schwache Schutz bewahrt ein altes Haus augenscheinlich nicht vor dem Abriss. Denn wenn das neue Haus sich in die benachbarten Gebäude einfügt, ist der "Ensembleschutz" aus Sicht der Ämter gewahrt.

Das sieht Mike Schwan, direkter Nachbar, allerdings anders. Denn ihm wird, den Neubauplänen der Eigentümerin Mamax GmbH nach zu urteilen, mit dem Neubau ein höheres Gebäude vor die Nase gesetzt. Er hat sein Haus seinerzeit aufwendig nach Denkmalschutzauflagen saniert. Deshalb hatte Schwan einen Anwalt eingeschaltet und Widerspruch gegen den Abriss bei der Bauaufsicht eingelegt. Doch vergangene Woche war endgültig klar, dass der Abriss dadurch nur aufgeschoben worden war. Die Bauaufsicht ließ ihm die Anordnung der sofortigen Vollziehung der Abbruchgenehmigung per Brief zukommen.

Stadtbezirksvorsteherin Stefanie Then (SPD) findet, die Ämter hätten besser kommunizieren müssen. "Zumindest hätte man die Beweggründe transparenter machen können und auch die finale Entscheidung für den Abriss, den ich persönlich nach wie vor für nicht richtig halte", sagt sie. Auch ihre Parteikollegin und Ortsbeirätin Petra Korn-Overländer ist sauer über das Vorgehen der Ämter. "Wir konnten ja gar nicht einschreiten, weil wir nicht informiert waren über den geplanten Abriss", sagt sie.

Ihre Anträge von Anfang August auf Erhalt und Sanierung des Hauses, den der Ortsbeirat 5 einstimmig beschloss, kamen deshalb zu spät, um auf politischer Ebene etwas zu bewirken. Das soll der zweite Antrag, den Korn-Overländer einbrachte, künftig verhindern. "Der Ortsbeirat muss in Zukunft informiert werden, wenn der Abriss eines alten Hauses ansteht", so die Sozialdemokratin. Stefanie Wehr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare